Always On: My Mind

Das Ende der Langeweile durch das Internet hat einen Preis: Onlinesein wird immer mehr zur Arbeit.

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Von
  • Peter Glaser

Es sind nicht nur Medien und Maschinen, die immer schneller und ununterbrochener werden wollen. Amazon erhöht ständig den Trommeltakt auf der Logistik-Galeere, das Rennen zwischen Mensch und Maschine wird erbarmungsloser. Vor einem Jahr meldete das Unternehmen ein Armband zum Patent an, das an verschiedenen Punkten vibrieren kann, um die Hand eines "Pickers", der in einem Verteilzentrum Waren zusammensucht, in die richtige Richtung zu lenken. Arbeiter können sich so gewissermaßen als Aushilfsroboter erproben – bis die echten Roboter geschickt genug sind, sie alle zu ersetzen.

Längst gibt das Internet sich nicht mehr mit schlichten Nutzern zufrieden, es will Mitarbeiter. Und Superkonsumenten. Hat man früher ein wenig netgesurft, muss man heute liken, teilen, uploaden, kommentieren, empfehlen und abraten. Das Netz macht inzwischen richtig Arbeit. Es will, dass wir uns bemerkbar machen, dass wir mitmachen. Es erwartet unsere Beiträge. Und wer permanent einkaufen kann, sollte auch permanent verbrauchen können.

Ich stelle mir vor, dass es in absehbarer Zeit digitale Verbrauchshilfen geben wird, Geräte wie die Möbelprüfgeräte bei Ikea, die Schubladen und Schranktüren tausende Male auf- und zumachen. Und auch das permanente Konsumieren läßt sich verbessern. An das Prinzip des Totmann-Pedals, auf das jeder Lokführer alle 30 Sekunden treten muß, um zu signalisieren, dass der Zug nicht führerlos dahinrast, erinnert die Idee des Kaufen-Knopfs, die in immer neuen Erscheinungsformen durch die digitale Welt geistert – zuletzt in Gestalt der derzeit wieder suspendierten Dash-Buttons von Amazon.

Früher bekam, wer sich als Mitglied in einem Buchclub nicht entscheiden mochte, den sogenannten "Hauptvorschlagsband" zugeschickt. Diese Methode ließe sich nach dem Prinzip der Totmann-Schaltung im Netz konsequent umsetzen: Drückt man nicht in Abständen auf den Knopf, wird geliefert.

Ziel der Medienpermanenz ist keineswegs, in der Nährlösung zu treiben und alles, was man haben möchte unverzüglich gereicht zu bekommen. "Nichts", schrieb der Kulturwissenschaftler Lewis Mumford, "kann die menschliche Entwicklung so wirkungsvoll hemmen wie die mühelose, sofortige Befriedigung jedes Bedürfnisses durch mechanische, elektronische oder chemische Mittel." In der ganzen organischen Welt beruht Entwicklung auf Anstrengung, Interesse und aktiver Teilnahme – nicht zuletzt auf der stimulierenden Wirkung von Widerständen, Konflikten und Verzögerungen. Selbst bei den Ratten kommt vor der Paarung die Werbung.

Das Netz hat die vormals passiven Medienkonsumenten aktiv gemacht wie aufgeregte Ameisen – freiwillig und mit oft erstaunlichem Enthusiasmus wird der nunmehr zum Nutzer Emanzipierte tätig. Warum? Weil es geht. Weil einem Computer plus Internet die Möglichkeit geben, etwas zu tun. Im Internet lassen sich nun mit der selben Freude Dinge produzieren und mit anderen teilen, mit der man zuvor bloß konsumiert hat. Manche sagen, dass sich nur langweilige Menschen langweilen, aber im 21. Jahrhundert gibt es immer etwas zu tun, Es gibt keine Langeweile mehr, stattdessen FOMO (Fear Of Missing Out) – die Angst, etwas zu versäumen. Was es kaum noch zu tun gibt, ist, einfach dazusein und nichts zu tun. Mit einem Doppelpunkt kann man einen alten Elvis-Klassiker auf den neuesten Stand bringen – Always On: My Mind.

Wer aus der Internet-Frühzeit noch das störrische Röcheln und Krächzen von Modems im Ohr hat, die gerade im Rahmen einer Datenfernübertragung die Auffahrt auf die Datenautobahn hochholperten, fühlt sich heute in der Stille des Onlineseins angenehm geborgen. Wer heute seinen Rechner einschaltet (sofern er ihn überhaupt ausschaltet), ist online. Im Netz zu sein, ist ein Modus des modernen Lebens. "Kein Netz!" erzeugt im digital affinen Menschen Lebensstörungsalarm. Am deutlichsten erkennbar sind die durch die Medienpermanenz verursachten Veränderungen in den sozialen Netzen. Niemand, der gerade bei Facebook reinguckt, sagt mehr Hallo oder Guten Tag, wozu auch? Einmal drin, immer drin.

"Eingeloggt bleiben" wird einem sogar angeboten und erzeugt das Gefühl, dass man nicht einfach nur ein Profil im Angebot einer Internet-Firma hat, sondern eine Art digitalen Doppelgänger, der nun, womöglich unabhängig von einem selbst (KI!), durchs Netz geistert. Sacht, wie Regentropfen eines beginnenden Regens auf einer Pfütze, öffnen sich dann wieder die kleinen Mitteilungsfelder. Wer nachts nicht schlafen kann, sagt man in Japan, ist im Traum von jemand anderem wach. Das Internet braucht dich!

(bsc)