Ausprobiert: KI-Wissen für Alle
Zwei kostenlose Online-Kurse aus Finnland führen in die Künstliche Intelligenz ein. Und das machen sie ziemlich gut.
Illustration aus „Elements of AI“ zum Kapitel Wahrscheinlichkeiten und Chancen.
(Bild: elementsofai.com)
Künstliche Intelligenz ist die Alchemie unserer Zeit: Sie wird mystifiziert, mit Erwartungen überladen und soll angeblich unser gesamtes Leben „transformieren“. Wer versucht, als Laie in die Welt dieser geheimnisvollen Technologie vorzudringen, dem ergeht es nicht anders als den Adepten der arkanen Wissenschaften der Vergangenheit: Nur, wer zäh genug ist, sich durch ein Dickicht hermeneutischen Wissens in gelehrten Sprachen zu arbeiten, ist würdig die Weisheit zu empfangen.
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2017 beschloss die finnische Regierung, dass Zukunftsfähigkeit anders gehen muss und beauftragte die Universität Helsinki gemeinsam mit der Digitalagentur Reaktor eine allgemein verständliche Einführung in Künstliche Intelligenz zu erarbeiten. Sie sollte kostenlos online gestellt werden. Und innerhalb eines Jahres sollte damit ein Prozent der finnischen Bevölkerung – etwa 55000 Menschen – die wichtigsten Grundbegriffe und Konzepte der Künstlichen Intelligenz lernen.
Ausgerechnet Finnland. Die Finnen gelten – um an dieser Stelle mal ein paar Vorurteile zu kultivieren – als introvertiert, lakonisch und wortkarg, mit einem Hang zum Grüblerischen, gar zum Depressiven. Zwar ist das Land auch ein Hightech-Standort, aber warum sollten ausgerechnet die wortkargen Finnen KI besser erklären können als – sagen wir mal – die zukunftsverliebten Kalifornier aus dem Silicon Valley?
Jedenfalls scheint der Kurs sehr gut anzukommen: Im Portal Class Central, bei dem Studierende Online-Kurse bewerten, steht er in der Rubrik „Computer Science“ an erster Stelle. „Nach sechs Monaten hatten wir bereits 100000 Studierende“ sagt Ville Valtonen von Reaktor. Mittlerweile haben sich Teilnehmer aus 150 Ländern eingeschrieben, der Kurs ist in 24 Sprachen übersetzt. Was ist das Geheimnis dieses Erfolges?
„Die meisten KI-Kurse sind von Männern für Männer gemacht“, sagt Valtonen. „Das Thema wird sehr düster dargestellt. Wir wollten klar machen, dass KI nichts ist, vor dem man Angst haben muss. Etwas ganz normales, das zum Alltag gehört.“ Tatsächlich ist das Design von „Elements of AI“ angenehm aufgeräumt, mit Pastellfarben und freundlichen, stilisierten Grafiken, die auch in ein Kinderbuch passen würden. Aber bei aller Wohlfühl-Atmosphäre ist das hier keine Light-Einführung – der Kopf kommt durchaus ins Arbeiten. Denn nach einer kurzen Einführung, die auch philosophische Fragen anreißt, geht es im zweiten Kapitel gleich um den Zusammenhang zwischen Such-Algorithmen und Planung.
Genauer gesagt: Der Kurs erklärt, wie eine KI klassische Logik-Probleme wie das Flussüberquerungsrätsel oder den Turm von Hanoi verarbeitet. Bei diesem 1883 vom französischen Mathematiker Édouard Lucas erfundenen Spiel muss man Holzscheiben verschiedener Größe von einem Stapel auf den anderen Stapel umsortieren, darf dabei aber nur die jeweils oberste Scheibe bewegen, und niemals eine größere auf eine kleinere Scheibe legen. Eine KI speichert die Anordnung der Scheiben in jedem Spielzug als „Zustände“ und jeden Zug, der von einem in den anderen Zustand führt, als Übergang. Die Lösung des Rätsels ist dann ein Pfad, der vom Anfangs- zum Endzustand führt – Grübelei reduziert auf die Suche in einem baumartigen Diagramm von Zuständen.
