Was war. Was wird. Von der Armee im Schatten.
Manche Zombies kommen als Murmeltiere, kalauert Hal Faber. Dabei sind all diese Geheim- und Nichtgeheim-Dienste leider ein ernstes Thema.
Wäre auch ein nettes Symbolbild für das World Food Programme, das nicht einfach nur Hungernden Lebensmittel liefern will, sondern die Ursache von Hunger und Hunger als Ursache für Kriege bekämpfen möchte. Da darf's dann auch schon mal ein Friedens-Nobelpreis sein, das ist sicher nicht verkehrt, jedenfalls unumstrittener als der Literatur-Nobelpreis.
(Bild: Ein Nektarvogel oder Honigsauger (Nectariniidae) beim FĂĽttern des Nachwuchses (Fotograf: Ko Thongtawat / Shutterstock.com))
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Es ist ein deutscher Herbst. Nass und kalt. Die Blätter fallen, die Corona-Fallzahlen steigen und die Papierblätter schwellen dick an, weil die Literaturbeilage fällig ist, pünktlich zur Frankfurter Buchmesse, diesem Treffen der Cosplayer und Cosleser. Da wird über den Literatur-Nobelpreis für Louise Glück diskutiert – manche diskutieren auch nicht, sondern verreißen gleich kräftig. Derweil sorgt ein anderes Buch für Schlagzeilen – oder auch nicht. Es ist das bereits einmal erwähnte, lang erwartete Buch des ehemaligen BND-Chefs Gerhard Schindler mit dem fragenden Titel "Wer hat Angst vorm BND?" Niemand, und damit sich das ändert, ist Schindler auf eine Lese- und Lachreise gegangen. Bei einem bekannten Boulevardblatt angekommen, forderte Schindler den umfassenden Ausbau der noch in Pullach residierenden technischen Abteilung des BND zu einer neuen Superbehörde, zu einer deutschen NSA. Unter Leitung dieser BND-Abteilung soll die technische Abteilung des Verfassungsschutzes aus Köln, das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik in Bonn, die IT-Spezialisten des Bundeskriminalamtes in Wiesbaden und natürlich die Zentrale Stelle für Informationstechnik im Sicherheitsbereich zusammengefasst werden.
*** Mit geballter Kompetenz würde man dann endlich auf Augenhöhe mit der NSA agieren und wie diese die Superbösewichte ausspionieren, die über 5G Europa versklaven wollen. An erster Stelle muss hier natürlich Huawei genannt werden, die chinesische Firma, die von der NSA in der Operation Shotgiant ausspioniert wurde, wenn die von Edward Snowden vorgelegten Screenshots korrekt sind. Mit Huawei beschäftigt sich nicht nur Gerhard Schindler, sondern auch Evgeny Morozov, der in der aktuellen Le Monde diplomatique schildert, wie die USA den "maoistisch inspirierten" Konzern ähnlich wie Belgien bekämpft. Morozov bezieht sich auf ein neues Buch von Yun Wen, in dem der Huawei-Gründer Rhen Zhengfei als Armeeführer dargestellt wird. "Die Telekommunikation ist eine Frage der nationalen Sicherheit. Eine Nation ohne eigene Ausrüstung auf diesem Gebiet ist wie eine Nation ohne Armee." Für Morozov wäre übrigens Europa in der Lage, mit einer eigenen Armee China Paroli zu bieten. Denn mit Nokia und Ericsson gibt es Firmen, die bei 5G wichtige Standards setzen. Dumm nur, dass das Gerede von der nationalen technologischen Souveränität diesen Ansatz aushebelt.
