Saubere Sache
Vor fĂĽnf Jahren habe ich in einem Text fĂĽr TR ein fiktives, absurdes Produkt beschrieben: Eine Kamera, die sich weigert Nacktbilder zu fotografieren. Jetzt kann man das Ding kaufen.
Man soll sich ja eigentlich nicht selbst zitieren. Zumindest nicht über Gebühr. Das steigert zwar die eigene Reputation - gilt allerdings mittlerweile – zumindest unter Wissenschaftlern – als billiger Trick, um wichtiger zu erscheinen, als man tatsächlich ist.
Aber jetzt kann ich nicht anders.
Langjährige Leser unseres Heftes wissen: Wir haben auf der letzten Seite unseres Magazins eine Rubrik, die "Futurist" heißt - eine Kurzgeschichte, die ein fiktives "Was wäre, wenn...“-Szenario durchspielt.
Im Mai 2015 habe ich die Frage beantwortet, was denn wäre, wenn unsere Kameras nur noch moralisch einwandfreie Bilder machen würden. Meine Idee damals: Die chinesische Regierung lässt unter Verweis auf die öffentliche Ordnung Firmware auf chinesischen Smartphones installieren, die "anstößige" Bilder weder speichert noch überträgt. Die Maßnahme fällt nicht auf, weil der fragliche Code außerhalb Chinas nicht aktiv ist – bis ein fehlerhaftes Update ihn tatsächlich scharf schaltet.
Rein technisch gesehen war das nicht besonders utopisch: Smartphone-Kameras gleichen bereits seit langem ihre begrenzten optischen Qualitäten durch intensive Aufbereitung der Bilddaten aus. Und Gesichter, Körper oder gar nackte Haut automatisch zu erkennen, ist kein Hexenwerk.
Dennoch war ich etwas überrascht zu lesen, dass so ein ähnliches Produkt mittlerweile auf dem Markt zu haben ist. Der japanische Anbieter Tone Mobile bewirbt sein Modell e20 damit, dass es das fotografieren "unangemessener" Motive mit der Selfie-Kamera automatisch unterbindet. Da bekommt der Begriff "Cleantech" doch gleich eine völlig neue Bedeutung. Ich hielt das erst für einen verfrühten April-Scherz, aber das Unternehmen hat besorgte Eltern offenbar bereits vor einigen Jahren als Zielgruppe entdeckt.
Anders als meine fiktiven chinesischen Smartphones gibt es das e20 offenbar zur Zeit nur in Japan. Der Markt dürfte allerdings sehr viel größer sein. Denn laut diesem Bericht setzen evangelikale Gruppen in den USA zunehmend auf technische Hilfe, um beispielsweise pornographische Inhalte zu bekämpfen. Die App "Covenant Eyes" beispielsweise überwacht nicht nur aufgerufene Seiten auf einem Smartphone mit Hilfe einer KI. Sie benachrichtigt auch vorher festgelegte Personen per Messaging, falls der Besitzer des überwachten Telefons versucht, zuviel nackte Haut auf einmal zu betrachten.
Die Zukunft wird also nicht notwendigerweise besser. Aber sauberer wird sie auf jeden Fall.
(wst)