Was Sie nicht sagen...
Was Sie schon immer ĂĽber AbkĂĽrzungen wissen wollten, aber nie zu fragen wagten.
Adrian Barnett und Zoe Doubleday von der University of South Australia haben 24 Millionen Überschriften und 18 Millionen Abstracts von wissenschaftlichen Aufsätzen analysiert, die zwischen 1960 und 2019 veröffentlicht worden sind. Natürlich nicht einfach so. Die beiden wollten messen, wie sich wissenschaftliche Fachsprache verändert, und ob man nachweisen kann, dass sie immer unverständlicher wird.
Spoiler: Die Antwort lautet „Ja“. In dem Aufsatz, der jetzt in der Zeitschrift elife erschienen ist, zeigen die beiden, dass die Häufigkeit von Akronymen in der Überschrift im analysierten Zeitraum um einen Faktor 3 und in den Abstracts um einen Faktor 10 gestiegen ist.
Damit das ganze etwas anschaulicher wird hier mal eine kleine Kostprobe: „Applying PROBAST showed that ADO, B-AE-D, B-AE-D-C, extended ADO, updated ADO, updated BODE, and a model developed by Bertens et al were derived in studies assessed as being at low risk of bias.“ Alter Falter, das ist selbst für einen leidgeprüften IT-ler schon harter Tobak, aber die zahlreichen Daten und Fakten rund um Akronyme machen das Paper zu einer noch vergnüglicheren Lektüre.
So lernen wir beispielsweise, dass das Zwei-Buchstaben-Akronym UA mit 18 verschiedenen Bedeutungen belegt wird. Um solche Schwierigkeiten zu vermeiden, haben die meisten Akronyme mittlerweile vier Buchstaben. Aber auch da wird es langsam eng. „Es gibt 17576 Möglichkeiten, ein Akronym aus vier Buchstaben zu bilden. 94 Prozent dieser Kombinationen sind bereits belegt“.
Die traurige Wahrheit allerdings ist, dass Barnett und Doubleday mit ihrer verdienstvollen Analyse leider nur an der Oberfläche kratzen. Denn was wissenschaftliche Texte besonders schwer verständlich macht - abgesehen von der Mathematik und den hoch-abstrakten Konzepten - ist die unselige Tradition, Begriffe aus der Umgangssprache zu klauen, und mit einer neuen, etwas anderen Bedeutung zu verwenden. Physiker machen das gerne. Wärme zum Beispiel bezeichnet in der Physik eine Form der Energie - die streng genommen physikalische Arbeit ist, also Kraft mal Weg und Kraft ist, aber lassen wir das - der überhaupt nichts mit warm oder kalt, also mit Temperatur zu tun hat.
Soll heißen: Wenn ein Wissenschaftler unverständlich sprechen will, schafft er das auch ohne Akronyme. Die spannende Frage lautet meiner Meinung nach nicht, ob das Unverständliche Sprechen und Schreiben in der Wissenschaft zugenommen hat, sondern warum. Aber das ist eine andere Geschichte.
(wst)