Seehofer, Söder und Galilei
Die Debatten ĂĽber Studien zur Polizei oder zur Endlagersuche zeigen, wie weit sich einige Politiker von evidenzbasiertem Denken entfernt haben.
Eigentlich ist die Untersuchung vonrechtsextremen Umtrieben bei der Polizei nicht direkt unser Thema, weil zu wenig technisch. Aber ich glaube, darin auch ein erkenntnistheoretisches Muster zu erkennen, und das wiederum ist durchaus unser Thema. Dass allein schon die Frage, ob man ein bestimmtes Thema überhaupt untersuchen möchte, zu einem Politikum wird, zeigt, wie weit sich einige Politiker von evidenzbasiertem Denken entfernt haben.
Normalerweise sollte man meinen, dass eine seriöse Studie erstmal die Grundlage für eine politische Debatte sein sollte. Mit einer solchen Untersuchung ist auch keinerlei „Vorverurteilung“, „Unterstellungen“ oder „Pauschalverdacht“ verbunden, wie Bundesinnenminister Horst Seehofer gerne behauptet, sondern das exakte Gegenteil: Bevor man sich eine Meinung bildet, schaut man erst einmal nach, was genau denn überhaupt der Fall ist. Bei Seehofer funktioniert das offenbar umgekehrt: Egal, was es zu untersuchen gibt, er weiß das Ergebnis schon im Voraus.
Genauso war auch die Reaktion der CSU auf die Endlagersuche. Noch bevor die Endlagerkommission ernsthaft mit einer Untersuchung möglicher Standort begonnen hatte, wusste die bayerische Landesregierung bereits, dass Bayern unmöglich geeignet sein könne.
Dass Ganze erinnert mich an Szene aus Bertolt Brechts „Leben des Galilei“: Galilei hat mit einem Fernrohr entdeckt, dass etwas mit dem ptolemäischen Weltbild nicht stimmen kann. Darüber diskutiert er mit einem Mathematiker und einem Philosophen, die beide ebenso kirchen- wie dogmentreu sind. Sie weigern sich standhaft, auch nur einen Blick durch das Teleskop zu werfen, weil es an ihrem Weltbild ohnehin nichts ändern würde: „Man könnte versucht sein zu antworten, dass Ihr Rohr, etwas zeigend, was nicht sein kann, ein nicht sehr verlässliches Rohr sein müsste“, meint der Mathematiker. Und weiter: „Wenn man sicher wäre, dass Sie sich nicht noch mehr erregten, könnte man sagen, dass, was in Ihrem Rohr ist und was am Himmel ist, zweierlei sein kann.“
Diese Melodie werden wir, fürchte ich, immer wieder zu hören bekommen: Zuerst wird die Notwendigkeit einer Untersuchung in Frage gestellt, weil man ohnehin schon vorher genau weiß, dass dieses oder jenes eben „nicht sein kann“. Und gibt es dann doch eine Untersuchung – egal, mit welcher Methodik, egal, wie aufwendig, egal, mit wie breitem Konsens beschlossen – wird es nicht lange dauern, bis der erste, dem die Ergebnisse nicht passen, herumfaseln wird, dass Wissenschaft und Wirklichkeit „zweierlei“ sein könne. Im Zweifel sind die eigenen Dogmen wichtiger als die Empirie.
(grh)