Sexueller Missbrauch und Cyber-Mobbing: Jugendschützer rügen Tumblr und TikTok

Kinder und Jugendliche seien im Netz zu oft sexualisierter Gewalt, Übergriffen, Hass oder kollektiven Suizidaufrufen ausgesetzt, kritisiert jugendschutz.net.

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Jugendschutz im Internet

(Bild: dpa, Nicolas Armer)

Lesezeit: 7 Min.
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Die Gefahr von Mobbing, Belästigung und Beeinträchtigungen etwa durch ungeeignete Werbung ist für Kinder und Jugendliche vor allem in sozialen Netzwerken und Online-Spielen weiterhin hoch. Zu diesem Schluss kommen die Autoren des Jahresberichts 2018 von jugendschutz.net, den das Kompetenzzentrum von Bund und Ländern am Freitag veröffentlicht hat. Viele Apps und Webseiten, die sich gezielt an die jüngeren Altersstufen richten, hätten "keine wirkungsvollen Schutzmechanismen".

Für Darstellungen sexualisierter Gewalt an Kindern "werden gezielt jugendaffine Social-Media-Dienste wie Tumblr, WhatsApp und Instagram genutzt", beklagen die seit 22 Jahren aktiven Jugendschützer. Pädosexuelle posteten dort mehr oder weniger offen Missbrauchsabbildungen. Sie kommentierten Alltagsfotos von Kindern und Jugendlichen sexuell oder nutzen die Angebote, um sich zu vernetzen.

Vor allem bei der Blogging-Plattform Tumblr dokumentierte jugendschutz.net laut dem Bericht erneut eine Vielzahl an Verstößen aus dem Themenfeld. Darunter seien selbst Bilder gewesen, die sexuelle Missbrauchshandlungen an Kleinkindern zeigten und frei verfügbar gewesen seien. Der Dienst habe sie zwar nach Hinweis durch die Stelle entfernt. Bei Stichproben fänden sich jedoch immer wieder einschlägige Darstellungen. Die Jugendschützer fordern: "Tumblr muss hier auch proaktiv tätig werden."

Auf Instagram spielten sich entsprechende unschöne und illegale Szenen vor allem über Profile ab, die nicht öffentlich zugänglich seien, schreiben die Verfasser. Über sogenannte Trading Requests werde dort zum Tausch von Inhalten aufgerufen, die Kinder sexuell ausbeuten.

Bei WhatsApp, dem beliebtesten Messenger bei Kindern und Jugendlichen, hat jugendschutz.net zudem zahlreiche Gruppen entdeckt, in denen Missbrauchsinhalte getauscht worden seien. Diese würden auf Anzeigeportalen für einzelne Gruppen teils offensiv beworben. Trotz verschlüsselter Inhalte seien dem Anbieter hier nicht die Hände gebunden: Bereits öffentlich zugängliche Informationen wie Namen beziehungsweise Profilbilder von Gruppen gäben oft schon Hinweise auf Missbrauchsinhalte.

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Einige Werbekunden schalten keine Werbung mehr auf YouTube. Ihre Werbung war in Videos aufgetaucht, die von Pädophilen kommentiert wurden.

Personen mit sexuellem Interesse an Minderjährigen vernetzten sich auch über YouTube, konstatieren die Kontrolleure. Dazu kommentierten sie insbesondere Gymnastik- und Badevideos leicht bekleideter Kinder mit erotischen Aussagen. Die Google-Tochter habe aber inzwischen ihre einschlägigen Richtlinien geändert und arbeite daran, "jede Art der Sexualisierung Minderjähriger zu unterbinden".

Weniger glücklich sind die Jugendschützer damit, dass schon Kinder verstärkt zu YouTube-Stars aufgebaut werden sollen. Zum Alltag solcher "Kidfluencer" gehöre es, Produkte in die Kamera zu halten, einen Rundgang durch das Kinderzimmer zu machen oder Herausforderungen zu bestehen. Man habe 17 einschlägige YouTube-Auftritte mit mehr als 50.000 Abonnenten geprüft, wobei alle "Indizien auf Persönlichkeitsrechtsverletzungen der Kinder" enthalten und etwa sensible Daten der Betroffen verraten hätten. Dies berge die Gefahr realer Übergriffe. In 47 Prozent der Fälle seien die Kinder peinlichen Situationen ausgesetzt und ebenso häufig "in knapper Bekleidung zu sehen" gewesen, "teilweise in kokettierender Weise".

