Oper mit Abgründen

Virtuelle Realität ist beeindruckend. Doch erschlägt die Wucht der Bilder nicht allzu leicht jede künstlerische Aussage? Eine Installation in Hannover.

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Unter der Haut schimmern die Polygone durch.

(Bild: doubleA Foundation)

Lesezeit: 3 Min.

Honsel, TR-Redakteur, freut sich schon auf die nächste VR-Vorführung.

Zuerst sehe ich nur einen schimmernden Pfad in der Schwärze. Dann steht plötzlich eine Sängerin vor mir, kaum eine Armlänge entfernt, und schaut mir in die Augen. Einem fremden Menschen so nahe zu sein, ist zu Corona-Zeiten ungewohnt, fühlt sich aber nicht schlecht an. Ich sehe Hautporen und darunter Polygone.

Meine halb transparente Begleiterin winkt mir, ihr zu folgen. Ein paar Schritte weiter stehe ich vor einem Abgrund, und sie ist unerreichbar fern unter mir. Dann verwandelt sie sich in ein junges Mädchen und lockt mich unter einen Tisch, den eine darüber geworfene Decke zur Höhle gemacht hat. Wir sitzen uns im Schneidersitz gegenüber, das Mädchen schaut mich an und singt. Dann löst sich die Höhle auf und macht Platz für einen unendlich weiten Parkettboden, bis auch dieser verschwindet und ich allein im Nichts stehe, umschwirrt von roten Funken.

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Dieser Wechsel aus Intimität und Weite, aus Geborgenheit und Ausgeliefertsein, ist Leitmotiv der VR-Oper „Eight“ des niederländischen Komponisten und Filmemachers Michel van der Aa. Ihre deutsche Erstaufführung fand im September in Hannover statt. Zuvor wurde sie in Holland, Frankreich und China gezeigt. Sie dauert eine Viertelstunde und kann nur einzeln besucht werden.

Zu Beginn bekomme ich eine VR-Brille mit einer Kamera übergestülpt, die meine Hände erfasst. Das erzeugt lustige Artefakte: Die Hände sehen zwar irgendwie wie meine eigenen aus, aber die Armbanduhr fehlt. Ich kann mit meinen virtuellen Händen beispielsweise nach einem simulierten Geländer greifen, und finde dort einen realen Handlauf. Halte ich die Hände aber so, dass die Kamera sie nicht richtig erfassen kann, entwickeln meine virtuellen Finger ein Eigenleben und krümmen sich in anatomisch bedenkliche Richtungen.

Überhaupt ist die Versuchung groß, die Grenzen der Simulation auszuloten. So kann ich beispielsweise einfach durch die Sängerin hindurchlaufen. Auf meine Bewegung reagiert sie nicht, die Installation ist also nur begrenzt interaktiv. Aber schnell lasse ich die Spielchen sein und mich von den Bildern gefangen nehmen. Ich ducke mich vor umherfliegenden Asteroiden, bewundere Alpenpanoramen und starre in einem dunklen Wald den Vollmond an.

Die Musik kann sich nicht gegen die Wucht dieser Eindrücke durchsetzen. Obwohl ich mir vor der Aufführung den Text durchgelesen habe – es geht wohl um so etwas wie den Rückblick auf das Leben –, fällt es mir schwer, ihn mit den Bildern zu einer Geschichte zu verknüpfen.

Ein klassischer Fall von „Form schlägt Inhalt“ also? Ist VR hier tatsächlich ein Werkzeug, das sich vollkommen in den Dienst einer künstlerischen Aussage stellt, die sich so und nur so erzählen lässt? Oder wird sie zum Selbstzweck?

Ich bin in dieser Frage unentschieden. Es sind jedenfalls sehr intensive 15 Minuten, die man in der VR verbringt. Vielleicht nutzen sich die Effekte irgendwann ab, und die Erzählung tritt stärker in den Vordergrund. Dazu wird die VR als Kunstform noch ihre eigene Sprache finden müssen. Mit seinem virtuosen Wechsel zwischen offenen und geschlossenen Räumen hat Michel van der Aa aber schon einige Vokabeln dieser Sprache entwickelt.

(bsc)