ZurĂĽck in die Zukunft
Die Atomindustrie kann endlich mal Erfolge feiern. Ausgerechnet im Nahen Osten.
Ok, Preisfrage: Die Vereinigten Arabischen Emirate möchten sich für eine Energie-Zukunft nach dem fossilen Zeitalter vorbereiten. Also bauen sie ein neues Kraftwerk. Es ist:
a) ein solarthermisches Kraftwerk
b) ein Kohlekraftwerk
c) ein Atomkraftwerk.
Richtig geraten - „c“ ist die korrekte Antwort. Die VAE haben am 1. August einen nagelneuen Atomreaktor in Betrieb genommen. Ein Druckwasserreaktor koreanischer Bauart.
Nun fragt man sich natürlich, was eines der an Öl und Gas reichsten Länder der Welt mit einem AKW will - außer der Option auf Atomwaffen, aber die schließt das Land kategorisch aus. Man wolle die Atomenergie nur rein zivil nutzen, heißt es.
Eine der Antworten ist tatsächlich verblüffend: Die VAE mussten in den vergangenen Jahren tatsächlich Flüssiggas zukaufen, damit sie den wachsenden Energiebedarf für ihre Klimaanlagen decken können.
Wie zu erwarten, sind die Reaktionen auf das Projekt AKW Barakah jedoch recht gemischt.
Ein Gutachten der privaten Nuclear Consulting Group bemängelt vor allem den fehlenden „Core Catcher“, eine Art Betonschale, die unter dem eigentlichen Reaktor liegt und im Fall einer Kernschmelze das flüssige, hochradioaktive Metall auffangen soll, bevor es sich in den Boden frisst.
Der fehlende Core Catcher hat allerdings wohl wesentlich dazu beigetragen, dass die koreanische Energieversorgungsgesellschaft KEPCO den Auftrag zur Errichtung des Reaktor bekommen hat, denn sie lag mit ihrem Konzept rund 30 Prozent unter dem billigsten Angebot der Konkurrenz. Was den Chef der französischen Areva-Konzerns - der ansonsten nicht für seine atomkritische Haltung bekannt ist - zu dem Kommentar veranlasste, das Gebaren der Koreaner sei vergleichbar damit, „ein Auto ohne Sicherheitsgurte und Airbags“ zu verkaufen.
Bemerkenswert ist allerdings die Geschwindigkeit, mit der die Anlage errichtet wurde: Erste Studien gab es 2008, der Baubeginn war 2011 und eigentlich sollte der Reaktor bereits 2017 in Betrieb gehen. Jetzt ist der erste Block kritisch. Vergleicht man das mit der ewigen Geschichte um das finnische Kernkraftwerk Olkiluoto - einst ein Vorzeigeprojekt der europäischen Atomindustrie - war das geradezu ein Express-Projekt.
Was aber leider auch heißt, dass die Geschichte kein gutes Ende nehmen kann: Entweder wir erleben ein neues Fukushima - diesmal in recht unmittelbarer Nachbarschaft. Das wäre niemandem zu wünschen, ist aber leider nicht auszuschließen, denn eine starke, schnelle Vermehrung von Algen beispielsweise könnte zu einer katastrophalen Kühlwasser-Knappheit in dem Reaktor sorgen.
Wenn die Katastrophe aber ausbleibt - was dringend zu wĂĽnschen ist - dann feiert die Atomindustrie seit langem endlich mal wieder eine Erfolgsgeschichte. Und das in einer der politisch instabilsten Regionen der Erde.
(wst)