Was zu tun ist
Hurra, ich werde nachgeschult. Demnächst lerne ich Zeitmanagement. Die hohe Schule der Arbeitsverdichtung.
Hurra, ich werde nachgeschult. Demnächst lerne ich Zeitmanagement. Die hohe Schule der Verdichtung – oder wie ich die Arbeit von zehn Stunden in acht Stunden presse. In freudiger Erwartung dieses Ereignisses habe ich mich schon mal mental vorbereitet. Und dabei die gute, alte To-do-Liste wiederentdeckt.
Eigentlich sollte ich besser sagen: wiederentdecken lassen. Sie ist mir von einer nahestehenden Person empfohlen worden. Denn eigentlich bin ich mit all diesen Dingen durch: Notizen im Notizbuch, Post-Its, elektronische Notizzettel auf dem Desktop, Kalender-Einträge für dieses und jenes, Aufgabenlisten im elektronischen, mit allem und jedem synchronisierten Computer mit Fälligkeitsdatum, Erinnerungsfunktion und einstellbarer Priorität, regelmäßige Termine fürs Aufräumen. Hat alles nichts genützt, nach kurzem, hoffnungsvollen Anlauf ist meist schon nach wenigen Tagen oder Wochen Schluss mit der neuen Systematik – und mein Schreibtisch sieht immer noch aus wie eine Kraterlandschaft. Das Problem ist nur, dass mein Gedächtnis nicht mehr ganz so gut funktioniert wie vor zwanzig Jahren. Also geht manchmal was unter – auf der anderen Seite beschert mir das periodische Graben im Literaturstapel auch immer wieder positive Überraschungen.
Und nun also wieder die Aufgabenliste. DIE, in der Einzahl, nicht in der Mehrzahl. Eine simple, einfache Datei, in der ALLES drinsteht, was zu tun ist. Das erinnert mich an meine allererste Begegnung mit dem Computermagazin iX (kaum zu glauben, jetzt arbeite ich im selben Verlag, wie die Leute): Ein Kollege hatte darin ein kleines Skript gefunden, das jeden Morgen beim Einloggen, die .todo-Datei abgespult hat.
Die einfachsten Dinge funktionieren letztendlich doch am besten: Keep it simple, stupid. Einfach eine Liste der zu erledigenden Dinge anlegen, überlegen, was am dringlichsten ist, und abarbeiten. Nun gut: Weil Ideen die unangenehme Eigenschaft haben, genau dann aufzutauchen, wenn man sie eigentlich gerade nicht braucht, wächst die Liste manchmal mit beunruhigender Geschwindigkeit.
Zugleich hat es aber auch etwas Beruhigendes, das leise gemurmelte Mantra der Tagesplanung: Erst mach ich dies, dann jenes, dann das, dann ist irgendwann Feierabend. Immer schön eine Platte nach der anderen fegen. Komplexe Probleme so lange runterbrechen, bis einfache Anweisungen übrig bleiben: In den Ordner mit Ideensammlung reinschauen, Texteditor öffnen, Brainstorming beginnen – einfach erst mal alle Assoziationen hinschreiben, Löschen kann man später immer noch. Ich frage mich, ob die Ähnlichkeit dieser Arbeitsweise mit linearen Computerprogrammen wirklich zufällig ist?
Vielleicht funktionieren Menschen ja wirklich wie Computer? An der Uni hatten einige Leute – Physiker natürlich, was sonst – die Angewohnheit, laut „Reset“ zu rufen, wenn sich ihr Gegenüber mal wieder völlig in abstruse Argumentationen verrannt hatte. Es gibt bedingte Verzweigungen (wenn der Chef anruft, die Arbeit am aktuellen Text unterbrechen) und so eine Art GOSUB (zwischendurch was anderes machen, wie etwa dringend mal kurz auf die Lieblings-Website schauen, dann wieder da weitermachen, wo man grade aufgehört hat) Und dann gibt es da noch die Probleme mit den unabhängigen Hintergrundprozessen (Atmen, Bildverarbeitung, Assoziationsbildung, Gedächtnis), die alle auch noch synchronisiert werden wollen. Das scheint mir aber nicht mehr linear zu sein... eher so was wie concurreny ... Faszinierend, ich sollte mal einen Artikel dazu schreiben...Was wollte ich gerade tun? Ach ja, diese Kolumne beenden. Aber es gibt dafür keinen Eintrag in der Aufgabenliste.
Wenn Menschen wie Computer funktionieren, kann man sie dann auch übertakten? Ein altes Sprichwort – leider kann ich mich nicht mehr erinnern, wo ich es zuerst gelesen habe – besagt: Wenn Du gut graben kannst, geben Sie Dir eine größere Schaufel. Vielleicht sollte ich mir das mit dem Zeitmanagement doch noch mal überlegen. (wst)