So einfach kann KI sein. Oder auch nicht. Denn damit das Ganze nicht zu theoretisch bleibt, dürfen die User selbst Zustandsdiagramme mit Stift und Papier aufmalen und sich auf die Suche nach der besten Lösung begeben. Dabei zeigt sich, dass mein Menschengehirn schon an stark vereinfachten Aufgaben zu knabbern hat. Aber das ist erst der Anfang: Von der einfachen Suche kommen wir schnell zur Strategie in simplen Brettspielen wie Tic Tac Toe, dann geht es weiter mit bedingten Wahrscheinlichkeiten und einfachen Methoden des maschinellen Lernens, um bei neuronalen Netzen zu landen. Abgerundet wird dieser Teil des Kurses mit einer Diskussion über die möglichen gesellschaftlichen Auswirkungen von KI.
(Bild: elementsofai.com)
Studierende, die mindestens 90 Prozent der Aufgaben und Übungen bearbeiten und mindestens die Hälfte aller Fragen richtig beantworten, erhalten zwei Credit Points. Die gelten in Europa als Beleg für Studienleistungen. Das erfordert jedoch eine gewisse Mühe. Die meisten Aufgaben und Übungen im ersten Kurs beschränken sich zwar auf das richtige Ankreuzen einer Lösung. Man kann jede Prüfungsfrage aber nur einmal beantworten. Eine zweite Chance gibt es dort nicht. Wer den Kurs erfolgreich absolviert hat, kann auch ein Zertifikat der Universität Helsinki erhalten – das gibt es allerdings nur gegen Gebühr.
2020 legte Reaktor dann mit einem zweiten Kurs nach: „Building AI“. Während der erste Teil in mittlerweile 24 Sprachen – auch in Deutsch – vorliegt, gibt es den zweiten Teil bislang nur auf Englisch. Hier geht es praktisch zur Sache: Es gibt Übungen in drei verschiedenen Schwierigkeitsstufen – und ab der zweiten Stufe bedeutet das konkret zu programmieren. Das klingt abschreckend, aber schon Grundkenntnisse in Python genügen, denn in der Regel geht es darum, Beispielprogramme gezielt zu verändern. Wer glaubt, die richtige Lösung gefunden zu haben, drückt auf den „Run“-Knopf und wartet auf die Ergebnisse. Stimmen die mit den Erwartungen überein, kann man einen automatisierten Test starten. Ist auch der „OK“, kann man die Lösung einreichen. Das erspart einem durchaus den einen oder anderen Frust. Denn der Stoff ist schon ganz schön anspruchsvoll: Die Kursteilnehmer erfahren unter anderem, wie Optimierungsalgorithmen arbeiten, programmieren gar einen „Annealing“-Algorithmus, lernen, wie Spamfilter funktionieren, spielen mit maschineller Textverarbeitung und erkunden, was man mit neuronalen Netzen machen kann.
(Bild: Screenshot aus „Building AI“. )
„Wir wollen die beste Lernumgebung der Welt gestalten“, sagt Valtonen selbstbewusst. Ganz ist Reaktor das noch nicht gelungen. Was noch fehlt, ist beispielsweise die Vernetzung der Kursteilnehmer untereinander. Zwar gibt es ein Forum, in dem man Lösungen für Aufgaben diskutieren kann – ob das Problem, mit dem man sich dort grade herumschlägt, dort diskutiert wird, ist jedoch Glückssache. Aber auch daran arbeiten die Finnen bereits. Wie auch an einer weiteren Verbreitung ihrer Kurse in noch mehr Sprachen. „Unser nächstes Ziel ist Afrika“, sagt Valtonen. „Und dann wollen wir einem Prozent der Weltbevölkerung zeigen, dass Programmieren keine Magie ist.“ Das könnte tatsächlich klappen.
Produkt: Elements of AI, Building AI
Hersteller: Universität Helsinki/Reaktor
Preis: kostenlos
(bsc)