Post aus Japan: Ein Land entdeckt die Telearbeit
Nippons Firmen sind bisher schlecht auf Cyberkriminalität und vernetztes Arbeiten eingestellt. Nun zwingt die Corona-Krise dem Land einen rasanten Wandel auf.
(Bild: Photo by Tina Witherspoon on Unsplash)
- Martin Kölling
Bis zur Corona-Krise war die Hightech-Nation Japan ein Rückzugsgebiet rückständiger Arbeitsweisen. Telearbeit wurde in wenigen Unternehmen getestet und in noch weniger Firmen umgesetzt. Doch mit COVID-19 im Land ist das Arbeiten von zuhause aus für viele Büroarbeiter normal geworden. Mehr noch: Großkonzerne wie Hitachi und Fujitsu nutzen die Krise sogar, um Telearbeit zur neuen Norm zu erheben.
Geschäfte müssen weiterlaufen
Ein wichtiger Grund ist Selbstschutz, oder anders gesagt "Business Continuity Planning". Denn die Firmen wollen arbeitsfähig bleiben, wenn – wie gerade jetzt – eine zweite Viruswelle die Metropolen trifft. Obwohl derzeit mehr Infektionen aufgedeckt werden als während der ersten Welle im April, hat die Regierung bisher die Wirtschaft noch nicht wieder eingeschränkt. Aber viele Unternehmen reagieren vorbeugend, indem sie ihre Mitarbeiter auffordern, weniger als bisher ins Büro zu kommen.
"Wir sollen ab Montag nur noch ein bis zwei Tage pro Woche ins Büro kommen statt zwei bis drei Tage wie bisher", erzählt eine Managerin eines japanischen Konzerns. Und dies könnte der neue Alltag werden: Laut einer Umfrage der Zeitung Nikkei gaben 37,9 Prozent der teilnehmenden Unternehmen an, dass sie ihre Büroflächen reduzieren wollen. Fujitsu will die Fläche der Hauptstadtbüros in den kommenden drei Jahren sogar halbieren.
Raus aus den BĂĽrozentren
Diese schlagartige Verschiebung der Wirtschaftsaktivitäten weg von den Bürozentren wird den Immobilienmarkt und den Einzelhandel in den bisherigen Toplagen wahrscheinlich schwer treffen, bietet aber auch Chancen. Mehr als ein Drittel der Unternehmen will für ihre mobileren Arbeiter nun Gemeinschafts- oder Satellitenbüros nutzen. Die Stadt Tokio bietet für Mitarbeiter in drei Vororten schon Räume mit Schreibtischen und Videokonferenz-Räumchen an. Die Vororte könnten zu den Gewinnern gehören.
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FujiXerox wiederum hat das Mietbüro CocoDesk entwickelt, ein kleiner vollklimatisierter Würfel mit Bürostuhl, Schreibtisch, Bildschirmen und einem Kleiderbügel. Die sollen nun an Bahnhöfen und anderswo in der Öffentlichkeit aufgestellt werden, so dass die Mitarbeiter außerhalb der Büros gut gekühlt arbeiten können. Für 15 Minuten Benutzung werden derzeit 175 Yen (1,42 Euro) berechnet, später 250 Yen (zwei Euro). Außerdem bieten Wohnungsrenovierer an, die Heime der Japaner telearbeitsfreundlich umzugestalten.
Angst vor den Risiken
Gleichzeitig müssen die Unternehmen mit Risiken der Telearbeit kämpfen. 75 Prozent der befragten Unternehmen halten persönliche Treffen für unerlässlich. Ein Problem sei, ohne Gesichtskontakt den Kommunikationsfluss aufrechtzuerhalten (70 Prozent), ein anderes die Bewertung von Mitarbeitern (58,6 Prozent). Fujitsu hat bereits ein System eingeführt, das mit künstlicher Intelligenz und intelligentem Aufbau die Produktivität erhöht und die Leistungen der Mitarbeiter sichtbar macht. Ob diese Art der Mitarbeiterüberwachung allerdings Schule machen wird, ist wegen der Liebe der Japaner für ihre Privatsphäre selbst in Nippon noch offen.
Gleichzeitig wird die Japan AG gezwungen, mit der Telearbeit das Thema Cybersecurity ernster zu nehmen. Laut einer Umfrage von NRI Secure Technologies verfügen mehr als 70 Prozent der US-Unternehmen über mittel- bis langfristige Pläne für Gegenmaßnahmen gegen Cyberattacken, aber nur 24 Prozent der japanischen Unternehmen.
Rechner schlechter geschĂĽtzt
Das rächte sich bereits voriges Jahr: Japans National Institute of Information and Communications Technology (NICT) zählte 2019 2,4 mal so viele Cyberangriffe aus dem Ausland auf Japan als 2017. Und fast ein Drittel der von Nikkei befragten Unternehmen geben an, dass sie derzeit mehr Angriffen ausgesetzt sind. Denn daheim sind die Computer der Mitarbeiter oft noch schlechter geschützt als im Büro.
Der Autobauer Honda musste im Juni nach einer gezielten Attacke mit Ransomware, die Dateien verschlüsselt und gegen Bezahlung wieder freigibt, sogar in vielen globalen Werken kurzzeitig die Produktion stoppen. Damit führte der Konzern die Verletzlichkeit vernetzter Fabriken vor Augen, gerade in Zeiten verstärkter Heimarbeit.
(bsc)