Was war. Was wird.
Die Farbe des Universums kennen wir nun endgültig: Ein dröges Beige. Und die Farbe des Internet: Auch Beige, Polizei-Grün oder gar Orange? Fragen über Fragen, die Hal Faber zu beantworten sucht.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Tja, das war wohl nix mit dem schönen hellen Türkis mit einem Schuss Aquamarin als Durchnittsfarbe des Universums. Die Wissenschaftler haben sich vertan und mussten die Dinge zurecht rücken: Das Universum hat die Farbe eines PC. Das überrascht nicht wirklich, so kurz vor der CeBIT, wenn Hannover das Zentrum des Universums wird. Ein beiger Punkt, umgeben von beige, soweit die Atome reichen. Immerhin, die Borgs, die kleinen grünen Männchen und die Mausbiber sitzen vor dem gleichen Beige wie wir. Gegen Beige ist noch das graueste Internet-Grau farbig -- auch wenn die Plattform, die Heimat dieser kleinen Kolumne ist, ein neues, sehr farbiges Kind bekommen hat, dessen Kleid nicht alle User goutieren. So ist der Lauf der Zeiten -- manch User mag sich noch an das letzte Redesign von heise online erinnern. Was für ein Aufruhr! Da hat es Gerhard Schröder einfacher: Es reicht, wenn sich der Kanzler aller Deutschen passend anzieht, wenn er mit Ballmer die Orgie in Beige und Grün startet.
*** Was die Computer und die Orgien anbelangt, die mit ihnen möglich sind, so hat Schröder in der letzten Woche gepunktet, als er auf einem sterbenslangweiligen Kongress zur Medienkompetenz die niedersächsischen Beamten in Schutz nahm, die nach einem hier in der Wochenschau erwähnten Bericht zu sehr mit Schmuddelkram beschäftigt sind. "Immerhin haben sie gezeigt, dass sie surfen können und damit Medienkompetenz besitzen." Eben, dat bisken Fleisch, wenn Arbeitsrechtler Moorhuhn und Bumsschaf wie die Zigarettenpause dem erlaubten Betriebsnutzen unter dem Gedanken der "Aufmunterung" einordnen. Aber Schröders Witzeleien, dann noch von einem mehrfach geschiedenen Mann, der der stockkonservativen AOL Foundation als Redner problematisch erschien: uff. Schützen wir also unsere Kinder mit der richtigen Kompetenz oder mit dem Guardian 2000, wenn die Kompetenz nicht zieht. Wobei, ein Kommentar zu dem auf der Konferenz verteilten Buch "Medienkompetenz" kann ich mir nicht verkneifen, leider ohne Link: Es könne kaum eine wichtigere elterliche Invesititionen geben als der Kauf eines Laptops für den Schulunterricht, heißt es auf Seite 151. Na da schau her! Eben sah die Welt noch Beige aus, und dann das, ein schickes Schwarz, oder etwas iBookiges. Wie schön aber auch, dass man Kompetenz kaufen kann! Gewinner bei der Berliner Kompetenz-Kür wurde übrigens Big 6, weil es Kindern praktikable Handlungsschritte für den Umgang mit dem Internet vermittelt. Erwachsene haben sie schnell vergessen und freuen sich über Top-Manager.
*** Wenn Schröder mit Steve Ballmer gemeinsam die CeBIT eröffnet, dann führen sie wohl nicht eine Duett-Version des Ballmerschen Affentanzes auf. Aber vielleicht ist es ja erneut Gelegenheit für diesen unseren Bundeskanzler, die uneingeschränkte Solidarität mit den USA zu demonstrieren -- derweil sich die deutschen Soldaten in Afghanistan sowohl als Rambos betätigen als auch als Selbsterfahrungsgruppe, die nach unerwarteten Todesfällen erst einmal wieder zu sich selbst finden muss, wie es ihr Chef von Butler formulierte. Vielleicht aber sollte man die USA wirklich in Schutz nehmen: Amerikas Mythen, die ein wichtiges Element des Europäern oft befremdlichen US-Patriotismus ausmachen, dafür aber immer wieder Anlass für opulente Epen von "High Noon" über "Once Upon a Time in America" bis selbst zu "Die Hard" boten, haben einen Bush und einen Rumsfeld nicht verdient. Auch nicht nach dem 11. September 2001, der gerade einmal ein halbes Jahr her ist. Erkennen wir die Welt noch wieder?
