Feldforschung unter Terroristen

Wenn Terroristen in Menschenmengen fahren oder Bomben zünden, scheint ihr Vorgehen unkalkulierbar zu sein. Das stimmt nicht, meint Ethnologin Carolin Görzig.

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Feldforschung unter Terroristen

(Bild: Photo by Aidan Bartos on Unsplash)

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Görzig (geboren 1979) leitet am Max-Planck-Institut für ethnologische Forschung in Halle die Gruppe „How terrorists learn“ – wie Terroristen lernen. Sie analysiert die Muster, die Grenzen und die Wege aus der Gewalt.

TR: Sie erforschen Terror direkt dort, wo er geschieht. Sie treffen Terroristen. Wie muss ich mir das vorstellen? Terroristen stehen schließlich nicht im Telefonbuch.

Carolin Görzig: Das klingt natürlich erst mal sehr abenteuerlich, ist aber in der Regel weit weniger spektakulär, als es wirkt. Viele dieser Gruppen sind so eingebettet in die Bevölkerung, dass es oft leichter ist, Zugang zu erhalten, wenn man vor Ort ist, als wir vorher annehmen. Viele der Organisationen haben politische Büros mit Sprechern. An die Anführer heranzukommen, gelingt uns nur sehr selten, aber sie sind für unsere Forschung nicht immer unbedingt die entscheidenden Quellen. Uns geht es ja vor allem um den Kontext, in dem sich Terroristen bewegen, und die Lernprozesse, die diese Gruppen durchlaufen.

Was sind das für Menschen?

Viele sind von einem starken Gerechtigkeitsempfinden getrieben. Wir begegnen in unseren Interviews oft einer Opferhaltung – wir gegen den Rest der Welt. Das Gefühl der Ungerechtigkeit, der Entrüstung ist schon sehr stark. Diese Menschen bezeichnen sich selbst auch nicht als Terroristen. Wir beobachten Spannungen, wenn Selbstzuschreibungen der Interviewpartner mit Fremdzuschreibungen im Widerspruch stehen.

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Wie versuchen Sie diese Gruppen zu verstehen?

Wir möchten einerseits wissen, wie Lernprozesse innerhalb einer Terrorgruppe stattfinden und verarbeitet werden. Andererseits interessiert uns, wie die Gruppen von ihrem Umfeld lernen. Sie lernen vom Staat, von anderen befreundeten oder verfeindeten Terrorgruppen oder auch von dem gesellschaftlichen Milieu, in dem sie sich bewegen.

Wo führen diese Lernprozesse hin – zu optimiertem Terror?

Lernen kann ja in verschiedene Richtungen gehen. In Richtung Radikalisierung, also zum Beispiel steigender Brutalität. Man kann lernen, effizienter zu sein, um im Kampf größere Erfolge zu erzielen. Bei manchen geht es aber auch einfach nur um das Überleben als Gruppe. Ihr Fortbestehen wird zum Selbstzweck. Sie existieren so lange, über Dekaden hinweg, dass es oft gar nicht mehr darum geht, ob man gewinnt oder verliert, sondern vor allem darum, daraus Status oder sogar Gehalt zu beziehen, oder einen Lebenssinn. Wenn in ihren Strukturen ein gewisser Bevölkerungsanteil vertreten ist, müssen dann ja auch viele Probleme gelöst werden. Wo wird jetzt der Müll hingebracht? Wie werden Mitglieder versorgt oder Konflikte zwischen ihnen geschlichtet? Der Prozess führt dazu, dass solche Organisationen nur noch eingeschränkt über Ideologien und Feindbildern nachdenken können. Für die Guerilla in Kolumbien ist es ein strategischer Wert, die Organisation zu erhalten. Sie kapitalisieren auf dem Faktor Zeit, da der Staat wenig davon hat. Es wird alle vier Jahre gewählt, die Regierung braucht Erfolge, aber die Guerillas haben Zeit und machen damit den Staat mürbe.

Geschieht auch das Gegenteil?

