Was war. Was wird. Am Rubicon: Abort. Retry. Fail?_
Was kann schon passieren. Alles wird gut. Niemand hat die Absicht eine Mauer zu bauen, höchstens eine Brücke über unpassierbare Flüsschen, befürchtet Hal Faber.
Oh ja, es gibt immer wieder so manchen Fluss zu überqueren. Man muss das ja nicht gleich mit zu viel Geschichte aufladen. Und auch nicht mit verpeilten Aufstandsphantasien rechter Spinner oder ihren unsäglichen Mordgelüsten.
(Bild: Asvolas / Shutterstock.com)
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Spulen wir etwas zurück, bis zum 10. Januar, 49 Jahre vor Beginn der christlichen Zeitrechnung. An diesem Tag überquerte Julius Caesar mit der 13. Legion auf einer kleinen Brücke einen Fluss namens Rubicon und verstieß damit gegen ein Gesetz, das verbot, sich mit bewaffneten Truppen in der römischen Republik aufzuhalten. Die Republik krachte zusammen und es entstand das römische Kaiserreich mit dem Diktator Caesar als erstem Kaiser. So jedenfalls beschrieb es Sueton in der ersten Biographie über den Kaiser.
Heute streiten sich verschiedene italienische Gemeinden, wo die Brücke stand und wo der Grenzfluss verlief. Vielleicht in Callisese, wo schon der Name (Callis und Caesare) auf Caesar verweist, vielleicht in Savignano sul Rubicone. Spuren, gar handfeste Beweise gibt es keine, genau wie beim Hashtag #Crosstherubicon, der angeblich auf Twitter von den orangenen Proud Boys und den Oath Keepers benutzt wurde, um Trump zu bewegen, an der der Spitze der Bewegung ins Capitol zu marschieren. Wenige Tage zuvor hatte der Finanzdienst Bloomberg über den Rubicon-Moment von Trump gemunkelt, was wohl niemand mit den Proud Boys verknüpfte. Inzwischen gibt es Hinweise auf eine koordinierte Attacke auf die Polizeisperren, die damit endete, dass der Proud Boy Dominic Pezzola mit einem Polizeischild ein Fenster des Capitols einschlagen konnte. Insgesamt war es nicht die feine Art, einen Rubicon zu überqueren. Was Trump dazu sagt, ist nicht bekannt, schließlich ist er von Twitter auf Twitter gesperrt, auch Youtube bleibt ihm vorerst verschlossen. In Deutschland wäre das nicht passiert, weil das hier eine Aufgabe des Staates wäre? Darüber lässt sich trefflich streiten.
*** Wo aber haben unsere Staatslenker den Rubicon überschritten und die Würfel hochgeworfen? Was waren das noch für Zeiten, als die strikte Zweckbindung einer geplanten Bürger-Identifikationsnummer gefordert wurde und die elf Ziffern diskutiert wurden, aus denen dann die Steuer-ID wurde. Schon damals hatte ich in dieser kleinen Wochenschau einen patenten Ratschlag parat: "Müssen wir nicht alle tätig werden und ähnlich wie bei den Hinweisen für Suchmaschinen ein bka.txt ablegen? Eine saubere Datenparkerklärung, in der nicht die ohnehin schnell gesammelten Details zum Betriebssystem, Browser und der Steuer-Identifikationsnummer stehen, sondern die wirklich wichtigen Daten: Skype-ID und Passwort, die Messenger-Daten (natürlich mit Passwort) und all die Karmapunkte von eBay, StudiVZ, Xing und dem Onlinecasino ihres Vertrauens." Zumindest das mit der Steuer-ID klappte ganz vorzüglich, als sie 2008 mit warmen Belehrungssätzen und der kostenlosen Beruhigungs-Hotline 01805-IDSTEUER eingeführt wurde, mit der Bitte um Beachtung: "Die Nummer bleibt der Person *lebenslang* zugeordnet. Sie enthält keine Information über Sie und das zuständige Finanzamt. Die Nummer ist Voraussetzung dafür, den Einsatz von elektronischer Datenverarbeitung verbessern und wirtschaftlicher gestalten zu können. Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass die Identifikationsnummer auch Kindern zugeteilt wird. Dies ist erforderlich, weil schon ab Geburt eine Steuerpflicht begründet sein kann." Von der Wiege bis zur Bahre kam die Nummer in die Jahre. Nun endlich ist aus der Steuer-ID eine volljährige Bürgernummer geworden, mit der gleich mehrere Datenflüsse zusammenströmen und dann zügig überschritten werden können.