*** Mythen sind eben nicht immer jugendfrei, genauso wenig wie diese Kolumne: Kinder, bitte jetzt wegklicken, denn Hal wird jetzt sexistisch. Nein, ich meine nicht den PR-Start von i-mode, dem drahtlosen Superdienst mit dem Logo einer TAE-N-Buchse. Dort stellte man der Presse als "wunderbares" Content-Beispiel den mobilen Kontakthof von Amica vor: "Ich bin Mann und suche Frau im Alter 16-18", so eine der ersten interaktiven Mails von i-Mode. Warum auch große Worte machen, wenn die Kompetenz tiefer gelegt ist ... Nein, die Rede ist von einem neuen Virus, der als Microsoft-Update kommt und von "Gigabyte" in C geschrieben wurde. Nun haben die Virenjäger bei Sophos angeblich herausgefunden, dass Gigabyte eine Frau ist, die mit ihrem Virus gegen den Sexismus protestieren würde, der in der Virenszene auf beiden Seiten, bei Jägern wie Gejagten, innig gepflegt werde. Das dementiert Sophos mit diesem mündlich wieder gegebenen Statement seines Chef-Jägers: "Frauen sind genauso in der Lage, ein Virus zu schreiben, aber sie sind viel zu reif, um dies auch zu tun -- mit dieser einen sonderbaren Ausnahme." Wenn das kein Beweis für latenten Sexismus ist, dann fresse ich einen Teddyborg. Wie sagte schon Netuschka Nezvanova: "Lass mich dein Inter-Body sein!" Gut, Frauen sind reif, weil sie sich nicht in PlayStation2 umtaufen lassen und sich nicht beim Dauerdaddeln das Genick brechen. Aber sonst)?
*** Wenn diese Kolumne online geht, gibt es natürlich ein historisches Datum zu feiern, auch wenn die Zeitspanne vielleicht nicht ganz die historische Fallhöhe hat. Aber damals, Kinder, damals in den goldenen Jahren: Am 10. März 2000 erreichte der NASDAQ-Index 5048 Punkte, da hatte die Goldblase der Dot.com-Ökonomie ihre größte Ausdehnung. Ein Toast auf die Bobos muss einfach sein, erst recht, wenn dieselben Schwachmaten sich als Berühmtheiten fühlen und immer noch glauben, dass die Geldgeber sich geehrt vorkommen, mal 200 oder 500 Millionen Dollar mit ihnen gemeinsam verbrannt zu haben. Wie die Genasführten sich wirklich fühlen, beleuchtet ein anderes Jubiläum, das beim Manager-Magazin gefeiert wird: Zum heutigen 5. Geburtstag des Neuen Marktes wurden Namen gesucht und gefunden. AHP wie "Altpapier-Handelsplattform" oder GRABAZ wie "Größter Anlagebetrug aller Zeiten" in Anlehung an den GRÖFAZ wurden da ersonnen, selbst Pleitax und Mad Dax machen noch etwas her. Mit Webtrash wurde auch für Orginal-Bobos eine verständliche Abkürzung gefunden "Where electronic business totally ruins any stockholder". Ja, mit den Abkürzungen ist es schwierig, eine gute Balance zu finden. Die programmierenden Freunde flugunfähiger Vögel halten Dazuko für einen feschen Namen für eine Virenkontrolle in vogelfreien Betriebssystemen, weil er so nett wie Bonobo oder Dodo im Munde rollt. Ich gebe zu: Datenzugriffskontrolle ist für Zungen fremder Länder ein schwerer Brocken. Doch halt! Wie geht es sprachlich denn mit MLWDNP? Auf www.heiseerster.de und www.heisefreitagnachmittagsflame.de wäre ich nie gekommen. Also wirklich.
*** Die Meldungen zu diesen putzigen Diensten stammen übrigens aus Diskussions-Threads zur Nachricht über das Heise-Nachwuchs-Angebot. Welchselbige als Meldung insofern interessant ist, als dort das "meistbesuchte journalistische Angebot im deutschsprachigen Internet" gepriesen wird. So nett das klingt, es timmt alles nicht. Föllig Vlash! Denn harsch urteilt der neue Reichweiten-Superzähler AGIREV: Im Ranking der Arbeitsgemeinschaft Internet Research taucht heise online gar nicht unter den deutschen Top-Sites auf, und schaffte es als "völlig irrelevant" nicht einmal unter die Top 100. Im Reichweiten-Ranking vertreten sind Computer Bild an 18. und die PC-Welt an 36. Stelle. Natürlich hat die Sache Methode: Befragt werden nur Personen, die einmal die Woche online gehen und telefonisch erreichbar sind. Im Klartext: Nutzer von heise online schauen mehr als einmal hier vorbei und sind nicht bereit, den dussligen Fragen eines Telefon-Interviewers Zeit zu opfern. Aber hallo, da macht es doppelt Spaß, für eine Site zu schreiben, die für die Inhaber von AGIREV soo unwichtig ist; besonders apart die Auskunft für die Presse am Telefon, nochmal vollumfänglich: "Weil heise online keine Gebühren nimmt, deutet alles darauf hin, dass diese Site bald nicht mehr existiert. Für uns ist sie daher in einem langfristigen, auf mehrere Jahre angelegten Panel nicht relevant." Da fehlen selbst mir die Worte -- und das, ja das will nun wiederum etwas heißen.
