Die Abschaffung des Redakteurs in Zeiten der Künstlichen Intelligenz
Microsoft will Redakteure durch Bots ersetzen. Das wird spaßig.
Es gibt Geschichten, die kann man sich nicht ausdenken. Angeblich hat Microsoft in den USA und Großbritannien Dutzende von Journalisten entlassen, die bislang die Nachrichten von Microsoft News ausgewählt haben. Das soll nun von KI-Software übernommen werden, berichten "BusinessInsider" und "The Verge". So richtig bestätigt ist von der Geschichte allerdings nur der erste Teil mit der Entlassung. Man überprüfe routinemäßig alle Geschäftsbereiche, hieß es von MS, und nehme dann "Anpassungen" vor. Und wegen Corona sind nun mal die Werbeeinnahmen eingebrochen, also muss man halt die Kosten senken. Zu dem zweiten Teil, der Kuratierung von Nachrichten mit Hilfe künstlicher Intelligenz, hat der Konzern nichts gesagt.
Sollte sich die Nachricht dennoch bestätigen, bin ich jedoch gespannt, wie die Geschichte sich entwickelt. Das ganze könnte ziemlich nach hinten losgehen – so wie beim Chatbot Tay, der mit Hilfe von Tweets trainiert wurde, und sich verblüffend schnell zu einem rassistischen Kotzbrocken entwickelt hat.
Viel wahrscheinlicher ist aber, dass die Nachrichtenauswahl künftig schnarchend langweilig wird. Denn wenn die Auswahl wirklich von einer KI gemacht wird, muss die vorher mit Beispielen trainiert werden. Die erstaunlichen, manchmal wunderbaren, manchmal total skurrilen Geschichten aber, die uns weiterlesen lassen, werden in diesen Trainingsdaten nur vergleichsweise selten vorkommen – also auch nur gering gewichtet werden.
Und falls verantwortungsvolle Software-Ingenieure zu guter Letzt sogar eine Plausibilitätsprüfung in ihren Algorithmus eingebaut haben, ist sowieso alles zu Ende. Keine KI-Software, und sei sie auch noch so gutgläubig, wird beispielsweise akzeptieren, dass eine Bande von Affen Blutproben von COVID-19-infizierten gestohlen hat, oder dass der US-Präsident einen Priester von Bewaffneten aus seiner Kirche vertreiben ließ, bevor er sich dort mit der Bibel in der Hand ablichten ließ. Solche Nachrichten von Fake zu unterscheiden, muss eine Maschine erst mal hinbekommen. Ganz so schnell, denke ich, wird das nicht gehen mit der Maschinisierung des Journalismus.
(wst)