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Was war. Was wird.

Krieg ist ein seltsames Thema, an diesem Tag, der vor 63 Jahren Krieg schon einmal auf die Tagesordnung der Welt setzte. Ist die IT-Branche ahistorisch, oder ist Science Fiction die Antwort? Das fragt sich Hal Faber.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Gestern war Krieg, natürlich am Samstag, bei bestem Wetter. Nur wenige aufrechte Firewäller stellten sich der Schlacht, die Fluppe lässig im Mundwinkel, selbst wenn der Angriff aus der Luft kam. Nur, warum an diesem Datum? Wurde es von einem Computer berechnet? Sollte es zur honorigen Erinnerung an einen anderen Samstag dienen, an dem das mit dem Driving nicht klappte? Verschwörungstheorien gibt es ja genug.

*** "Wir haben allzu lange auf Europa gehört. Der freiheitsliebende Geist des Amerikaners erscheint gezähmt, entmutigt, eine blasse Imitation des Europäers." Am 31. August vor 165 Jahren hielt Ralph Waldo Emerson seine berühmte Rede "The American Scholar", in der er die Amerikaner aufforderte, sich auf ihre eigenen Wurzeln zu besinnen und die degenerierende europäische Geduld und den Selbstzweifel abzulegen. "Wir werden auf eigenen Füßen stehen, wir werden mit unseren eigenen Händen arbeiten und wir werden in unserem eigenen Geist reden." Gut so. Leider ist es nicht dabei geblieben, dass Amerikaner nicht nach Europa schielen. Inzwischen sollen wir nach Amerika schielen und bitte alles mitmachen, etwa einen Familienausflug ohne UN-Mandat in den Irak. Was aber heute vor 63 Jahren begann, sollte eigentlich genug gewesen sein.

*** Dabei gab es eine Zeit, in der sich Amerika, Asien und Europa gemeinsam vergnĂĽgten, lange vor Satirewire. Am 1. September 1962 ging es in Wiesbaden mit dem Fluxus los. Die internationalen Festspiele neuester Musik mit George Maciunas, Nam June Paik und anderen Experten werden heute als die witzigste Avantgarde-Veranstaltung der neuen Kunst angesehen. NatĂĽrlich ist Fluxus tot. Schielen nach Amerika? All your Base belong to Pato! Kunst ists, wenns bunt wird.

*** Lassen wir den Blick zur Völkerverständigung noch einmal nach Amerika schweifen, nach San Jose, wo seit Donnerstag die ConJose stattfindet, die 60. "World Science Fiction Convention", kurz Worldcon genannt. Die erste fand 1939 in New York statt, zu einer Zeit, als Amerika noch an seine Träume glaubte und das in einer Weltausstellung zeigte. In der Sektion "Futurama" wurden hocheffiziente Massentransportmittel à la Transrapid vorgestellt, in "Democrocity" die direkte Beteiligung aller Menschen am politischen und kulturellen Leben vorgeführt. In der "Perisphere" wurde der Weltraum erobert und in "Trylon" so viel Kunststoff vorgestellt, auf dass jeder Mensch auf der Welt sich anständig anziehen kann. Doch all die Visionen von 1939 liefen schief: "Statt Massentransport und neuer Demokratie bekam Amerika seine Superhighways und das Fernsehen, man siedelte nicht im Weltraum, sondern in den Einöden der Vorstädte. Statt bunter Kunststoffkleidung kam das bunte Kunststoff-Essen der Junk-Food-Ketten", schrieb David Gelernter in seinem Buch "1939 -- The Lost World of the Fair". Aber die Science-Fiction, damals wie heute, sie funktioniert und verkaufte sich bestens. Die ruhmreiche Versammlung der Science-Fiction-Autoren und ihrer Fans muss allein schon darum erwähnt werden, weil Steve Wozniack gerade die Samstags-Keynote bestritten haben wird, wenn diese Kolumne online geht. "Personal Computers. What Science Fiction didn't predict." Ja, warum haben all die kreativen Autoren, die längst den Mars eroberten und die Teleportation als natürliche Reiseform des Menschen entdeckten, nicht den PC vorweggenommen? Steuern, Tod und Microsoft-Sicherheitslücken gehören heute so zu unserem Alltag, dass niemand diese Frage bis dato schlüssig beantwortet hat. Auch "Woz" wird den blinden Fleck der Zunft wohl nicht erklären können, schon gar nicht in einer Zeit, in der Apples Newton von ausgewiesenen Experten als Flachbettscanner erkannt wird.