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2018 registrierte jugendschutz.net insgesamt 3441 Darstellungen aus dem Bereich des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen, während es 2017 noch 2982 waren: 89 Prozent der Aufnahmen zeigten Kinder, vier Prozent Jugendliche. Die Löschquote bei Inhalten mit Bezug zum sexuellen Kindesmissbrauch sei aber ungebrochen hoch: 100 Prozent der deutschen Angebote wurden schnell entfernt, im Ausland 92 Prozent. Die Online-Verweildauer der Darstellungen verkürzte sich gegenüber dem Vorjahr im Schnitt von 7,6 auf 6,5 Tage.

Übergriffe dokumentierte die Einrichtung vor allem auf der beliebten Video-Plattform TikTok. Nutzer können dort selbst erstellte Musik-Clips hochladen. Für junge User sind die Voreinstellungen aber unsicher, heißt es in dem Report: "Profile und deren Inhalte sind öffentlich und über die Suchfunktion auffindbar, Kommentare können von jeder angemeldeten Person hinterlassen werden." Die Jugendschützer beobachteten hier nach eigenen Angaben, dass Erwachsene belästigende Äußerungen machten und versuchten, Minderjährige zu sexuellen Handlungen zu animieren.

Zum Alltag im Netz gehörten ferner beleidigende Kommentare, sorgt sich jugendschutz.net. "Gehatet" werde etwa wegen der Figur, Kleidung, Hautfarbe, Herkunft, Sexualität und Religionszugehörigkeit. Dies erwecke den Eindruck, es wäre akzeptabel, andere online fertig zu machen oder sich nicht mit Opfern von Attacken zu solidarisieren. Dienste wie das deutsche Angebot Tellonym, auf denen sich Nutzer anonym Feedback geben könnten, verstärkten dies. Vielfach seien dort "drastische Beleidigungen oder gar Aufforderungen zum Suizid" zu bemerken.

Die Jugendschützer stießen im vorigen Jahr auf 58 Fälle, in denen nach Personen für einen gemeinsamen Suizid gesucht wurde. 2017 habe die Zahl erst bei 17 gelegen. Für den enormen Anstieg seien zwei Foren ausschlaggebend gewesen. Davon befinde sich eines im Ausland und eines im Darknet. Letzteres sei inzwischen offline, ersteres will die Institution auf die schwarze Liste setzen lassen.

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Das Smartphone haben Jugendlichen immer dabei – auch beim Entdecken der eigenen Sexualität. Dies erhöht das Risiko, Opfer und Täter von Cybergrooming zu werden.

Angesichts insgesamt von der Stelle ausgemachten 6575 Verstößen gegen den Jugendschutz löschen die Betreiber von Social-Media-Plattformen dem Bericht zufolge insbesondere bei Gewalt und Selbstgefährdung zu wenige Inhalte. Auch die Prävention sei nicht ausreichend: Es fehlten "umfassende Schutzkonzepte, die Kindern und Jugendlichen unbeschwerte Teilhabe ermöglichen".

Die Meldesysteme der Dienste funktionierten vor allem bei Eingaben von Nutzern unzureichend, monieren die Experten weiter. Ein Test mit 950 Fällen habe hier besonders schlechte Löschquoten gezeigt – nur etwa ein Drittel seien entfernt worden. Erst nach Meldung durch jugendschutz.net als Institution seien weitere 39 Prozent gelöscht oder gesperrt worden. Bei den von Nutzern getätigten Hinweisen unterschieden sich die Löschquoten stark nach Themenbereich: Snapchat etwa schnitt bei Hassinhalten mit nur 12 Prozent sehr schlecht ab, entfernte Cybermobbing-Inhalte aber zu 100 Prozent. Tumblr löschte so gut wie keinen Verstoß.

Extremistische Propaganda im Netz erreichte 2018 laut jugendschutz.net "eine neue Qualität": Islamisten hätten gesellschaftliche Debatten missbraucht, um Jugendliche zu radikalen Haltungen und Aktionen zu verführen. Rechtsextremisten lockten junge User in Social Media mit rassistischen Kampagnen und Fake News. Den Jugendschützern stößt zudem übel auf, dass für Sprachassistenten keine kindgerechten Versionen verfügbar und bei Games im Netz und Spiele-Apps Alterseinstufungen nicht verlässlich seien.

Hoffnung setzt die Institution auf Maschinenlernen. Man habe im vorigen Jahr das Potenzial solcher Verfahren Künstlicher Intelligenz für den Jugendschutz untersucht. Dabei habe sich gezeigt, dass fortschrittliche Hash-Verfahren (Perceptual Hashing) Inhalte auch dann erkannt hätten, wenn sie bearbeitet worden seien: So könne etwa der erneute Upload von veränderten Missbrauchsdarstellungen, volksverhetzenden Videos und drastischen Gewaltdarstellungen automatisiert verhindert werden. (tiw)