Kindergarten unter Wasser
Korallenkinder wachsen an Gerüsten hängend, bis sie ausgewildert werden können. So sollen wieder neue Meeresgärten entstehen.
(Bild: RRFB)
- Veronika Szentpetery-Kessler
Elizabeth McWhinnies Schützlinge sind so lang wie ihr kleiner Finger, wenn sie in einen ungewöhnlichen Kindergarten kommen. Kleine Elch- und Hirschgeweihkorallen hängen an Kunststofffäden von 1,5 Meter hohen und einen Meter breiten Fiberglas-Bäumen herunter. McWhinnie und ihre Kollegen von der Reef Renewal Foundation Bonaire (RRFB) betreiben acht Korallen-Kindergärten vor der Küste der karibischen Inseln Bonaire und Klein Bonaire, die geografisch zu den Kleinen Antillen und politisch als „Besondere Gemeinde“ zu den Niederlanden gehören.
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Auf 114 Fiberglas-Antennen päppeln die RRFB-Mitarbeiter etwa 15000 Korallenfragmente auf. Sie halten Algenbewuchs, Meeresschnecken und Feuerborstenwürmer fern. Wenn die Korallen nach sechs bis neun Monaten etwa 25 Zentimeter groß geworden sind, pflanzen sie sie auf ihrem natürlichen Lieblingssediment aus. Seit dem Projektstart 2012 hat die Stiftung über 28000 Korallen ausgewildert.
Damals waren die Korallenriffe um Bonaire zwar insgesamt recht gesund, „aber nicht mehr in dem Umfang wie vor 20, 30, 40 Jahren“, sagt McWhinnie. Erhöhte Wassertemperaturen, Verschmutzung und Krankheiten hatten viele Korallen geschädigt. Teilweise direkt wie die White-Band-Krankheit, teilweise indirekt wie der Erreger, der die Seeigel-Population dezimierte. „Viele Leute mögen Seeigel nicht, aber sie sind wie kleine Kühe unter Wasser, sie grasen zu starken Algenbewuchs ab. Passiert das nicht mehr, überwuchern die Algen die Korallen und schwächen sie“, erklärt McWhinnie.
„Es gab also viel Potenzial dafür, ein Riff-Restaurationsprojekt zu etablieren und damit viel Gutes zu bewirken“, sagt McWhinnie. Der Meeresschutzpark gab seine Erlaubnis, und die Stiftung gründete ihren ersten Korallen-Kindergarten mit der Fiberglas-Antennen-Methode aus Florida. Seit den ersten erfolgreichen Auswilderungen können sich auch Touristen, die zum Schnorcheln und Tauchen kommen, zu Korallenpflegern ausbilden lassen.
Derzeit wildert das RRFB pro Jahr etwa 7000 Korallen aus und will diese Zahl auf 20000 pro Jahr steigern. Welches Areal wiederbesiedelt werden kann, hängt von der Spezies und ihrer Form ab. Ein Gebiet mit 3000 Hirschgeweihkorallen ist seit 2017 zu einem etwa Tennisplatz-großen Dickicht herangewachsen. Gesunde Kolonien breiten sich also ab einer bestimmten Größe selbst aus. Dabei müssen die Wissenschaftler manchmal experimentieren: Auf festem Untergrund befestigen sie Elchgeweih-Korallen mit einem Zwei-Komponenten-Epoxykleber für Meerwasser. „Die sandigen Untergrund liebenden Hirschgeweihkorallen können wir natürlich nicht einfach so ankleben“, sagt McWhinnie. Auf schweren Eisengittern, die man nicht befestigen muss, wuchsen sie nicht gut. Sie vertrugen den Rost nicht. Bewährt haben sich bioabbaubare Bambus-Strukturen.
Den Erfolg zu vermessen sei nicht immer einfach, sagt McWhinnie. Bei den Hirschgeweihkorallen hätten aber Untersuchungen ergeben, dass sie den Bewuchs nur ein Jahr nach dem Auswildern auf satte 40 Prozent steigern konnten. Die natürliche Abdeckung liegt bei etwa 60 Prozent.
Zu guter Letzt betätigen sich die RRFB-Mitarbeiter bei den festgewachsenen Korallen als eine Art Kinderwunschklinik. Sie sammeln die freigesetzten Kapseln mit Eizellen und Samen ein, um ihnen im Labor höhere Befruchtungschancen zu geben. „Ab diesem Jahr werden wir die Korallenlarven nicht einfach so wieder im Ozean freisetzen nach dem Motto: Viel Glück, meine Kleinen, ihr schafft das!“, sagt McWhinnie. Stattdessen kommen sie in vom RRFB-Partner Secore International entwickelte Schutzbehälter mit Netzseitenwänden. Suchen die Larven einen Ort zum Niederlassen, liegen strukturierte Keramikfliesen bereit, mit denen sie sich später auswildern lassen.
(bsc)