Was war. Was wird. Noch'n Gedicht.
Von der Wespe über die Spinne zum Datenkraken: Manche Karrieren sind besonders, meint Hal Faber, nicht nur unter Hackern. Doch tröstet die Poesie. Ja, echt.
"So viel zur Welt. So viel zur Wirklichkeit." Es nutzt halt nichts, wenn jeder und jede sich die Wirklichkeit nach eigenem Gusto zurechthaut.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Die Suppe kalt in Hartmanns Hinterzimmer
Wir saĂźen da und wurden ziemlich alt,
und nicht viel später wurden wir noch älter,
und wir vergaßen viel, die Suppe kälter,
in Hartmanns Hinterzimmer, wo wir saĂźen
und fast die ganze weite Welt vergaĂźen:
die Luft, die weichen Wolken und den Wald
und Hartmanns Hinterzimmer, was auch immer.
(Ror Wolf)
*** Zu den beglückenden Erfahrungen der Pandemie zählt die Poesie, die der Mensch in aller Ruhe im Home Office und sonstwo in einem Hinterzimmer lesen kann. Sie ist mit hoher Inzidenz ansteckend oder so. Jedenfalls wird es vielen Menschen warm ums Herz herum, wenn wie in der letzten Wochenschau geschehen, poetische Worte zu dem Großbrand im Rechenzentrum gefunden werden, wie überhaupt Brände seit jeher die Dichter befeuerten:
"Kochend wie aus Ofens Rachen
GlĂĽhn die LĂĽfte, Balken krachen,
Pfosten stĂĽrzen, Fenster klirren,
Kinder jammern, MĂĽtter irren,
Tiere wimmern
Unter TrĂĽmmern,
Alles rennet, rettet, flĂĽchtet,
Taghell ist die Nacht gelichtet..."
*** Im kalten Licht des Bildschirms ist inzwischen die bittere Bilanz gezogen worden: 10.000 Server sind zerstört, 3,5 Millionen Websites und eine halbe Million Domains nur eingeschränkt erreichbar. Nicht nur die Kollegen von der Computerwoche, sondern auch die ganz und gar unkollegialen Hacker waren laut Kaspersky vom Brand betroffen.
*** So kann es denn poetisch weitergehen: "Hacker sind wie Wespen, die im Verborgenen leben. Man weiß, dass es sie gibt, und kann ahnen, dass sie jeden umschwirren, der sich im Internet bewegt. Man weiß aber nicht, wie sie fliegen, wen sie angreifen und ob man lieber stillhalten oder das Insektenspray herausholen sollte. Man hofft einfach inständig, nicht gestochen zu werden." So beginnt eine Geschichte über "Die Jäger im Netz" in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in der zwei Personen porträtiert werden, die das Nest der gemeinen Emotetwespen aushoben. Linda Bertram, Staatsanwältin der Zentralstelle für die Bekämpfung der Internetkriminalität, und Carsten Maywirth vom Bundeskriminalamt werden da als untypische Hackerjäger:innen beschrieben, Personen mit kräftiger Gesichtsfarbe, "keine Computerblässe in ihren Gesichtern, Sakko und Blazer statt Kapuzenpullover". Zwei Wespen, also computerblasse Hacker, konnten dank ihrer unermüdlichen Ermittlungsarbeit in der Ukraine festgenommen werden und so stellte sich am Ende heraus, dass man sich bei Bestimmung der Tierchen wohl geirrt hatte: "Das eigene Netz hat der Spinne ihr Handwerk gelegt." Fehlt bei den zoologischen Metaphern nur noch, dass aus der Spinne am Ende ein Datenkrake wird, gegen die kein Insektenspray hilft.
*** Es gibt nicht nur die Poesie, es gibt auch poetische Worte. Das zumindest haben die Grünen gemerkt, die angefangen haben, an ihrem Wahlprogramm zu werkeln. Weg mit dem kalten Licht im nüchternen Labor, her mit den prall mit Leben gefüllten "Reallaboren" und den wunderbar klingenden "Experimentierräumen", weg mit dem bösen Wort vom Tempolimit, her mit dem beruhigenden "Sicherheitstempo für alle". Weg mit den politischen Schnellschüssen, her mit der "validen Empirie"! Wobei die Frage aufkommen könnte, ob es eine invalide Empirie gibt. Betrachten wir einmal eine komplette Passage des Programms: "Zukünftige Sicherheitsgesetze müssen auf valider Empirie beruhen und verfassungsrechtliche Vorgaben zwingend beachten. Statt pauschaler, anlassloser Vorratsdatenspeicherung und genereller Backdoors für Sicherheitsbehörden oder Staatstrojaner für Geheimdienste wollen wir es der Polizei ermöglichen, technische Geräte anhand einer rechtsstaatlich ausgestalteten Quellen-TKÜ zielgerichtet zu infiltrieren. Zudem soll eine Meldepflicht für Sicherheitslücken eingeführt werden." Das hört sich gut an, mit dem kleinen Makel, dass die Formel von der "rechtsstaatlich ausgerichteten Quellen-TKÜ" immer noch viel Spielraum für die konkrete juristische Ausgestaltung lässt. Es gibt die Aussage des grünen Politikers von Notz, dass 99 Prozent aller Einsätze von Quellen-TKÜ grundrechtswidrig erfolgen. Daraus könnte man schließen, dass ein Prozent der Einsätze genau definiert, die Straftaten benannt werden können, die das "Infiltrieren" und Installieren von Schnorchelsoftware gestatten.