*** Heute, da ein Grundstück auf dem Mars in Verwirklichung eines uralten Menschentraumes schlappe 39 Euro kostet, hat übrigens Edgar Rice Burroughs Geburtstag. Der Vater von Tarzan begann als Science-Fiction-Schreiber mit einer Serie, bei der ein kerniger Amerikaner namens Jon Carter im Kampf gegen die Apachen zum Mars teleportiert wird und dort zum Schwert greifen muss. In heutigen Science Fiction sieht die Realität etwas anders aus. Kein Wunder,wenn man Tarzans Heimstatt heute betrachtet. Sein PC ist übrigens auch nicht besser dran. Schreit da jemand?

Was wird.

Ach, Tarzan. Was die Gestaltung unseres Liebsten anbelangt, da darf heuer Hamburg nicht fehlen. Ab Montag starten nicht nur die Geburtstagsfeiern im Lawrende Livermore Laboratory, am Montag startet die hehre Wissenschaft einen Kongress, der die Beziehung zwischen Mensch und Computer ergründeln soll. Es soll zum Kongress sogar eine wissenschaftlich fundierte Ausstellung zur Geschichte der Benutzeroberflächen geben, in der es hoffentlich nicht darum geht, ob Gnome oder KDE selig machen. Eines Tages werden wir ohnehin an den Ufern des Internet sitzen und unser Leben in Form eines großen Dateiklopses an uns vorüber ziehen lassen, wenn der bereits erwähnte David Gelernter recht hat.

Lange bevor Freddie es sang und es für nahezu harmlose Nachrichten in Schwang kam, kam es aus dem Mund von Avery Brundage: The show must go on. Vor 30 Jahren machten die Olympischen Spiele nach dem Attentat auf israelische Sportler zu München weiter, als könnte man zum Tänzchen nach Dachau rufen. Was das nun wieder mit Computern zu tun hat, wird sicher mancher stöhnen, der nicht das Programm der kommenden Infowarcon kennt, wo München in den Tagen des Homeland Defense sehr wohl ein Thema ist. Mussten sie wirklich weiter gehen, die zerstörten Spiele? Wer kann nach Dachau, nach München so schnell wieder fröhlich werden, wenn nicht der Deutsche, immer heiter im Gemüth? So bleibt nur die Erinnerung an GOLEM, die "Großrechnerorientierte, listenorganisierte Ermittlungsmethode" der Firma Siemens, die als weltgrößte Datenbank olympische Rekorde brechen sollte. Angeblich wurde sie noch während der Olympischen Spiele geknackt. Damit solche unerquicklichen Sachen nicht passieren, ist es an den vereinten Nationen, mit einer Infosec-Konferenz an die Verantwortung der Firmen zu appellieren.

Kein "Äh", kein "im Übrigen", keine Politik? Ja, das muss manchmal sein. Auch wenn die Erinnerungskultur jetzt schon Kapriolen schlägt und das Jahresende heuer am 11. September erledigt scheint. Mancher hält das für einen Trick der Bush-Kamarilla -- selbst Hollywood-Ölbarone mögen nicht vor Verschwörungstheorien gefeit sein. Politik hin oder her: Die Nachricht, dass der Verband der Internetwirtschaft zu Frankfurt bei der Suche nach dem "Internet-Politiker des Jahres" im virtuellen Ortsverband der Roten doch noch fündig geworden ist, sollte eigentlich einen Schlenker wert sein. So ist das eben mit der Ente, Herr Müller-Lüdenscheid! (Hal Faber) / (jk)