Das Lernen kann auch Richtung Deradikalisierung und Mäßigung gehen. Das ist dann oft ein tiefergreifender Reflexionsprozess, bei dem festgestellt wird: Was wir tun, geht nach hinten los.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Ja. In Ägypten war in den 1970er- bis 90er-Jahren die Gruppe Gamaa Islamija aktiv. Das ist eine islamistische Gruppe, die für das Luxor-Massaker in den 90er-Jahren verantwortlich war. Diese Gruppe ist besonders interessant, weil die Anführer nach ihrer Gefangennahme einen Sinneswandel vollzogen und der Gewalt den Rücken gekehrt haben. Das haben sie in 20 Büchern beschrieben, um ihren Anhängern die Beweggründe dafür zu vermitteln. Sie hatten realisiert, dass der gewaltsame Jihad zum Selbstzweck geworden war. Dahinter steht ein Reflexionsprozess, den wir aus den Organisationswissenschaften kennen: Will ein Unternehmen sich weiterentwickeln, muss es nicht nur einzelne Prozessschritte optimieren, sondern die dahinter liegenden Routinen und ungeschriebenen Regeln hinterfragen.

Aber das ist doch sicher ein Einzelphänomen?

Der Prozess klingt zunächst nach einer Singularität, weil wir in erster Linie den aktiven Terror in der Öffentlichkeit wahrnehmen. Aber die IRA in Nordirland beispielsweise, die sowohl geografisch als auch ideologisch weit von der Gamaa Islamija entfernt ist, hat einen ganz ähnlichen Wandlungsprozess durchlaufen. Selbst auf sprachlicher Ebene gibt es sehr viele Parallelen in der Argumentation. Wir untersuchen gerade auch Boko Haram im Niger, und da findet ein Prozess statt, bei dem sich die alten Anführer zunehmend radikalisieren und immer mehr Menschen – auch solche, die sie vorher als Brüder im Kampf gesehen haben – zum Ziel erklären. Das führt dazu, dass sich innerhalb der Organisation Splittergruppen entwickeln, die sagen: Das geht uns zu weit. Terroristen haben also auch durchaus Grenzen.

Lernen Terrorgruppen auch voneinander, studieren also die Konzepte der anderen?

Es findet sehr viel bewusstes Lernen voneinander statt. Als drei Islamisten auf der London Bridge ein Fahrzeug in die Menschenmenge leiteten, haben zwei Wochen später Rechtsterroristen ein Fahrzeug in die Moschee im Londoner Finsbury Park gefahren. Das ist direktes Lernen vom Feind. Lerneffekte wurden in diesem Fall durch Rachegefühle transportiert. Auffällig sind auch die globalen Diskurse, die verschiedenste Gruppen prägen. Es zirkulieren gemeinsame Narrative, gemeinsame Vorbilder, eine gemeinsame Literatur. In der Literatur der Islamisten sehen wir, wie sie sich gezielt auf die Konzepte des Gegners beziehen. Von der IRA wissen wir, dass Mitglieder in Gefängnissen die ganze revolutionäre Literatur von Marx bis Mao gelesen haben. Sie haben auch viel vom Afrikanischen Nationalkongress ANC gelernt, der in den 1970er-Jahren mit Gewalt gegen die Diskriminierung der schwarzen Bevölkerung in Südafrika gekämpft hat. Mitglieder des südafrikanischen ANC sind in Nordirland in die Gefängnisse gegangen und haben mit den IRA-Mitgliedern darüber gesprochen, wie weit sie in ihren Verhandlungen gehen können, ohne ihre Basis zu verlieren. Sie haben Strategien ausgetauscht. In Nordirland werden die Katholiken oft analog zu den Schwarzen Südafrikas und die Protestanten analog zu den Weißen Südafrikas gesehen. In dieser Gleichung sympathisieren die sich als Unterdrückte Empfundenen miteinander über nationale und regionale Grenzen hinweg.

Es gibt diverse Formen von Terrorismus. Die IRA verfolgt andere Ziele als der IS oder Rechtsterroristen. Gibt es eine Systematik hinter dem Terror?

David Rapoport, ein amerikanischer Politologe, hat von vier historischen Wellen des modernen Terrorismus gesprochen: vom Anarchismus zu Anfang des 20. Jahrhunderts, dann die antikoloniale Welle, anschließend die Neue Linke und dann der religiöse Terrorismus. Jede dieser Wellen erstreckt sich über etwa 40 Jahre. Teilweise überlappen sich diese Wellen.

Das lässt hoffen, wenn man sich den zeitlichen Verlauf der letzten religiösen Welle ansieht, oder?

