Was war. Was wird. Wenn Augenblicke richtig und Bobos lyrisch werden.
Von der Schönheit des richtigen Augenblicks erzählt Kairos, was Hal Faber zum Schmunzeln bringt: Nicht nur Start-ups und Präsidenten verpassen ihn regelmäßig.
Die Sonne genießen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen - Katzen verstehen was vom Kairos. Und was das nun mit Verschwörungsspinnern und angeblich ausufernder cancel culture, mit Bobos, Start.-ups und allenthalben ausrastenden Präsidenten zu tun hat? Nix, gar nix. Eben darum.
(Bild: Fritz, aus Die wundersame Welt von Fritz und Ella)
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Man kann einen Sommer am Badesee verbringen, wenn der Laptop ausreichend vor Wildsauen geschützt ist, die derzeit noch geschützt sind. Man kann aber auch im kühlen Zimmer am Laptop sitzen und die Doktorarbeit von Karl Buhl-Freiherr v.u.z. Guttenberg studieren, die die Tagesschau ausgegraben hat. Denn die Idee v.u.z Guttenbergs, den pfälzischen Erbfolgekrieg aus der Sicht eines Kassierers zu beschreiben, ist zumindest originell. Gemeinhin wird ja sonst das Hin und Her der Schlachten beschrieben oder vom Beginn der deutsch-französischen "Erbfeindschaft" gefaselt, weil betrunkene Franzosen das Heidelberger Schloss in Schutt und Asche legten. Da ist ein Bericht über den undankbaren Job, einen Krieg zu finanzieren, eine echte Abwechslung, auch wenn das Lieblingswort v.u.z. Guttenbergs nur einmal auftaucht. Vom Kairos einer fertiggestellten Dissertation ist diesmal nicht die Rede, nur von der Gründung der Bank of England, bei der es halt an Kairos fehlte.
*** Herr Guttenberg konnte wahrscheinlich an der Southampton Business School promovieren, ohne dort großartig Präsenz zeigen zu müssen. Schließlich warteten mannigfaltige Aufgaben auf ihn, nicht zuletzt bei Augustus Intelligence. Das bringt uns zu einem echten Skandal dieser Tage, der Visa-Verweigerung für ausländische Studenten durch das Bundesinnenministerium, wenn das Studium keine Präsenzpflicht vorsieht. Begründet wird es als Maßnahme gegen das Infektionsrisiko durch Corona, als wäre ein Test bei Einreise mit anschließender Quarantäne ein Ding der Unmöglichkeit. Ein klarer Fall von Stümperei und Doppelmoral, wo sich doch die deutsche Bildungsministerin über die Visa-Praxis der USA unter Donald Trump entrüstet gezeigt hatte.
*** Würde an diesem Wochenende in den USA gewählt, so würde Joe Biden nach der Bekanntgabe von Kamala Harris als "running mate" mit 93-prozentiger Wahrscheinlichkeit der nächste US-Präsident werden. Doch es ist erst August, die Wahl ist genau in 80 Tagen und so gilt die Warnung der Statistiker, die die Werte der aktuellen Umfragen mit denen anderer US-Wahlen vergleichen. Im November wird es eine Wahl geben, in der der amtierende Präsident offen zugibt, dass er die Briefwahl wohl nicht boykottiert, weil er selbst per Brief wählen will, aber doch behindert. Leider gibt es nur wenige Bundesstaaten, in denen schon jetzt per Brief gewählt werden kann, wie Barack Obama das empfiehlt. Der hat Trump direkt beschuldigt, er würde der Post die Kniescheiben zertrümmern. Derweil baut die Post Briefkästen ab und stapelt sie turmhoch auf ihren Betriebshöfen, dazu werden Sortieranlagen außer Betrieb gestellt. Ein Angebot von Amazon, hier einzuspringen, gibt es noch nicht. Wer hier eine Verschwörungstheorie am Werke sieht, liegt falsch: Es liegt in Trumps Natur, die Wahlen wie die Steuerbehörden und andere lästige Hindernisse auszutricksen.
*** Wie es bei der US-Post zugeht, wissen wir ja schon länger. Aber es kann nicht schaden, zum heutigen 100. Geburtstag von Charles Bukowksi mal wieder den großartigen Mann mit der Ledertasche in die Hand zu nehmen, der im Original schlicht "Post Office" heißt. Gegen die Lügen eines US-Präsidenten helfen die ehrlichen Texte des Dirty Old Mans aus Andernach am Rhein. "The problem was you had to keep choosing between one evil or another, and no matter what you chose, they sliced a little bit more off you, until there was nothing left. At the age of 25 most people were finished. A whole god-damned nation of assholes driving automobiles, eating, having babies, doing everything in the worst way possible, like voting for the presidential candidates who reminded them most of themselves."
