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Was war. Was wird.

Der Frühsommer ist ausgebrochen, Deutschland aber merkt man das nicht so richtig an. Hal Faber hegt den Verdacht, dass wir wie die Murmeltiere in einer Zeitschleife hängen.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Die einen futtern Nitrofen, die andern pflegen ihren Möllepen. Deutschland im Frühsommer, das ist dieser Tage eine bleiche Nummer. Bemerkenswert ist dabei der virtuelle Antisemitismus, mit dem experimentiert wird. Die FDP findet mit ihrem Kanzlerkandidaten Westerwelle zu einer Berliner Erklärung, die den Rechtsausleger Möllemann tadelt, aber nicht zur Entschuldigung drängt. Die "Axt an die Wurzel der Gemeinsamkeit der Demokraten" zu legen, ist auch zu unappetitlich. Lieber legt man die Axt beiseite und singt, bis die Wurzel glüht: "Ich weiß jetzt schon, was ich tu." Ja, die CDU weiß, was sie tut, wenn sie für die Vorratsspeicherung der Verbindungsdaten stimmt und das Ende des Datenschutzes in Deutschland einläutet. Wobei die SPD nicht viel besser ist, stammt der Steilpass zur Modernisierung des Überwachungsstaates doch von ihr. Wobei diesmal die Politiker an Dummheit noch von den Providern übertroffen werden. "Wer einen Überwachungsstaat will, soll ihn auch selbst bezahlen", meldete sich der Providerverband eco zu Worte. Alles eine Frage der Preises? Wer keinen Überwachungsstaat will, hat eh keine Kohle?

*** Wie die Kosten des Überwachungsstaates kann auch der Preis des Antisemitismus materialistisch bestimmt werden. Schwieriger ist das beim virtuellen Antisemitismus mit Sätzen, die Möllemann nicht gesagt haben will und Büchern, die nicht in der FAZ vorabgedruckt werden, aber antisemitisch sein sollen und aus dem Suhrkamp Verlag stammen werden, zu dem der Jüdische Verlag gehört. Zum virtuellen Tod des Kritikers kommt so der Tod des Autors, nur leider nicht in der einzig richtigen Form im Web. Als Autor scheint Martin Walser den Griffel abgegeben zu haben und zur kleinen deutschen Kolportage gewechselt zu sein. Ab 5:45 Uhr wird zurück geschossen.

*** Der Supercomputerbauer Daniel Hillis (ehemals Thinking Machines) ist einer der treibenden Köpfe, die sich im Projekt The Long Now mit der fernen Zukunft befassen. In dieser Woche gehört er zu den übergangenen Faktoiden, ist er doch erster Preisträger des Dan-David-Preises geworden. Dieser Preis wird in Israel bereits als Gegenstück zum unbequemen Nobelpreis gehandelt, der einen gewissen Arafat ziert, was unziemlich sein soll. Beim Dan-David-Preis, der in den drei Kategorien Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verliehen wird, wurde Hillis ausgerechnet in der Sparte Gegenwart geehrt: Verglichen mit den Millionen von Jahren, die von der Biogenetik erfasst werden, ist die Uhr ein Kurzzeitprojekt. Der rumänische Jude Dan David, das sei nachgeschoben, überlebte den Holocaust als Kind und wurde mit einer Erfindung für die Fotografie reich. Aus den Patenten und Gewinnen seiner Erfindung stiftete er einen 100 Millionen US-Dollar schweren Fonds für seinen Preis. Doch wie sagte schon Schiller oder Gernhardt? "Am Preis erkennt ihr Freund und Feind."

*** Mit der Zeit ist es nicht nur für Hillis eine trickreiche Sache. Sie vergeht unterschiedlich schnell, besonders bei Filmen, die heiß gehandelt sind. In den Medien haben Zeitmaschinen komische Effekte. Nehmen wir nur Gary Coleman, der älteren Jahrgängen noch aus einer scheußlichen Serie bekannt sein sollte, in der ein New Yorker Paar afro-amerikanische Kinder adoptiert. Als begnadeter Leserbriefonkel macht Coleman nun die Werbung für die zweite Version eines üblen Ballerspiels, dessen Warnung jeder Politiker lesen sollte, der Jugendschutz betreibt.

*** Manchmal ist der Verdacht einfach da, dass wir wie Murmeltiere in einer einzigen großen Zeitschleife hängen. Nehme ich die Nachrichten rund um das Vereinigte Globalisierte Linux und vergleiche sie mit dem Stuss, der zu Unix International geschrieben wurde. So hat sich nicht viel verändert. Naja, sieht man einmal von den Patenten ab, die Richard Stallmann vehement bekämpft. Mit Camus müssen wir uns Stallmann als den glücklichen Menschen vorstellen. Das ist das eigentlich Traurige: Patente sind heute bei jeder neuen Erfindung gleich dabei, selbst wenn es sich nur um ein einfaches Preisausschreiben handelt.

