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Was war. Was wird.

Auf der dunklen Seite der Macht wird auch freie Software gemacht -- wohnen etwa zwei Seelen in der Brust der Entwickler? Ach, wenn sich doch alles so klar einteilen ließe wie in den meisten Verschwörungstheorien, seufzt Hal Faber.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Wenn einem Juden in Deutschland der Zug vor der Nase wegfährt, so ist das natürlich Antisemitismus. Deshalb ist Kampf für die pünktliche Bahn konsequenterweise ein Aufstand der Demokraten. Die Empörung ist groß, wenn Antisemitismus anders verstanden wird. Deutschland im Sommer, das ist (ich wiederhole mich) eine endlose Gurkerei von Querulanten und vermeintlich mehr oder weniger Betroffenen, unterstützt von einer florierenden Empörungswirtschaft, gegen die Satire keine Chancen hat.

*** Gründlich ruiniert präsentiert sich das Spaßprojekt 18 und zeigt auf die wahre Bedeutung der Zahl Jach, wahlweise auf Adolf Hitler, die Freimaurer oder einfach darauf, dass sich Sonnen- und Mondfinsternis nach 18 Jahren wiederholen. Wobei, wenn wir schon bei den Jahresringen sind, schon einmal auf den 10. Juni verweisen können, an dem der große Rainer W. Fassbinder, der Autor von "Der Müll, die Stadt und der Tod", seinen 20. Todestag hat.

*** Natürlich naht unweigerlich die Frage, was all das bitteschön mit IT zu tun hat. Noch ist es bei uns nicht so, dass die aus Israel stammende Messenger-Technik oder das Verschlüsselungs-Gemüse von Philip Zimmermann als verjudete Software denunziert werden, noch müssen wir nicht befürchten, dass sämtliche Krypto-Algorithmen als Ausflüsse judäischer Kultur gemieden werden. Doch ich könnte noch einmal auf den Empörungsforscher Kurt Imhof verweisen, der den Verlust der klassischen Öffentlichkeit beklagt und der unmäßig moralisierenden Presse Dot.com-Entzugserscheinungen attestiert. Ich könnte es aber auch sein lassen: Wer interessiert sich schon für den Strukturwandel der Öffentlichkeit, in der neue Werte von hoher Moral gefordert sind?

*** Wo wir schon bei der Moral sind: Als Alexis de Tocqueville vor genau 170 Jahren Nordamerika bereiste, wollte er den Kern dieses seltsamen neuen Gebildes ergründen, das sich USA nannte. Heraus kam "Über die Demokratie in Amerika", eines der wichtigsten Bücher. De Tocqueville beobachtete und beschrieb die nicht endenwollende Bereitschaft der Amerikaner, Öffentlichkeit herzustellen, sich in ehrenamtlichen Gemeinschaftsarbeiten zu engagieren. Straßen, Schulen und Universitäten sind Produkte dieser Communities. Bis heute hat dieses Community-Denken tiefe Spuren in der amerikanischen Realität hinterlassen. Ohne den Community-Gedanken lässt sich die in den USA geprägte, doch in Deutschland gehaltene Rede vom Basar und der kirchlichen Produktion, die die Entwicklung von Linux begleitet, nicht verstehen. Nun hat sich ein Tocqueville-Institut mit einer Studie zu Wort gemeldet, die vor dem staatlichen Einsatz von quelloffener Software warnt. Das Tocqueville-Institut ist leicht mit der Tocqueville Society zu verwechseln, in der Melinda und Bill Gates wichtige Geldgeber sind. Die Verwechslung ist darum schnell geschehen, weil das Institut unter anderem von Microsoft-Geldern finanziert wird. Vielleicht finanziert Microsoft so viele wichtige Sachen, dass schnell die Übersicht verloren geht. Nehmen wir einmal das Sustainable Computing, das Software ohne Defekte schaffen will. Nur Linux-Trolle können glauben, dass Microsoft an Software mit Defekten interessiert sein könnte. So hat halt jeder seine Lieblinge als große Bösewichte in dunklen Verschwörungen -- die einen etwa den guten Steve, die anderen auch schon mal die Medien.

