Was war. Was wird. Von Zeitungsenten und anderen Fehlstellen.
Nein, eine Ente ist keine Eule. Die Weisheit zieht immer noch ihrer Wege, mögen die Enten auch quaken, ist sich Hal Faber sicher.
Wie bitte? Was ist los? Gute Fragen, vor allem angesichts all der irren Fake-Theorien, die heutzutage leider nicht nur durch die LĂĽfte schwirren.
(Bild: Ian Dyball / Shutterstock.com)
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
(Bild:Â Dwimhrni / Shutterstock.com)
*** Schade, einfach Schade, dass die fotografischen Reproduktionsrechte bei diesem historischen Artikel über das Haus der Presse in der Berliner Tiergartenstraße nicht die Veröffentlichung im Internet umfassen. Als das Refugium für Journalisten aller Couleur 1930 eröffnet wurde, plätscherte ein Brunnen im Leseraum der "vierten" Gewalt. In der Mitte des Brunnens ein kleines Türmchen auf diesem groß und stattlich das Symbol unserer Zunft, eine Ente. In der Zeitungswissenschaft wird das Federvieh auf das Kürzel n.t. zurückgeführt, lateinisch non testarum, englisch not testified, das immer dann unter einem Artikel erscheinen sollte, wenn die Quellenlage nicht gesichert erschien. Aber es gibt noch andere Herleitungen, etwa die französische von der "canard à la moitié", der halben Ente als Sprichwort für einen Schwindel oder eine Täuschung. Und natürlich dürfen die Gebrüder Grimm nicht fehlen, die bei Martin Luther, dem Mitgründer der deutschen Sprache vom Start-Up der evangelischen Kirche fündig wurden: "So kömpts doch endlich dahin, das an stat des evangelii und seiner auslegung widerumb von blaw enten gepredigt wird." Wer von blauen Enten predigt, predigt Unsinn. Halten wir fest, dass eine Ente nicht mit der Eule der Minerva verwechselt werden kann, die erst mit der einbrechenden Dämmerung ihren Flug beginnt. Darum ist der pompöse Brunnen mit der ollen Ente "ein mit unbekümmerter Selbstironie gewähltes Symbol des Zeitungswesens. "Abonniert Zeitungen!! Jimmy Wales hat recht, auch wenn seine Wikipedia manchmal wie ein Entenfriedhof aussieht.
*** Im immer noch nicht wirklich wirkenden Lockdown Light demonstriert die Zeitungsente nun mit dem Zapfhahn, dem Papiertiger, dem Paradiesvogel und dem Krümelmonster für die Belebung des Weihnachtsgeschäftes in deutschen Innenstädten. Nur die Nachteule fehlt. Denn Rocky ist wieder weggeflogen. Der Vogel philosophierte im richtigen Leben auf dem falschen Baum. Eine rührende, kitschige Geschichte, so passend für die besinnliche Adventszeit. Das kann man von einem aufgegriffenen nackten Europa-Parlamentarier (der Rechtspopulismus in des Kaisers neuen Kleidern?) nach seiner blutigen Flucht über einer Dachrinne nicht behaupten, auch wenn er irgendwie an Kevin allein zu Haus erinnert. Vielleicht eine Idee für die anstehende Neuverfilmung durch Disney+.
*** Während diese Zeilen getippselt werden, bemühen sich Boris Johnson und Ursula von der Leyen (in dieser Reihenfolge auf der nach unten offenen Bemühensskala) in einer Videokonferenz, den gordischen Deal-Knoten zu knüpfen. Während Chef und Chefin konferieren, haben die Chef-Unterhändler Twitter genutzt, die Positionen noch einmal vorzustellen. Eigentlich ist die Tür zu, nur die Zinken sind noch nicht ins Schloss gefallen oder wie immer man dieses fallen into the latch im neuen Euro-English ausdrückt. Dabei ist die Sache ebenso klar wie traurig: Aus der vornehmen europäischen Idee ist längst der Club der Egoisten geworden, mit Ungarn und Polen auf der nationalistischen Seite, mit den Niederlanden, Österreich, Dänemark und Schweden auf der Seite der Geizhälse, mit Deutschland und Frankreich auf der Seite der reichen Zauderer, Zögerer und Folterwerkzeug-Zeiger. Dennoch haben Kommentatoren der EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen eine Gesamtnote 2- oder 3+ gegeben. Da sieht man wieder einmal, wie ungerecht so ein Notensystem ist.
