Netz-Standardisierungsgremium IETF wählt erstmals deutschen Vorsitzenden

Die Entscheidung wurde mit Spannung erwartet, auch weil sich Mitarbeiter von Huawei und Futurewei mit kontroversen Themen um den Vorsitz beworben hatten.

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(Bild: IETF)

Lesezeit: 4 Min.
Von
  • Monika Ermert
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Lars Eggert wird neuer Vorsitzender der Internet Engineering Task Force (IETF). Damit bekommt die wichtigste Standardisierungsorganisation für die Weiterentwicklung und Pflege der Internet Protokolle erstmals einen deutschen Chef. Das kündigte das Nominierungskommittee der IETF (NomCom) am Abend des 15. Januar 2021 an.

Eggert ist im Hauptberuf Technical Director beim US-amerikanischen Speicherspezialisten NetApp und arbeitet von Finnland aus. Wie seine Vorgänger Jari Arkko (Ericsson) und Alissa Cooper (Cisco) dürfte Eggert sich für Reformen bei Arbeitsweisen und Strukturen der altehrwürdigen IETF stark machen.

Lars Eggert wird neuer Vorsitzender der Internet Engineering Task Force. Der Netzwerkspezialist hat zuletzt die Spezifikation des Transportprotokolls QUIC vorangetrieben.

Seit rund zwei Jahrzehnten ist der an der University of Southern California promovierte Informatiker in der IETF aktiv und mit allen Netzwerk-Wassern gewaschen. Er leitete die Transport Area, also den Bereich, der sich um die Fortentwicklung des Transmission Control Protocol (TCP) kümmert. Aktuell ist er Vorsitzender der Arbeitsgruppe für den TCP-Nachfolger QUIC.

Von 2011 bis 2017 war er Vorsitzender der Internet Research Task Force (IRTF), der Forschungsschwester der IETF und bemühte sich dabei, mehr junge Wissenschaftler in die Standardisierungsorganisation zu bringen. Geholfen hat dabei unter anderem die jährliche Auslobung eines IRTF-Preises für angewandte Netzwerkforschung.

Der Brückenschlag zwischen Anwendung und Forschung macht er auch in seinem Hauptberuf bei NetApp: Zu seinen Aufgaben gehört, auch Fördermittel für NetApp einzuwerben. Einer seiner letzten Coups war ein Programm zur Entwicklung von "Federated Private Cloud Structures" (SSICLOPS) im Rahmen des Programms Horizon 2020.

Lange Jahre bei der deutschen Tochter von NetApp aktiv, ist er 2018 wieder nach Finnland gezogen, nicht zuletzt wegen der besseren Kinderbetreuung wie er einmal verriet. Die Konkurrenz um den Vorsitz der IETF war hart. Die Wahl Eggerts durch das 17-köpfige NomCom untermauert den Generationenwechsel. Neben Eggert hatten sich mehrere Kandidaten mit einer langen Vorgeschichte in der IETF beworben, etwa der frühere IETF-Vorsitzende und ehemalige Cisco-Ingenieur Fred Baker.

Von Eggert dürfen die Standardisierer erwarten, dass er Reformen zu neueren Arbeitsweisen vorantreibt, etwa die Kollaboration über GitHub statt der klassischen IETF-Arbeitsweise per Mailingliste. Freuen wird das vor allem die jüngeren Entwickler, mit denen Eggert aktuell auch als Leiter der Arbeitsgruppe zur Standardisierung des Transportprotokolls QUIC viel zu tun hat. Der Altersdurchschnitt in der Working Group QUIC liege 10 oder sogar 15 Jahre unter dem allgemeinen IETF-Altersdurchschnitt, sagte Eggert erst kürzlich im Gespräch mit heise online.

Das Wahlergebnis der NomCom spiegelt aber auch das Bestreben der IETF wider, einen Streit um die "New IP" vermeiden zu wollen. Hinter New IP stecken der chinesische Netzwerkausrüster Huawei und dessen Forschungstochter Futurewei, die Schwächen der aktuellen Internet-Architektur mit eigenen Konzepten begegnen wollen. Huawei hatte gleich mehrere Kandidaten ins Rennen um den IETF-Vorsitz geschickt. Angesichts der auch bei der IETF zunehmenden Rufe nach mehr Diversität wäre ein IETF-Vorsitzender eines asiatischen Unternehmens eigentlich überfällig gewesen. Damit hätte sich die ursprünglich US-geprägte Organisation allerdings den Hickhack um New IP und Sanktionspolitik ins Haus geholt. Da erscheint die Wahl Eggerts zum IETF-Vorsitz ruhigere Fahrwasser zu versprechen. Zuvor hatten mit Harald Alvestrand und Jari Arkko bereits zwei Europäer dieses Amt inne.

Eggert hat sich ziemlich deutlich gegen New IP ausgesprochen und sich in verschiedenen Arbeitsgruppen deutlich von Vorschlägen distanziert, Verschlüsselung zugunsten von besserem Management und Monitoring zu beschneiden. Allerdings gab es schlechte Presse für seinen Arbeitgeber als Bloomberg 2011 berichtete, dass NetApp-Software über eine italienische Firma nach Syrien gelangte und dort vom syrischen Regime zur Überwachung von Regierungsgegnern genutzt wurde.

Bis zur Stabübergabe der aktuellen Vorsitzenden, der Cisco-Ingenieurin Alissa Cooper im März, muss Eggert seine anderen Aufgaben in der IETF abgeben. Der Abschied von der unter Hochdruck und mit vielen Extra-Treffen arbeitenden Working Group QUIC werde ihm wirklich schwer fallen, sagte er. Immerhin, die Version 1 des neuen Transportprotokolls ist bis dahin fertig.

(dz)