*** In klassischen Verschwörungstheorien sind übrigens immer die Kleinen die Guten. Das mag mit einem Juden zu tun haben: David war der Kleine, der den bösen, aber angeblich übermächtigen Goliath besiegte. In Österreich siegte die Firma Timetron nun gegen den großen japanischen Konzern Sony. Gestritten hatte man sich um "Walkman": Marke oder schon ein so allgemeiner Begriff wie Windows oder Explorer, dass der Begriff nicht länger schützenswert ist? Der Oberste Gerichtshof entschied, dass der Walkman ein solch allgemein verwendeter Begriff ist, sodass seine Benutzung als Gattungsbegriff nicht allein ein Vorrecht für Sony sein kann. Da das österreichische Recht bereits den EU-Richtlinien zum Markenrecht angepasst ist, könnte das Urteil für ganz Europa wichtig sein.

*** Böse hin, gut her: "Ich bin ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft", meinte einst jener Kerl, der denjenigen verführte, den wiederum viele für den Urtypus deutschen Gemüts halten. Machen wir uns aber nichts vor: Auch wenn zwei Seelen in unserer aller Brust wohnen mögen, das Leben ist kurz und gefährlich. Das musste Dee Dee Ramone am eigenen Leib erfahren. Nun oute ich mich hiermit als ehemals heißer Fan der bald nach Deutschland kommenden Dead Kennedys, die Urlaub in Kambodscha und Selbstjustiz gegen Vermieter besangen, während die Ramones die Hitparaden stürmten. Igitt, Plastik-Punk, hieß die Parole -- nun sind die heutigen Revolutiönchen möglicherweise nicht mehr die Sache von Präsident Biafra. Dee Dee und Jello, die zwei Seelen in der Brust von Hal? Ja doch, wir müssen uns alle der tiefen Wahrheit beugen, die Microsoft mit seinem Werbespot so schlicht wie schön mitteilt. Da ist es besser, wenn wir unsere Kinder frühzeitig auf die Komplikationen vorbereiten, bei allen kulturellen Unterschieden, versteht sich.

*** Hab ich da eben etwas Positives über Microsoft und dann auch noch die Xbox oder gar Werbung aus Redmond gesagt? In welcher Verschwörungstheorie darf ich nun den Part des Bösen spielen? Vielleicht wird mir ja die Hauptrolle in einem Werbespot für die Software der dunklen Seite der Macht angetragen. Apropos spielen, apropos Werbespot: Im Fernsehen läuft einer mit der deutschen Fußball-Nationalmannschaft. Es reicht ein Bierchen und schon dreht die gesamte Dreier-Mauer den Kopf weg. Besser kann man nicht zeigen, warum diese Mannschaft nichts auf einer Weltmeisterschaft zu suchen hat. Eigens für die Weltmeisterschaft hat AOL auch einen Spot, in dem passend zum Hamburger AOL-Stadium nicht der unrasierte Bum-Bum, sondern "Uns Uwe" die Fäustchen ballt. Und warum die Faust? Glaubt man den Marktforschern, so wollen 60 Prozent nicht "drin" bleiben sondern raus flüchten.

Was wird.

So schnell startend wie möglich, doch ohne einen genauen Zeitplan möchte Präsident Bush, dem an diesem Wochenende ein außergewöhnliches Maß an emotionaler Intelligenz attestiert wurde, mit dem Aufbau des Staates Palästina beginnen. So schnell wie möglich, doch eher schneller als schnellstens, soll das Semantic Web Wirklichkeit werden. Dafür treffen sichdie Forscher in der kommenden Woche auf Sardinien, genau dort, wo Peter Gabriel zur selbigen Zeit heiratet. Mögen sich die Gruppen mischen! Denn wenn das Semantic Web wirklich voller Helden, Schurken, verwunschenen Prinzessinnen und strahlenden Prinzen steckt, wie es die Software AG behauptete, dann dürfte dort die Party steigen.

Früher gab es auch bei den Fans der digitalen Signatur fetzige Partys. Heute scheinen eher die Fetzen zu fliegen. Aber vielleicht haben alle sich doch lieb, jedenfalls dann, wenn die Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post zum "wichtigsten Ereignis des Jahres" nach Berlin lädt und damit die "Signatur-Tage" meint.

Für alle, die auf anderen Partys der Mitsommernacht entgegen dröhnen wollen, habe ich noch einen kopiergeschützten musikalischen Tipp. Wer sich noch zugedröhnt über die Straßen wagt, sollte mal nach geheimen Zeichen sehen, von denen Deutschland nur so strotzt. Wie heißt es doch so schön: Nur weil du paranoid bist und SIE hinter dir her sind, kommst du noch lange nicht nach Bielefeld. (Hal Faber) / (jk)