Netz ohne Gesetz ...
Ist schon skurril. Wir haben Probleme ohne Ende, aber das Titelthema von einem der beiden groĂźen deutschen Nachrichtenmagazine ist die angebliche Rechtlosigkeit im weltweiten Datennetz.
Es gibt Regeln. Man soll: Keine schlechten Witze über Namen machen. Keine Ironie verwenden (wird vom als solchem Leser nicht verstanden), und man soll keine Kollegenschelte betreiben. Es gibt Regeln - und manchmal muss man sie brechen. Nach der Lektüre der aktuellen Spiegel-Titelgeschichte „Netz ohne Gesetz“ muss ich leider gegen den dritten Grundsatz verstoßen
Ist schon skurril: Ende September ist Bundestagswahl, wir leben angeblich in einer der schlimmsten Wirtschaftskrisen seit der großen Depression in den 1930er Jahren, in Afghanistan lässt sich Deutschland still und heimlich in einen nicht erklärten Krieg verwickeln, der Klimawandel beschleunigt sich scheinbar unaufhaltsam (jedenfalls findet sich keiner, der die notwendigen Maßnahmen ergreifen will), und so weiter und so fort - Probleme ohne Ende, aber das Titelthema von einem der beiden großen deutschen Nachrichtenmagazine ist die angebliche Rechtlosigkeit im weltweiten Datennetz.
Wer Gruselgeschichten mag, und das Internet nicht kennt, dem sei der Artikel warm empfohlen. Da finden sich alle einschlägigen Motive: Betrug, Rufmord, Diebstahl und die allgegenwärtige Überwachung, Das Dogshit Girl, Facebook und Studi VZ, Reputation Defender, die große, chinesische Brandmauer, die Datenkrake Google, und die Kontrolle, die der Online-Buchhändler Amazon über die elektronischen Lesegeräte seiner Kunden ausübt.
Wie kommt das? Wieso ist das plötzlich Thema? Ist das der Beißreflex eines traditionellen Leitmediums, das die Gelegenheit zum Nachtreten gegen die frechen Blogger und die aufmüpfige „Generation C64“ nutzt? Oder doch nur die Widerspiegelung dessen, was sich zurzeit in der öffentlichen, politischen Debatte widerspiegelt?
Ich hätte da noch eine dritte Erklärung auf Tasche: Jahrelang war das Netz sozusagen der Hinterhof der Kommunikationsgesellschaft - das Viertel, der Kiez, in dem sich eine kleine, gut informierte Minderheit souverän bewegt hat. Leute, die finsteren Seitengassen genauso kennen, wie die Hintertüren und Löcher in Zäunen und Mauern. Este es mi barrio Fremder – Du solltest hier nicht so mit Deinen Kreditkartendaten wedeln.
Und weil die IT immer wichtiger geworden ist, sind es mit ihr auch die Wizkids geworden: Die früher belächelten Nerds, Freaks und Geeks aber wollten dem Rest der Welt ja auch mal zeigen, dass sie es zu etwas gebracht haben, dass ihr Welt genauso wichtig ist, wie „real Life“ - das echte Leben eben. So hat das Netz in den vergangen Jahren immer neue Bereiche der realen Welt durchdrungen - „always on“ ist keine Attitüde von technikverliebten Spinnern, sondern Arbeitsalltag von Millionen von Mittelschichts-Angestellten. Das aber bedeutet, dass die in Teilen des Netzes noch immer latent vorhandene Anarchie sich nicht auf den virtuellen Raum allein beschränkt: Sie sickert mit unserer Internet-Abhängigkeit auch in den scheinbar so geregelten Alltag. Die Freiheit des Internet ist ein Opfer ihres eigenen Erfolgs. Ein schwacher Trost, aber man nimmt ja heutzutage, was man kriegen kann. (wst)