Diese Welle hat 1979 mit der iranischen Revolution begonnen, und nach Rapoports Theorie müsste sie sich jetzt zum Ende neigen. Aber das bedeutet auch, dass wir am Anfang einer neuen Welle stehen müssten – oder am Ende der modernen Terrorismusgeschichte, was aber im Moment nicht so erscheint.

TR 7/2020

Was könnte den religiösen Terror ablösen?

Der Rechtsterrorismus nimmt Fahrt auf. Auch das Muster hinter den vier Wellen deutet darauf hin.

Welches Muster?

Wenn man genau hinschaut, kann man ein einfaches Generationenmuster entdecken: Die erste und die dritte Welle ähneln sich auffällig – Anarchismus und die Neue Linke. Bei denen geht es um Systemkritik, Anti-Imperialismus, Anti-Kapitalismus. Und bei der zweiten und vierten Welle, den Anti-Kolonialen und den religiösen Gruppen, geht es um Gebiete, auch den Islamisten geht es letztlich um Territorien. Es erscheint, als ob es einen Generationeneffekt geben würde, in dem Großeltern ihr Erbe an ihre Enkel weitergeben: Die transportierten Ideen überspringen jeweils eine Welle. Das würde sehr dafür sprechen, dass die aktuelle neue Welle wieder auf Systemkritik basiert.

Was lernen Rechtsterroristen von den Neuen Linken – den Vorgängern im Generationenmuster?

Die Rechten lernen eigentlich von allen. In ihrer ideologischen Unterfütterung werden die Menschen durch Einwanderung bedroht. In dieser Vorstellung wird der Einzelne austauschbar in einem kapitalistischen System. In der Elitenkritik der Rechten werden also Parallelen zu den Linken deutlich. Wir sehen aber auch das Andocken an den religiösen Terrorismus, wenn es um das Einzeltäterphänomen geht, das wir auch bei al-Qaida vorfinden. Ebenso die Idee, Friede sei unmännlich – der Mann muss kämpfen. Das wird in so gut wie allen Formen von Terrorismus propagiert. Außerdem haben sie auch von den Anarchisten gelernt. Die Propaganda der Tat wurde von denen prominent gemacht, also spektakuläre Attentate, die Nachahmer auf den Plan rufen. Das sieht man deutlich bei den Attentaten in Halle, Christchurch oder Breiviks Tat auf der norwegischen Insel UtØya.

Wenn Terroristen so intensiv voneinander lernen, und wir wissen, was sie lernen – weshalb sind wir Terror dennoch so hilflos ausgeliefert?

Staat und Gesellschaft sind relativ sichtbar. Terrorismus bewegt sich im Verborgenen. Eine Terrororganisation ist viel beweglicher als ein Staat. Das hat etwas von David gegen Goliath. Das ist das eine. Das andere ist, dass die Staaten den Terrorismus natürlich auch hervorbringen. Die Wellen, von denen ich eben gesprochen habe, sind ja auch eine Antwort auf Formen von Staatsterrorismus. Beim Anarchismus hatte man auf der anderen Seite den Imperialismus, beim Anti-Kolonialismus den Kolonialismus, bei den Neuen Linken hatte man den Kapitalismus und beim religiösen Terrorismus könnte man von Neo-Kolonialismus oder dem Krieg gegen den Terror sprechen. Das ist eine Interaktion, die man nicht losgelöst betrachten kann. Selbst einer rechtsterroristischen fünften Welle könnte man die Globalisierung gegenüberstellen. Viele Rechtsterroristen verorten sich ja stark lokal. Dem Rückzug auf das Lokale steht allerdings ihre ausgeprägte transnationale Vernetzung gegenüber.

Was empfehlen Sie also Staaten im Kampf gegen den Terror?

Wir haben uns noch nicht mit konkreten Anwendungen befasst, auch wenn der Weg dahin nicht weit ist. Unser Ansatz ist nicht, die Gruppen verstehen zu wollen, um sie durch Repressionen zu zerschlagen. Das halten wir für sinnlos, weil es ein reaktives und nicht proaktives Vorgehen ist. Wir sehen ja grade beim Rechtsterrorismus, dass Repressionen dazu beitragen, dass sich Strukturen des Rechtsextremismus dadurch erst entwickeln – jede Form von Terrorismusrepression wirkt so. Wir sehen einen großen Wert darin, zu verstehen, wie sich solche Gruppen entwickeln, weil Verständnis die Grundlage von Prävention ist.

(bsc)