Voll aufs Auge
Vor 80 Jahren schuf ein Kieler Tüftler die erste Kontaktlinse, die sich mehrere Stunden tragen ließ.
Wer sich so etwas antut, muss wirklich ein Problem haben. Und August Müller (1864–1949) hatte ein Problem: Wegen seiner extremen Kurzsichtigkeit brauchte er Brillengläser mit minus 14 Dioptrien. Mit drastischen Selbstversuchen arbeitete der angehende Arzt deshalb an einer Alternative: Ende der 1880er-Jahre schliff er sich sogenannte Skleralschalen aus mundgeblasenem Glas zurecht. Verglichen mit modernen Kontaktlinsen waren diese Schalen ziemlich monströs – sie deckten nicht nur die Hornhaut, sondern den gesamten sichtbaren Teil des Auges ab. Tatsächlich gelang es Müller damit, seine Fehlsichtigkeit bis auf eine halbe Dioptrie zu korrigieren. Doch der Preis dafür war hoch. Er musste die Schalen unter Wasser einsetzen, damit sich keine Luftblasen bildeten, und seine Augen währenddessen mit Kokain betäuben. Waren die Schalen endlich drin, drückten sie so, dass Müller sie nach einer halben Stunde wieder herausnehmen musste.
Andere Skleralschalen verursachten ähnliche Beschwerden. Das musste auch Heinrich Wöhlk (1913– 1991) mehr als ein halbes Jahrhundert später feststellen. Bei ihm war es eine Weitsichtigkeit von plus acht Dioptrien, die Leidensdruck und Leidensbereitschaft schuf. 1935 ließ er sich gläserne Skleralschalen anfertigen, vertrug sie aber ebenso wenig wie seine Vorgänger. Dies änderte sich erst, als der gelernte Konstrukteur mit Schalen aus Acrylglas experimentierte – ein Material, das gerade neu auf den Markt gekommen war. Um die Schalen passgenau zu fertigen, legte er sich dünne Wachsplättchen aufs Auge, erwärmte sie mit einer Lampe und tauchte anschließend seinen ganzen Kopf in Eiswasser, damit das Wachs erstarrte. Da die Plättchen beim Herausnehmen oft zerbrachen, waren viele Versuche für einen gelungenen Abguss nötig. 1940 gelang es ihm dann, maßgefertigte Schalen bis zu fünf Stunden lang beschwerdefrei zu tragen – die eigentliche Geburtsstunde der Kontaktlinse.
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In den USA verfolgte der Optiker William Feinbloom unabhängig davon die gleiche Idee. Er ließ sich 1936 Skleralschalen aus Plastik patentieren. Wöhlk konnte sich kein Patent leisten, aber es ging auch ohne. Nach dem Krieg versuchte er, standardisierte Skleralschalen zum Massenprodukt zu machen. Allerdings passten sie den meisten Kunden eher schlecht als recht. 1947 gelang ihm dann der zweite entscheidende Durchbruch: Er setzte sich eine geschliffene Linse ohne tragende Skleralschale auf die Hornhaut. Die Linse blieb auch so an ihrem Platz und war deutlich komfortabler zu tragen.
Wieder einmal verlief die Entwicklung auf beiden Seiten des Atlantiks parallel: Auch vom kalifornischen Optiker Kevin Tuohy ist eine ähnliche Anekdote überliefert. 1948 meldete er die Hornhaut-Linse aus Acryl zum Patent an. Der Absatz der Kontaktlinsen vervielfachte sich daraufhin. Und Wöhlk eröffnete 1949 einen Laden in Kiel, aus dem die bis heute existierende Wöhlk Contactlinsen GmbH hervorging.
Einen weiteren Schritt zu mehr Tragekomfort erreichte der tschechische Chemiker Otto Wichterle. 1959 stellte er ein biokompatibles Hydrogel namens Hema in einem Artikel im Fachmagazin „Nature“ vor. Wenig später lernte er zufällig einen Augenarzt kennen, der ihn auf die Idee brachte, das Material für weiche Kontaktlinsen zu nutzen. Mangels Unterstützung durch seinen Arbeitgeber, das Tschechoslowakische Institut für Makromolekulare Forschung, baute Wichterle eine Schleudergussmaschine in seiner eigenen Küche auf. Dazu benutzte er den Konstruktionsbaukasten seiner Kinder, eine Heizplatte sowie den Antrieb eines Plattenspielers. Das flüssige Hema wurde in eine rotierende Form eingespritzt und dort durch Hitze zum Gel verfestigt. Auf diese Weise stellten er und seine Frau in vier Monaten 5500 Linsen her. Das dazugehörige Patent ging über mehrere Ecken an den US-Hersteller Bausch & Lomb, der damit ab 1971 zu einem der Marktführer aufstieg. Wichterle sah von den Lizenzgebühren keine Krone.
(bsc)