*** "Good golly Miss Molly, sure like to ball" sangen die Everly Brothers und der unverwüstliche Little Richard und man machte sich so Gedanken, was da alles im Haus mit den blauen Lichtern passierte. Nun hat sich herausgestellt, dass die fesche Molly Hale bei der CIA arbeitet und dort das Mädchen für alle Fragen ist, etwa der, wie man Fake News erkennt oder Nachrichten von Gerüchten trennt. Wirklich effektive Vorschläge, wie man der Informationsflut begegnen kann, sind es nicht gerade, weil sich die CIA selbst auf eigene Experten mit Spezialwissen beruft. Außerdem müssen News erst einmal in der Welt sein, ehe sie verifiziert oder falsifiziert werden können. So ab es in dieser Woche in Großbritannien eine Gerichtsverhandlung über die Auslieferung von Julian Assange, über die nicht berichtet wurde. Zur Überraschung von Assanges Verteidigern präsentierte die Richterin ein neues Schriftstück der US-Regierung, doch mit alten Anklagepunkten. So wird deutlich, dass die Frage der Auslieferung mindestens bis nach der US-Wahl am Köcheln gehalten werden soll. Rechtlich und menschlich ist der Umgang mit Assange längst zur Farce geworden. Wahrscheinlich kann nicht einmal die kluge Molly Hale ehrlich die Frage beantworten, was die britische und US-amerikanische Behörden da treiben. Es könnte ein schlichter Racheakt der CIA für die Veröffentlichung von Vault 7 durch Wikileaks sein.
*** Rache ist ein Wort, dass in der Startup-Szene eher nicht zu Hause ist. Im Fall der gerade mit 91 Millionen gepäppelten "Smartphone-Bank" N26 ist es anwendbar, wenn man die mehrfachen Bemühungen verfolgt, einen Betriebsrat zu verhindern. All das im Namen einer tollen "Feedback-Kultur" und offenbar in Unkenntnis der rechtlichen Situation. Ein tiefer Griff in die Klamottenkiste der Boboismen war fällig und Phrase reiht sich an Phrase, wenn diese Kultur eindrucksvoll bescheuert beschrieben wird: "Antrieb: Es verlangsamt uns. Einfachheit: Es macht unsere Zusammenarbeit komplexer und hierarchischer. Integrität: Es untergräbt eine Kultur des Vertrauens und könnte zu einem erhöhten Maß an Konfrontation führen. Exzellenz: Es ist kein zeitgemäßes Instrument des Mitarbeiterengagements und schränkt die persönliche Karriereentwicklung und Wirkung ein." Das überzeugte nicht und so wurde trotz aller Hürden ein Wahlvorstand gebildet, dem vorerst nicht gekündigt werden kann. Ein anderer hübscher Nebeneffekt: Das zauberhafte https://paymentandbanking.com/n26-ein-neinhorn/:Neinhorn-Buch|_blank) von Marc-Uwe Kling wird auch den Bankern ein Begriff, die keine Ahnung haben, wie eine Gesellschaft funktioniert.
Was wird.
Gesellschaft funktioniert. Die Menschen in Belarus haben eine Wahl hinter sich, bei der sie nach Strich und Faden betrogen wurden. Dieser Eindruck drängt sich auf, wenn man die Videos von Versammlungen schaut, bei denen die Arbeiter ihre Arbeitsplätze verlassen und zeigen, für wen sie gestimmt haben – jedenfalls dann, wenn das Internet funktioniert, das in diesen aufregenden Tagen immer mal wieder gestört wurde. Vielleicht ist ja der ominöse Kairos da und die Proteste sind erfolgreich, vielleicht bekommt Diktator Lukaschenko Hilfestellung von Putin, komplett mit der russischen Vorstellung von Recht und Ordnung. Die von Orbán scheint er in der Tasche zu haben, was darauf hindeutet, dass die Europäische Union entgegen aller Beteuerungen keine Sanktionen verhängen kann.
Wir lassen dafür bundesweit die Sirenen schallen und die Apps warnen, das erste Mal nach der Wiedervereinigung von Ost und Westdeutschland. Davor warnten sie vor Feuer und Sturm und vor dem Angriff der jeweils anderen Seite. Der Warntag 2020 könnte als Gedenktag für einen weiteren gescheiterten Volksaufstand jährlich wiederholt werden. Das ist doch multifunktional und praktisch, auch wenn bis jetzt nur von der "Stärkung der Selbstschutzfähigkeiten" der deutschen Bevölkerung die Rede ist.
(jk)