Die glitzernde Geißel der Menschheit
Kinder mögen Glitter – und Menschen, die sich schminken oder etwas zu dekorieren haben, ebenfalls. Doch das Produkt, das meist aus Kunststoff besteht, ist für die Umwelt eine Belastung, weil man es kaum wieder loswird.
Ein Buch voller Glitter – ein Albtraum für unseren Autoren.
(Bild: tomertu/Shutterstock.com)
Es ist bald Weihnachten und damit die Zeit von Lametta und Glitter. Und das bedeutet, dass ich Ihnen ein Geständnis machen muss: Ich habe eine echte Glitterphobie. Was schon allein deshalb problematisch ist, weil ich der Onkel zweier junger Nichten bin, die das Zeug lieben und dazu tendieren, es auf jegliche Oberfläche aufzubringen und diese mir dann in Form selbstgebastelter Geschenke zu übergeben.
Das Zeug ist überall
Grußkarten mit dem klebrigen und glänzenden Kleinstmaterial, das zumeist aus Plastik, aber manchmal auch aus Glas- und Metallelementen besteht, entsorge ich am liebsten schon vor der Haustür, denn es könnte ja sein, dass an meinen Fingern, Schuhen oder Kleidungsstücken etwas hängenbleibt und in die Wohnung gelangt. Neulich übernachtete ich in einem Hotelzimmer, in dem eine Chaise longue voll von dem Zeug war; offenbar hatte sich eine Dame oder ein Herr auf ihm mit Glitzerkram geschminkt. Ich habe den ganzen Aufenthalt über zwei Meter Abstand gehalten.
Oder neulich, als ich meiner Frau zum Geburtstag eine eigentlich wunderbare Lampe in Form ihres Lieblingstieres gekauft hatte – auf der Oberfläche war leicht abreibbarer Glitter angebracht, um ihr den Anschein von Messing zu geben, was ich zu spät bemerkt hatte. Wir haben noch nicht entschieden, ob das Ding zurück zum Händler muss.
Schlecht für die Umwelt
Meine Abneigung gegen Glitter hat den zentralen Grund, dass man diesen Höllenstoff, ist er einmal in eine Umwelt vorgedrungen, nicht mehr loswird. Er klebt an allem und jedem und lässt sich extrem schwer wegsaugen (und falls ja, ist dann der Staubsauger vollverglittert, was den Glitter dann später in Ecken bringt, wo er zuvor noch nicht war). Wer eine leichte Reinigungszwangsstörung hat, wird halb wahnsinnig, weil das Zeug immer und immer wieder irgendwo in Form kleiner Partikel auftaucht und abgespült oder abgeputzt werden muss.
Außerdem ist Glitter nicht gut für die Umwelt. Wie auch? Genauso wie andere Arten von Mikroplastik reichert sich das Material in unseren Ökosystemen an, weil es sich extrem schlecht abbaut. Tiere (und womöglich wir selbst) schlucken es und atmen es ein – mit allen potenziellen Konsequenzen, wie man sie vom Mikroplastik her kennt. Erforscht sind die Auswirkungen bislang noch kaum.
Eine Geheimwissenschaft
Die "New York Times" hatte vor rund einem Jahr einen Artikel im Blatt, der zu den bislang wenigen mir bekannten gehört, die sich mit dem Thema beschäftigen. Die Reporterin Caity Weaver durfte dafür sogar in die sonst ultrageheimen Herstellungsstätten des Glitter.
Wie sich zeigte, werden große Mengen im US-Bundesstaat New Jersey hergestellt. Menschen, die in der Fabrikation beschäftigt sind, tragen Atemschutzmasken. Die verwendeten Formeln sind geheim und selbst die Umweltschutzbehörden wissen häufig nicht, wie Glitter produziert wird. Besonders erschreckend: Jedes einzelne Glitterpartikelchen, das jemals hergestellt wurde, existiert noch heute. Davon geht Victoria Miller aus, eine Materialwissenschaftlerin von der North Carolina State University, die von der "New York Times" zitiert wird. Ihren Angaben zufolge dauert es rund 1000 Jahre, bis der Plastikfilm, aus dem das Material besteht, biologisch abgebaut ist. Glitter ist das neue Plutonium. Vielleicht sollte man das an Weihnachten bedenken, bevor man sein Haus und seine Umwelt mit dem Stoff belastet.
(bsc)