*** Zu den Jubiläen der netten Art gesellt sich wie immer das Traurige. Ein leises Farewell geht an den großen jüdischen Maler Mati Abdul Klarwein, den Vielgescholtenen, dessen zahlreiche LP-Cover-Bilder wie bei Santanas Abraxas um Klassen besser waren als die Musik, dieses hingenudelte Samba pa ti. Doch es gab auch Cover für richtige gute Scheiben, für Miles Davis' unvergessliches Bitches Brew, oder für Jerry Garcia und die Grateful Dead. Mati Abdul Klarwein wurde in Hamburg geboren und floh mit seinen Eltern vor den Nazis nach Palästina. Er starb vorgestern auf Mallorca im Alter von 70 Jahren. Die meisten seiner Bilder hängen im marokkanischen Königshaus, wo er als Abdul Mati ein islamischer Künstler ist.
*** Ein Farewell der eher lauten Art wurde gerade in vielen Medien Heinz Rühmann hinterhergeschickt, während andere fast vergessen sind. Rühmann, der seit 1994 tot ist, schlug am 7. März vor 100 Jahren zum ersten Mal die Augen auf. Der kleine Mann, der in den Medien in seinen späten Jahren gerne als der liebe Opa dargestellt wurde, ist ein Typ, bei dem Mancher noch als Erwachsener gerne Enkel wäre. Leicht lässt sich da der Blockwart ignorieren, zu dem der Opa mutiert, sobald seiner Kleinbürgerseele etwas Autorität jenseits der Enkel zuteil wird. Solche Blockwart-Mentalität war einer Frau auch in schlimmster Zeit fremd, die gestern vor 50 Jahren starb: Am 9. März 1952 gab Alexandra Kollontai doch noch auf. Die Frau, die sich unabhängig aller leninistischer Ideologien von Haupt- und Nebenwiderspruch auch in der Sowjetunion schon früh als Feministin betätigte, gegen Leninisten und Stalinisten als Mitglied der linken Arbeiteropposition auch unter der "Diktatur des Proletariats" eine unabhängige Gewerkschaft befürwortete, wurde von Stalin, dessen einen Tag nach ihrem Tod veröffentlichte so genannte "Stalin-Note" zur Wiedervereinigung Deutschlands heute erneut für heftige Diskussionen sorgt, verschont, ganz im Unterschied zu vielen ihrer Genossen. Warum, weiß heute niemand mehr -- verbiegen ließ sich die Kollontai aber offensichtlich nicht, eher dürfte sie ihre Position als eine der ersten Diplomatinnen als Exil betrachtet haben. Leider aber wird heutzutage mehr über Stalins propagandistisch gut vorbereitete Offerte geredet als über das diskutierenswerte Vermächtnis Kollontais. Und das, nachdem wieder einmal ein "Internationaler Frauentag" weitgehend spurlos an den industriellen Gesellschaften vorbeigegangen ist.
Was wird.
*** Es ist soweit. Die CeBIT steht unabwendbar vor der Tür. Hektisch fressen die Leute alle Pringles leer, weil der größte Hotspot der Welt genutzt sein will. Heise-Redakteure räumen ihre Buden, Wohnungen, Häuser und Paläste leer, weil es ihre einzige Möglichkeit ist, das karge Salär mit Messegästen aufzubessern. Da sie sowieso rund um die Uhr schreiben müssen, ist das keine schlechte Idee. Ich habe als Freier "fast freiwillig" frei und werde das genießen, mal hier und da reinschauen. Etwa dann, wenn Marco Börries den Rachehandschuh wirft, nachdem sein schönes Staroffice so schmählich von Sun gemarktet wird. Natürlich folgt die Rache unter .NET und auf Linux-Basis, was entweder bedeppert ist oder genial -- aber so ist er nun mal, unser Marco. Wie nun? Man weiß es immer erst hinterher. Auch für mein Schlendern folgt die Rache auf dem Fuß, in Gestalt zahlloser Happy Hours mit scheußlichen Bieren aus Pappbechern, die zeigen, wie fatal der 12. März 1987 war. Vor 15 Jahren fiel das Reinheitsgebot für Bier, das 1516 eingeführt wurde. (Hal Faber) / (jk)