Im Dunkeln ist gut munkeln
Über eine oft vergessene Wurzel verschwörungsideologischen Denkens.
„Sie vereint eine Bruderschaft in esoterischem Wissen. Sie gewährt das Gefühl, eine Sache bis auf den Grund zu durchschauen. Alles zeigt sich in neuem Licht, alles passt zusammen, überall neue Beweise. Sie neigt dazu, einen Sinnzusammenhang mit einer Kausalerklärung zu verwechseln. Sie hat den Menschen den Verdacht souffliert, hinter allem und jedem stecke etwas Verborgenes, gewöhnlich etwas Schlimmes.“
Na, wovon ist die Rede? Von einer Verschwörungsideologie? Knapp daneben. Diese Zeilen stammen aus dem 1986 erschienenem Buch „Tiefenschwindel“ des Wissenschaftsautors Dieter E. Zimmer und beziehen sich auf die Psychoanalyse. Das Wort „Verschwörungstheorie“ taucht im Buch laut Register kein einziges Mal auf.
Das Werk hat damals für große Aufregung innerhalb der Psychologie gesorgt. Heute ist es immer noch lesenswert, auch für Leute, die sich nicht sonderlich für Psycho-Themen interessieren. Denn es präpariert heraus, wie stark der „psychoanalytische Denkstil“, wie Zimmer ihn nennt, bis heute den öffentlichen Diskurs prägt – zum Beispiel bei Angriffen auf die Wissenschaft. Zimmer: „Der psychoanalytische Denkstil hat die objektiven Fakten zugunsten höchst spekulativer subjektiver Deutungen abgewertet. Er hat der Meinung Vorschub geleistet, es komme vor allem darauf an, ob eine Theorie sich interessant und originell anhört, nicht aber darauf, ob sie irgendetwas richtig erklärt. Er hat ein unstillbares Bedürfnis nach exotischen Erklärungen geweckt. Er hat dem Prinzip ‚Im Dunkeln ist gut Munkeln‘ zu wissenschaftlichen Weihen verholfen.“
Das „Erleuchtungserlebnis“ der Psychoanalyse sei, so Zimmer, „das Gegenteil dessen, was wissenschaftliche Erkenntnis verschaffen kann, ein mühsames, ewig skrupelbehaftetes Einerseits-Andererseits, aber es entspricht einem verbreiteten Bedürfnis.“ Dem ist wenig hinzuzufügen.
Zimmer kommt eigentlich aus der Geisteswissenschaft und war lange Feuilletonchef der Zeit. Daneben war er als hochgelobter Übersetzer tätig, unter anderem von Nabokov und Joyce. Er schrieb nicht nur einen brillanten Stil, sondern hat sich auch viel mit der Sprache selbst beschäftigt. Sehr empfehlenswert sind seine beiden schmalen Bände „Redens Arten“ und „So kommt der Mensch zur Sprache“ (beide von 1986). Sein weiter Horizont, seine lockere Schreibe und sein stetes Eintreten für nüchterne Empirie machen ihn für mich zu einem der wichtigsten deutschen Wissenschaftsjournalisten überhaupt. Dieter E. Zimmer starb am 19. Juni im Alter von 85 Jahren in Berlin.
(grh)