Wie Forscher durch Zufall eine Blauwal-Population entdeckten
Ein Projekt, mit dem Forscher unter Wasser eigentlich nach heimlichen Atombombentests lauschen, hat eine bisher unentdeckte Blauwal-Population aufgespĂĽrt.
Die Blauwale sind die Giganten der Meere.
(Bild: NOAA)
Noch immer werden in der Welt Atomtests durchgeführt. Nicht jedes Land hat Teststopps vertraglich vereinbart oder lässt Beobachter zu. Entsprechend sollen Überwachungsnetzwerke prüfen, ob an verschiedenen Stellen des Planeten unterirdisch oder im Meeresbereich Nuklearsprengkörper abgefeuert wurden.
300 Messstationen gegen Atomtests
Das International Monitoring System (IMS), das im Rahmen des Comprehensive Nuclear Test-Ban Treaty (CTBT) eingefĂĽhrt wurde, dient diesem Zweck. Es beinhaltet aktuell ĂĽber 300 Messstationen, die nicht nur Radionuklide detektieren, wie dies etwa das deutsche Bundesamt fĂĽr Strahlenschutz in Freiburg tut, sondern in Verbindung mit internationalen Partnern auch Seismik, Infraschall und Hydroakustik erfassen.
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Schon zuvor wurde das große Datensammeln, das im CTBT-Hauptquartier in Wien zusammenläuft, nicht nur zum Aufspüren von Atombombentests genutzt. So bedient sich Japan etwa der Daten, um Unterwasserbeben zu erkennen, die Tsunamis auslösen könnten – eine positive Form von "Dual Use", weil sich die Bevölkerung so schneller warnen lässt. Doch auch im Umweltschutz und der Biologie wirkt das IMS kleine Wunder: Wie Forscher berichten, ist es ihnen gelungen, mit dem System neue Populationen der größten Säugetiere der Welt zu entdecken.
Material aus 20 Jahren
Dazu analysierte das Team um Emmanuelle Leroy von der School of Biological, Earth and Environmental Sciences an der UNSW in Sydney Aufzeichnungen aus fast 20 Jahren, die von sechs verschiedenen Messstationen stammten. Daraus isolierten sie dann Walgesänge in dem Material.
Die Menge der noch unbekannten Lieder der Kolosse – ein Blauwal wiegt so viel wie 30 Elefanten – überraschte die Forscher, wie sie dem Bulletin of the Atomic Scientists mitteilten. "Es gab nicht nur ein paar davon, sondern eine große Menge", so Leroy. Die Gesänge der Wale seien ein großer Teil des Klangbildes aus den zwei Jahrzehnten. Die Forscher werteten sie aus und konnten sie Gruppen zuordnen, da die Blauwale ein vergleichsweise konstantes Muster ihrer Gesänge verwenden.
Erster Schritt zum Schutz
Die neu entdeckte Population soll in der Nähe einer Inselgruppe im indischen Ozean leben. Neu ist es nicht, dass die Tiere nur durch ihre Gesänge detektiert werden: Sie zeigen sich dem Menschen nur selten, dafür sind die Klänge bis zu 1.600 Kilometer weit unter Wasser zu vernehmen. Aktuell suchen die Forscher noch nach den Tieren selbst – denn nur dann könnten auch neue Schutzräume geschaffen werden. So kann die Schifffahrt Walwanderungen stören und ihr Lärm die Routinen der Riesen stören.
Die akustische Entdeckung ist also nur ein erster Schritt zu ihrem Schutz. Wie viele Tiere es sind und wie sie sich genau bewegen, ist noch unklar. Praktischerweise stehen die IMS-Daten Forschern auf Abruf zur Verfügung. Sogar eine Echtzeitmessung wäre denkbar. Bei anderen Anlässen mussten die Forscher um Leroy teilweise über ein Jahr lang warten, bis sie die Daten beziehen konnten.
[Update 29.10.2021 – 13:55 Uhr] Titelbild korrigert.
(bsc)