Lebendige Kunst, Soundtracks der Welt und Moleküle
Glücklicherweise gelten für das Internet keine Reisebeschränkungen, sodass man virtuell so ziemlich jeden Ort der Welt besuchen kann. Außerdem gibt es Moleküle zum Anfassen und lebendige Kunst.
- Christian Hirsch
- Dorothee Wiegand
Soundtrack der Welt
Flugzeuge bleiben am Boden und Fernreisen werden storniert, aber fürs Internet gelten glücklicherweise keine Reisebeschränkungen. Virtuell kann man weiterhin so ziemlich jeden Ort der Welt besuchen. Während öffentliche Webcams, 360-Grad-Panoramen und Multimediaberichte vor allem spannende Bilder liefern, sammelt radio aporee maps Geräusche aus aller Welt. Fast 50.000 Audiodateien von mehr als 44.000 Orten hat der Netzkünstler Udo Noll bisher für sein Projekt zusammengetragen. Insgesamt hat das Material eine Länge von rund 137 Tagen, denn die einzelnen Aufnahmen sind im Schnitt knapp 4 Minuten lang. Besucher erhalten so nicht bloß einen flüchtigen akustischen Eindruck, sondern können sich in aller Ruhe in die Geräuschkulisse hineinhören.
Noll bittet Interessierte darum, eigene Aufnahmen beizusteuern; rund 1900 Menschen sind der Bitte bisher nachgekommen. Vor dem Hochladen einer Audiodatei wählt man die gewünschte Creative Commons License dafür aus – Tondokumente, die einem Copyright unterliegen, werden vom Betreiber der Seite gelöscht. Die beeindruckende Sammlung kann nach Orten oder nach Art der Geräusche durchsucht werden – dazu gibt man einfach Stichwörter wie „Chor“ oder „Wasserfall“ ein. Rechts neben dem Suchbereich blendet die Webseite den Aufnahmeort in einer interaktiven Karte ein – wahlweise in OpenStreetMap oder in die Satelliten- oder die Kartendarstellung von Google Maps.
Moleküle zum Anfassen
https://3dproteinimaging.com/protein-imager
Fast alle Meldungen zur Corona-Krise werden von bunten Virusbildern begleitet. Wer selbst mal eine solche Darstellung rendern möchte, sollte sich The Protein Imager anschauen. Das Programm, das druckfähige Abbildungen für wissenschaftliche Arbeiten erzeugen kann, lässt sich auch von interessierten Laien nutzen. Es läuft im Browser, Plug-ins oder Ähnliches müssen dafür nicht installiert werden.
Der Molekülvisualisierer lässt sich mit Strukturdaten von Proteinen füttern. Alternativ kann man Daten aus der Protein Data Bank verwenden. Hier sucht man zum Beispiel nach dem Stichwort „Corona“ und erhält dann eine Liste mit Proteinen zum Thema. Alle Einträge der Trefferliste haben eine vierstellige Kennung, beispielsweise „6LU7“. Wenn man diese oben rechts auf der Seite des Visualisierers eintippt, zeigt er die räumliche Struktur des gewählten Proteins an. Die zoombare 3D-Darstellung ist frei beweglich. Wer tiefer in die Bedienung einsteigen möchte, findet auf der Website eine gut nachvollziehbare Anleitung. (chh)
Lebendige Kunst
instagram.com/Tussenkunstenquarantaine
pinterest.at/oonapeyrer/kunstgeschichte-nachstellen
facebook.com/groups/izoizolyacia
Als „Tableaux vivants“ oder „Lebende Bilder“ bezeichnet man es, wenn Werke der bildenden Kunst nachgestellt werden – von meist kostümierten Menschen oder durch Arangieren von Gegenständen. Eine Erzieherin im Haushalt des Herzogs von Orleans soll den bildungsbürgerlichen Zeitvertreib Ende des 18. Jahrhunderts erfunden haben. Aktuell wird die Idee im Internet von vielen Menschen aufgegriffen.
Auf Twitter rief das J. Paul Getty Museum in Los Angeles dazu auf, Variationen berühmter Gemälde zu fotografieren. Der Instagram-Account Tussen Kunst en Quarantaine („Zwischen Kunst und Quarantäne“) hatte schon nach drei Wochen mehr als 157.000 Abonnenten. Das Ganze ist ein Projekt von zwei Amsterdamerinnen, die Besucher zum Mitmachen ermuntern. Bei den Einsendern besonders beliebte Requisiten: Einmalhandschuhe, Mundschutz und … Toilettenpapier. Auf Pinterest zeigt Oona Peyrer unter der Überschrift Kunstgeschichte nachstellen ihre Tableaux-vivants-Fundstücke. Originelle Gemälde-Foto-Paare finden sich auch bei der russischen Facebook-Gruppe („Isolierung“).
Dieser Artikel stammt aus c't 10/2020. (dwi)