Post aus Japan: Lunch im Mietwagen

In Nippon zeigen erfinderische Menschen, dass es beim Carsharing nicht immer um Fortbewegung gehen muss. Eine Anregung für neue Geschäftsideen im Zeitalter autonomer Fahrdienste.

vorlesen Druckansicht 2 Kommentare lesen
StraĂźenverkehr in Japan

Fahren muss man auch nicht immer.

(Bild: dpa, Kimimasa Mayama)

Lesezeit: 3 Min.
Von
  • Martin Kölling

Autos als Liebesnester zu missbrauchen, hat eine lange Tradition im Westen. Für einige Jahrzehnte ließ sich damit sogar ein Geschäft machen: mit Autokinos. Die Verbreitung von Carsharing bringt in Japan nun neue Ideen der Autonutzung hervor, die mit Mobilität als Dienstleistung nichts zu tun haben. So stellten diverse japanische Carsharing-Anbieter fest, dass ein Teil der Nutzer die Wagen offenbar nicht zum Fahren verwendet, sondern für allerlei andere Dinge nutzt.

Post aus Japan
Post aus Japan

Japan probiert mit Elektronik seit jeher alles Mögliche aus - und oft auch das Unmögliche. Jeden Donnerstag berichtet unser Autor Martin Kölling an dieser Stelle über die neuesten Trends aus Japan und den Nachbarstaaten.

Ein beliebter Nebennutzen ist offenbar die Verwendung des Autos als klimatisierter Picknickort für das mitgebrachte und frisch gekaufte Lunchpaket. Andere verwenden geteilte Autos wie viele japanische Taxi- oder Auslieferungsfahrer – als Bett für einen kurzen Schlummer, fand die Zeitung Asahi heraus. Und das sind nur zwei Anwendungen, an die die Anbieter japanischer Carsharing-Dienste wohl nicht gedacht haben.

Ein Unternehmen fand durch Befragungen heraus, dass einige Kunden Einkäufe in Mietautos deponieren, wenn sie keine Schließfächer finden oder, wenn diese voll sind. Andere nutzen sie als bequeme Ladestationen für mobile Geräte oder schauen TV auf den großen Bildschirmen der Autonavigationssysteme. Auch als privates Minibüro oder Treffpunkt für persönliche Konversationen wurden Autos schon verwendet.

Und es handelt sich offenbar nicht um Einzelfälle. In einer Umfrage des Mobilnetzanbieters NTT Docomo haben ein Achtel von rund 400 Befragten gestanden, Autos von Carsharing-Anbietern schonmal zweckentfremdet zu haben.

Mich ĂĽberrascht der recht hohe Anteil, angesichts der Struktur der japanischen Carsharing-Branche, nicht. Anders als in Deutschland sind es nicht die Autohersteller, die mit Carsharing-Diensten Geld machen wollen, sondern nationale Parkplatzanbieter wie Times24-Parking. Der Grund dafĂĽr ist, dass Autos in Japan so gut wie nirgendwo am StraĂźenrand geparkt werden dĂĽrfen. Stattdessen haben sich private Parkplatzketten verbreitet, auf die die Autohersteller aber keinen Zugriff haben.

Times24 ist dabei mit 12.000 Parkplätzen landesweit der führende Anbieter. Und der Konzern nutzt seine Reichweite, um auf seinen Parkplätzen ein oder mehrere Mietautos anzubieten, die Kunden des Carsharing-Clubs per Handy in 15-Minuten-Blöcken reservieren können. Andere Anbieter wie Careco und Orix ahmten dieses Geschäftsmodell nach. Und so kommt es, dass Japaner an vielen Orten minutenweise Autobesitzer werden können.

Bei Car Share Plus von Times24 zahlen die Kunden 1.000 Yen pro Monat (rund acht Euro) an Mitgliedsgebühren und dann 206 Yen pro 15 Minuten Nutzung, gefahrene Kilometer und Benzin inklusive. Beim Konkurrenten Careco kostet ein Kleinwagen an Wochentagen sogar alle zehn Minuten nur 80 Yen (65 Euro-Cent). Ein 30-Minutenschlummer, vollklimatisiert und privat, wird damit zu einer zudem preiswerten Alternative zu den "Internet-Cafés", in denen Kunden auf Sofas (billig) oder in privaten Separées Manga-Comics lesen oder eben auch schlafen können.

Interessant werden diese Arten der Zusatznutzung mit der Verbreitung von autonomen Autodiensten. Toyota hat mit seinem Konzept "e-Palette" bereits rollende Büros oder Supermärkte angedacht. Eine weitere Idee könnten ja auch Liegebusse sein, die durch die Städte kreuzen und Mittagsschläfer aufsammeln.

Lesen Sie dazu auch:

()