*** Einen Monat ist sie jetzt für einige Auserwählte zu haben, diese elektronische Patientenakte, die den von der Gematik so bitterlich beklagten Dornröschenschlaf des deutschen Gesundheitswesens beenden soll. Passend zum Aufwachen des schönen Mädchens hat in dieser Woche das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe eine Klage gegen diese Patientenakte nicht zur Entscheidung angenommen. Der Grund: Es gibt keinen Zwang, solch eine elektronische Akte zu führen, ihre Nutzung ist freiwillig und der Patient entscheidet, welche Diagnosen welcher Ärzte in die Akte kommen. Wer sie nicht nutzen will, kann weiterhin die diversen PDF-Dateien ausdrucken und von Arzt zu Arzt tragen. Doch was ist, wenn Versicherte für Deutschland als Soldaten und Soldatinnen ins Feld ziehen? Kein Problem, denn auch die Bundeswehr will das Dornröschen wachküssen: Die ePABw wird startklar gemacht, mit starken Unterschieden zur freiwilligen ePA: "So liegt beispielsweise bei Soldaten und Soldatinnen die Datenhoheit beim Dienstherrn und nicht beim Patienten. Auf diese Weise ist es möglich, dass alle digital erfassten, medizinischen Daten des Patienten zur einrichtungsübergreifenden Kommunikation zur Verfügung stehen. Dies hat zur Folge, dass der Inhalt der Patientenakte nicht durch den Patienten selbst vollständig bestimmt werden kann." Still halten, Bürger in Uniform. Schließlich ist die Truppe kerngesund und hat bislang nur einen kumulierten Corona-Toten zu beklagen.
*** In dieser Woche sind im Mordfall Walter Lübcke die Urteile über die zwei Angeklagten ergangen, einmal lebenslänglich und ein Teilfreispruch sowie eine Bewährungsstrafe. Man kann die Urteile gerecht finden oder aber als Resultat schlampiger Ermittlungen im Fall von Achmed als ungerecht. Man kann auch urteilen, dass die Urteile mutlos und bitter erscheinen, weil hier nur mit der halben Härte des Rechtsstaates geurteilt wurde. An dieser Stelle ganz ohne Verlinkung soll auf die perfide Art verwiesen werden, wie das Urteil in der rechten Szene kommentiert wird, wenn es auf dem Schmutzblog Politically Incorrect heißt: "Keinerlei Mitgefühl, keinerlei Trauer für Walter Lübcke", denn dieser habe das Attentat selber provoziert. Ein Mensch, der einen Satz über die Werte von Deutschland und die Grundrechte von Flüchtlingen sagt, spricht damit sein "eigenes Todesurteil" aus. So verdreht muss man erst einmal argumentieren können. Von den noch schlimmeren Kommentaren, die zu diesem Un-Text abgegeben wurden, ganz zu schweigen. Nun muss der Lübcke-Untersuchungsausschuss im hessischen Landtag versuchen, das Versagen der Behörden aufzuklären.
*** Aufklären möchte ich zumindest den Vorwurf von Mov Faltin nach der letzten Wochenschau, nichts über Navalny und die russischen Proteste geschrieben zu haben. Wegen einer frühen Deadline konnten sie nicht Eingang in die Wochenschau finden. Doch das, was andere Medien bereits als Endspiel bezeichnen, ist noch lange nicht zu Ende. Am Anfang war es die mächtige russische Suchmaschine Yandex, die dem russischen Geheimdienst FSB die Daten der Geldspender von Nawalny übergab, nun sucht man wieder nach den Geldspendern, die das berühmte Video mitfinanzierten.
Was wird.
Zurück in die Zukunft? Da lohnt schon wieder ein Blick in die Vergangenheit, nämlich in das Jahr 2000, als der IgNobelpreis mit einer wirklich denkwürdigen Performance gefeiert wurde, unter kräftiger Mithilfe des Turandot-Klassikers Nessun Dorma. Gefeiert wurde nämlich der Dunnig-Kruger-Effekt oder die schlichte Tatsache, dass wir uns alle für schlauer halten als wir sind. Eben andersrum gesagt, dass wir alle unsere eigene Inkompetenz nicht richtig einschätzen können. Was David Dunning und Justin Kruger empirisch ermitteln konnten, ist eigentlich ein ganz beruhigender Effekt, der mit dem korreliert, was Albert Einstein über die Unendlichkeit der menschlichen Dummheit errechnete.
Doch ade, du schöne Kausalität: Offenbar ist der Dunning-Kruger-Effekt das Produkt einer verzerrten grafischen Darstellung von Daten-Artefakten, zufällig wie eine Olive, die an der Bar in ein Champagnerglas fällt und nicht in den Martini. Was ist da an der Bar los? Gibt es denn etwas zu feiern? Aber klar doch: Niemand anderes als Gregor Honsel von unserer Technology Review hat einen Journalistenpreis Informatik gewonnen und niemand andere als die gute alte Rollkugel von Rainer Mallebrein war am Hauptpreis beteiligt. Da wird sicher noch mehr kommen. Stößchen!
(jk)