*** Nun bin ich nicht Lehrer geworden, sondern Entenvernichter. Dennoch möchte ich Angela Merkel eine 1+ in Staatsbürgerkunde geben. Wie jedes Jahr gab es in dieser Woche den Auflauf wichtiger "Player" auf dem IT-Gipfel, hoppla, Digitalgipfel der Bundesregierung. Diesmal lief es größtenteils online ab und so war auch der klassische Rundgang der Bundeskanzlerin über die Präsentationsstände mit deutscher Spitzentechnik eine virtuelle Exponate-Besichtigung. Wer das ganze Video nicht sehen möchte, sollte zur Minute 12 vorspulen und Kanzlerin Merkel zuhören: "Man möchte nicht abgehört werden, nech?" Das sagt die Frau, die schon mal direkter formulierte, dass das Abhören unter Freunden gar nicht geht. Auf die Feststellung folgte ein Satz, der es in sich hat: "Ist zwar für die, die Terror-Fahndung machen und Ähnliches nicht so gut, wenn alles verschlüsselt wird, aber der Kunde möchte es natürlich ohne Fehlstellen haben." Der Satz sei allen Ablenkern und Abwimmlern ins Ohr gelegt, die Merkels Aussage prompt als Fehlleistung herunterspielten. Es wird alles verschlüsselt, ohne über Fehler im Code Hintertüren für die Terror-Fahnder einzubauen. Punkt. Aus. Ende.
Was wird.
Aus? Ende? Aber nicht doch! In seiner letzten Sitzung vor der großen Bratenpause will das Bundeskabinett fünf neue Gesetze oder Gesetzesänderungen beschließen, alles natürlich im Namen der IT-Sicherheit, der Sicherheit vor Terroranschlägen und der Überwachbarkeit der Telekommunikation. Während man sich bei einer angedachten Impfpflicht oder einer Impfverordnung schreckliche Sorgen um die Verletzung der Privatsphäre macht, gibt es bei der digitalen Privatsphäre keine Hemmungen, diese zu pulverisieren. Auf der Tagesordnung des Bundeskabinetts steht der "Entwurf eines Gesetzes zur Änderung des BND-Gesetzes zur Umsetzung der Vorgaben des Bundesverfassungsgerichts sowie des Bundesverwaltungsgerichts", mit dem die Datensammelei des Bundesnachrichtendienstes "unter Freunden" outgesourct werden kann und nicht auf 30 Prozent des gesamten Datenverkehrs beschränkt ist. Ferner soll das IT-Sicherheitsgesetz 2.0 in trockene Tücher kommen, bei dem Experten noch kritische Mängel sehen und lieber die Notbremse ziehen wollen. Dann soll der Einsatz von Kennzeichen-Scannern über die Strafprozessordnung bundesweit erfolgen können, die TK-Überwachung von Messenger-Diensten abgesegnet werden und auch das Telekommunikations-Telemedien-Datenschutz-Gesetz in die Welt kommen, um angedachte Erfordernisse einer ePrivacy-Verordnung schon mal einen Schritt weit entgegenzukommen. Die Schreckensbilanz wird 2021 fortgesetzt.
Es ist nicht wirklich positiv für einen Nikolaustag, dass Dave Brubeck heute seinen 100. Geburtstag feiern könnte. Kann er ja nicht mehr. Aber wir haben ja sein Take Five im Fünf-Viertel-Takt und können das locker auf Take Forty-Five erweitern und noch einen obendrauf legen: 46 Prozesse hat das Anwaltsteam vom 45. US-Präsidenten Donald Trump verloren, am Freitag gab es die brutalste Niederlage im Kampf gegen die vermeintliche Wahlfälschung. Ihr folgte eine wichtige Gerichtsentscheidung beim "Deferred Action for Childhood Arrivals"-Programm (DACA) zugunsten der "Dreamers", die als minderjährige Kinder in die USA einreisten. Das Urteil reflektiert einen Trend, der in den US-Umfragen schon länger erkennbar ist: US-Amerikaner wünschen sich eine Zunahme der Immigration, nicht weniger Immigranten. Noch liegt man bei rund 200.000 Corona-Toten, doch die Zahl wird steigen und muss durch Einwanderer ausgeglichen werden. Für Donald Trump wird es hart, wenn Kommunikations-Direktorin Alyssa Farah eilig das Weiße Haus verlässt und selbst seine frühere Sprecherin Kellyanne Conway erkannt hat, dass Joe Biden die Wahl gewonnen hat. Und für die übrigen Republikaner, die nicht den Mut haben das einzugestehen, bleibt ein sehr deutsches Sprichwort übrig, dass eine Korrespondentin so formulierte: "Wer mit Donald Trump im Golfcart nach oben fährt, der fährt auch mit ihm im Golfcart nach unten." Vielleicht ist das aber auch nur eine Zeitungsente, die quakend und gackernd im Aufzug eines Berliner Verlages sitzt. Bekanntlich war für Martin Luther der Nikolaus auch nur eine "blaue Ente".
Ente gut, alles gut. Nun kann die Eule losfliegen.
(jk)