Zahlen, Daten, Fakten
Wie mit wissenschaftlichen Fakten Politik gemacht wird.
Heute will die Bundesregierung entscheiden, ob, wann und wie der Corona-Lockdown gelockert wird. Solch eine Entscheidung hat weit reichende Folgen. Sie sollte deshalb "informiert" gefällt werden, das heißt unter Beachtung möglichst vieler Fakten. Leider sind die bekannten Daten und Fakten zur Epidemie ziemlich lückenhaft. Auf dieser Basis eine Entscheidung zu treffen, ist ziemlich schwierig. Das ist ein optimales Spielfeld für Leute, die sich darauf spezialisiert haben, mit Unsicherheit und Angst Politik zu machen.
Eigentlich könnte ja alles so einfach sein. Im Prinzip kann man den Verlauf der Ausbreitung mit Hilfe einer Ratengleichung beschreiben. Grob vereinfacht ist die Anzahl der neu infizierten pro Zeiteinheit proportional zu der Zahl der bereits Kranken minus der Zahl der Genesenden und der Gestorbenen. Um den zeitlichen Verlauf der Ausbreitung des Virus zu erhalten, muss man diese Ratengleichung eigentlich nur integrieren.
Eigentlich. Aber um die Dynamik des Geschehens und die Gefährlichkeit des Virus berechnen zu können, muss man wissen, wie viele Menschen bereits erkrankt sind. Das hängt aber davon ab, wieviel getestet wird und wie die Ergebnisse weiter gemeldet werden. Und man muss wissen, wieviele Menschen im Schnitt ein Kranker ansteckt – die Basisreproduktionszahl. TR-Autorin Susanne Donner hat die Problematik hier ausführlicher beschrieben.
Dass die Politik sich hier also auf schwankendem Boden bewegt, ist wenig verwunderlich. Ebensowenig verwunderlich, aber auch ziemlich frustrierend, ist die Tatsache, dass es in der gegenwärtigen Situation nicht darum geht, die Unsicherheit so klein wie möglich zu halten.
Auf der einen Seite gibt es offenbar im Bundesinnenministerium eine Fraktion, die zur Aufrechterhaltung der nötigen Disziplin beim Lockdown auf Angst setzt. "Wir müssen wegkommen von einer Kommunikation, die auf die Fallsterblichkeitsrate zentriert ist. Bei einer prozentual unerheblich klingenden Fallsterblichkeitsrate, die vor allem die Älteren betrifft, denken sich viele dann unbewusst und uneingestanden: 'Naja, so werden wir die Alten los, die unsere Wirtschaft nach unten ziehen, wir sind sowieso schon zu viele auf der Erde, und mit ein bisschen Glück erbe ich so schon ein bisschen früher'.", heißt es in einem internen Diskussionspapier, das mittlerweile auf der Online-Plattform "Frag den Staat" veröffentlicht wurde. "Diese Mechanismen haben in der Vergangenheit sicher zur Verharmlosung der Epidemie beigetragen. Um die gewünschte Schockwirkung zu erzielen, müssen die konkreten Auswirkungen einer Durchseuchung auf die menschliche Gesellschaft verdeutlicht werden: 1.) Viele Schwerkranke werden von ihren Angehörigen ins Krankenhaus gebracht, aber abgewiesen, und sterben qualvoll um Luft ringend zu Hause. Das Ersticken oder nicht genug Luft kriegen ist für jeden Menschen eine Urangst."
Auf der anderen Seite argumentieren auch die Gegner eines Lockdowns mit Unsicherheit. Ihr Argument: "Eigentlich wissen wir viel zu wenig, um die drastischen Maßnahmen zu rechtfertigen." So verbreitet etwa der Virologe Hendrik Streeck, ein angesehener Wissenschaftler mit Spezialgebiet HIV/AIDS und seit Herbst 2019 Nachfolger von Christian Drosten auf dem Lehrstuhl für Virologie am Universitätsklinikum Bonn, Zwischenergebnisse einer Studie über die Corona-Ausbreitung im Kreis Heinsberg.
Diese Zwischenergebnisse von Antikörper-Tests belegen laut Streeck, dass rund 15 Prozent der Bevölkerung bereits mit dem Virus infiziert seien – oft, ohne etwas davon bemerkt zu haben. Würde das bestätigt, wäre die Sterblichkeitsrate bei den Infizierten sehr viel geringer, als bisher angenommen. Sprich: Das Virus wäre sehr viel harmloser. (Auf Riffreporter ist dazu ein langer aber sehr spannender Artikel von Christian Schwägerl und Joachim Budde erschienen.)
Schade allerdings, dass Streek und seine Kollegen ihre Ergebnisse nicht in einem Paper veröffentlicht, sondern nur in einer Pressekonferenz verkündet haben – tatkräftig unterstützt von der PR-Agentur Storymachine. Die frohe Botschaft kam zeitlich genau passend zu den Beratungen der Bundesregierung über einen eventuellen Exit aus dem Lockdown. Ein Schuft, wer Böses dabei denkt.
(wst)