*** Souverän ist, wer über die Vorratsdatenspeicherung bestimmt. Das Urteil des Europäoischen Gerichtshofes hat gezeigt, dass der alte Zombie nicht nur lebt, sondern dank deutscher EU-Ratspräsidentschaft auch noch eine Frischzellenkur spendiert bekommt. Traurig, dass der Gerichtshof als Bollwerk für Datenschutz wegbröckelt und eine der Hauptforderungen der Polizei erfüllt. Künftig können IP-Adressen anlasslos gespeichert werden. Auch Telefonverbindungsdaten und Standortdaten sollen dann auf Vorrat gespeichert werden, wenn eine akute Gefahr für die nationale Sicherheit besteht. Bei den Grünen brach seltsamerweise deswegen sogar Jubel aus: "Die pauschale anlasslose Vorratsdatenspeicherung ist mausetot", meinte Konstantin von Notz. So kann man sich irren. Während wir auf die nationale Umsetzung dieser Rechtsprechung warten, sollte man auch bei der Vorfreude der Strafverfolger skeptisch sein. Dieser Tage machte schließlich auch die Nachricht die Runde, dass eine US-amerikanische Richterin erkannte, dass eine IP-Adresse nicht eindeutig einer Person zugeordnet werden kann. Dazu gehört freilich auch die Nachricht, dass Google einem US-amerikanischen Durchsuchungsbeschluss gefolgt ist, der die Herausgabe aller IP-Adressen einer Google-Suche verlangte.
*** Google ist übrigens nicht alternativlos. Wer die Wimmelbilder zum Ende dieser kleinen Wochenschau sieht, kann vielleicht erkennen, dass sie mit der Bildersuche der Berliner Suchmaschine Ecosia gemacht werden. Sie hält in Deutschland einen Marktanteil von einem stattlichen Prozent und soll einen Baum jeweils für rund 45 Suchanfragen pflanzen und damit etwas zum Klimaschutz beitragen. So geht Gründen in Berlin, worüber Ecosia-Gründer Christian Kroll mit der Genossenschafts-Zeitung taz gesprochen hat, die postwendend etwas Werbung für den deGUT machte.
*** Kaum war das Bundeslagebild zum Cybercrime und die Ergänzung zum Cybercrime in Corona-Zeiten veröffentlicht, da änderte sich die Lage: Mit der Software AG erlitt ein großes IT-Unternehmen einen Datenabfluss in noch unbekannter Größenordnung. Wie die Malware-Attacke im Einzelnen ablief oder immer noch abläuft, wurde nicht mitgeteilt. Auf Twitter bekannte sich eine Hackergruppe namens "Cl0pRansomware" zu der Attacke. Prompt heißt es jedoch, das Unternehmen wäre Opfer einer Ransomware geworden. Bis zur Aufklärung des Vorgangs muss man mindestens die Frage mitdenken, welche Sicherheitslücken das Opfer ermöglichten. Vielleicht mangelte es irgendwo an Kompetenz? Das bringt uns zur zweiteiligen Cyberfibel als neuem Standardwerk in der Aufklärung von Verbraucherinnen und Verbrauchern, wie man sich selbstbestimmt und sicher durch die digitale Welt bewegt. Vielleicht brauchen Unternehmen auch so ein Nachschlagewerk, wenn der IT-Grundschutzkatalog nicht ausreicht. 40.000 Exemplare könnte man zusätzlich verteilen. Der Buchdrucker ist informiert.
Was wird.
Wo bleibt das Positive, wo bleibt die Musike? Coronabedingt verspätet ist die Liste der Personen aufgetaucht, die Königin Elisabeth in den Adelsstand erhoben hat. Da bekommt die Kriminologin Julia Davidson einen Orden, weil sie das "Wesen des Cybercrime" entdeckt hat. Elektrisierend ist aber eine andere Personalie: Tommy Steele, Europas erster König des Rock'n'Roll wird endlich gebührend geehrt. Passend dazu kann der Elevator Rock gehört werden. Mit einer Handvoll Songs machte er Karriere, bis ihn seine Fans krankenhausreif prügelten.
Apropos Krankenhaus: In den USA hat die Medizin-Zeitschrift "The New England Journal of Medicine" zum ersten Mal in ihrer über 200 Jahre dauernden Publikationsgeschichte eine Wahlempfehlung ausgesprochen, für Joe Biden, gegen Donald Trump. Der hat inzwischen eine zweite Debatte mit Biden abgelehnt, weil beide Kandidaten in einer Konferenzschaltung auftreten sollten. Das macht das Unterbrechen und Herumpöbeln schwieriger, das Abschalten einer Mikrofonleitung einfacher. Was von Trump inzwischen per Twitter verschickt wird, macht den Eindruck, als ob die medikamentelle Behandlung dem Körper des Herrschers arg zugesetzt hat. Das muss man am Welttag der geistigen Gesundheit noch schreiben und twittern dürfen.
(jk)