*** In dieser Woche hat die EU-Kommission ihre Pläne für den digitalen Impfnachweis vorgestellt, der europaweit zum 1. Juni kommen soll. Die dazu passende Verordnung enthält etliche sinnvolle Gedanken, wie die Ausführungen zur Datensparsamkeit, Nutzung offener Standards sowie dem Verzicht auf Tracking und Weitergabe der Daten, alles Sachen, die wichtig sind, aber nicht verpflichtend festgeschrieben wurden. Das passt denn auch gut zu dem bei uns in der Entwicklung befindlichen deutschen System. Da möchte man zwar eine offene Datenstruktur, aber nur, damit Fluggesellschaften aus dem Impfnachweis ihre eigenen Zutrittslösungen basteln können. Unklar ist auch, was mit den Daten zu einer überstandenen Corona-Erkrankung und mit den Nachweisen von PCR-Tests passiert. Das Problem des für Datenschützer ziemlich gefährlichen Impfpasses liegt anderswo, in der Konkurrenz des EU-Passes mit anderen, ähnlichen Ausweisen der USA und China. Denn ebenfalls in dieser Woche wurde der Druck bekannt, den China mit seinem Impfpass ausübt, basierend auf dem Impfstoff von Sinopharm. Nimmt man den russischen Impfstoff Sputnik V hinzu, wird klar, dass ein internationaler Nachweis auf dem Verfahren beruhen muss, dass alle Impfstoffe überall zugelassen sind. Das ist zumindest beim chinesischen Impfstoff problematisch, weil die chinesischen Hersteller bisher keine Zulassung bei der EU beantragt haben und über den Impfpass Druck machen wollen.
Was wird.
Mit dem digitalen Impfpass sollen wir bekanntlich nach der dritten Welle in die neue Normalität zurück, in der viele digitale Segnungen bereit stehen sollen. Zu ihnen gehört die elektronische Patientenakte ePA, für die das medizinische Informationsobjekt (MIO) "Impfpass" entwickelt wurde. Derzeit wird eifrig diskutiert, wie die ePA unter das Volk gebracht werden kann, allen Vorbehalten zum Trotz. Denn seit dem Start am 1. Januar 2021 sind nur wenige Patientenakten angelegt und befüllt worden. Ein Blick zu den Nachbarn zeigt, wie einfach das in Zeiten der Pandemie geht: In Österreich gibt es die elektronische Gesundheitsakte ELGA. Nur wer sie hat, bekommt die kostenlosen Corona-Schnelltests, wer auf sie verzichtet, bekommt die Nachricht vom Sozialversicherungsträger: "Jene, die ein Opt-Out aus ELGA und der E-Medikation gewählt haben und sich damit selbst von dem Angebot der kostenlosen Selbsttests ausgeschlossen haben, können sich jederzeit wieder in ELGA anmelden. ELGA und die E-Card sind zukunftsweisende, flexible und sichere Systeme, die Vielfältig zum Wohle des Patienten zum Einsatz kommen. Die Pandemie fordert ein rasches Reagieren auf veränderte Rahmenbedingungen. Das können wir vor allem mit Hilfe von digitalisierten Systemen erreichen."
Laut dem österreichischen Gesundheitstelematik-Gesetz darf niemand, der die Teilnahme an ELGA verweigert, Nachteile in der medizinischen Versorgung erleiden. Tja. Zu Risiken und Nebenwirkungen digitalisierter Systeme lese Mensch die Packungsbeilage. Wer seinen Arzt fragt, wird eine sehr kurze Antwort bekommen: Die Bearbeitung der elektronischen Patientenakte wird den Ärzten in Deutschland mit 1,67 Euro pro Quartal vergütet. So entstehen digitale Erfolgsgeschichten. Und Gedichte.
Das war der Fall, das waren die Berichte,
und alles, was hier aufgeschrieben ist,
am Montag, nachts, im harten Lampenlichte,
damit man es in Zukunft nicht vergisst,
wird von uns nun beendet mit Gewalt.
Wenn es so ist, dann ist es eben so.
Es ist jetzt ziemlich kalt hier im BĂĽro,
ganz kalt, ganz kalt, wenn auch nicht ganz so kalt.
Wir können uns die letzten Worte sparen,
dann also bis zum übernächsten Jahr.
Ich hoffe, es wird bleiben wie es war,
mit hartem Schnaps, mit dampfenden Zigarren.
Im Osten ist es kĂĽhler als im Westen,
im SĂĽden ist es schwĂĽler als im Norden,
bis einer kommt und legt uns in die festen
die letzten Kisten mit den letzten Worten.
Die Welt gefriert. Wir wissen jetzt Bescheid.
Die Welt verdampft, sie kocht, sie schäumt vor Wut.
Die Welt ist heiĂź und kalt, und das ist gut.
Soviel zur Welt, soviel zur Wirklichkeit.
(Ror Wolf)
(jk)