Was wird.

Apropos Antisemitismus: Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut, in allen Lüften hallt es wie Geschrei -- was den Bürger wohl erschreckte, war dem jüdischen Dichter Jakob van Hoddis Anlass zur Beschwörung des Weltendes. Aber anscheinend bekamen die braven Bürger mehr als einen Schnupfen angesichts eines Gedichts, dass doch nur astronomische Weltuntergangsphantasien illustrierte, sich aber im Nachhinein auch als Prophezeiung eines ganz anderen Weltenbrandes lesen ließ. Den Nazis jedenfalls war das ganze Gesocks sowieso zuwider: Wie so viele endete Jakob van Hoddis im KZ. Er wurde im April 1942 aus der "Israelitischen Heil- und Pflegeanstalt für Nerven und Gemütskranke" in Bendorf-Sayn nach Sobibor verschleppt und zwischen Mai und dem 6. Juni 1942 ermordet. Da konnten die braven Bürger ruhig schlafen -- unbelästigt von einer "jener Gestalten, die, unverständliches Zeug murmelnd, durch die Städte streifen".

Bleiben wir also lieber bei der Astronomie? Auch eine heikle Sache: In einem Schwarzen Loch ist die Materie so kompakt, dass kein Licht nach außen dringt. Als "hochkompaktes strategisch verdichtetes Multimessenkonzept" preist sich die Internetworld an, die die Ausstellungen Streaming Media Germany, Mobile World, Call Center Trends und den ISPcon/ASPcon Germany geschluckt hat -- und zügig weiter schrumpfen will. Drei Tage gibt es in Berlin "praxisnahen Nutzwert für nachhaltigen E-Commerce", eine Keynote von Playboy Online und, latürnich Preise wie den "Internet World Award 2002", die "Internet Golf Trophy" oder den "Deutsche Internet Preis". Man sieht, die Bobos feiern, wo sie fallen. Naja, manchmal können die Witze über die Bobos und ihre Hightech-Pleiten aber dann doch ein wenig auf die Nerven gehen, so platt fallen sie und nicht die Bobos aus -- viel platter als die Firmen, von denen sie handeln. Zumal sich offensichtlich auch in ernsthafte Firmen Bobos einschleichen und sie zu Grunde richten können. Aber Trost ist in Sicht: Die Bobos feiern fröhliche Urständ, und das mit den ganz alten Tricks. Man muss auch heute noch beileibe nicht ganze Glasfasernetze in Grund und Boden rammen, um sich als Bobo zu qualifizieren. Der letzte verbliebene Ober-Bobo hat aber wohl auch keine große Zukunft mehr.

Wem Berlin keine Reise wert ist, kann nächste Woche ans andere Ende der Republik reisen und in Karlsruhe den Linuxtag begehen, die bislang einzige Veranstaltung, bei der die Eintrittskarten unter der GPL stehen, leider ohne Preise für die schönsten Exemplare. Mit Golf ist auch nichts los, obwohl ein teurer Business-Kongress zum Linuxtag die Herren der Caddys lockt. Warum übrigens früher keiner der klassischen Bobos auf das schöne Motto "where dot com meets dot org" gekommen ist, wird mir ewig ein Rätsel bleiben. So dürfen sich die Bobos mit Pinguin-Krawatte und Tux-Anstecker als Innovatoren fühlen -- da habt ihr euer Schild.

Computer und Fußball, besonders Linux und Fußball schließen sich bekanntlich aus. Zumindest sind Pinguine nicht eben gebaut für den Tanz mit dem Ball. Und Fußballer sind, das betonen sie immer wieder, keine Maschinen. Sie sind aber, in den völkisch unverdächtigen Worten von Norbert Blüm, "Fleisch von unserem Fleisch". Schließlich sollte auch daran erinnert werden, dass der FC Bayern München mit seinem Präsidenten Kurt Landauer als jüdischer Fußballverein begann. Mit allen Spezialisten, die dieser Tage ihre System-Schubladen mit Bier und Knabberzeugs gefüllt haben und den ostdeutschen Fußball der Ballacks, Schneider und Linke feiern wollen, trällern wir "Pauline, lass das Reiben sein". Vor 95 Jahren kam ein Perborat-Silikat unter dem Namen Persil auf den Markt. Für das Waschmittel warben weiß gekleidete Herren und eine deutsche Fußball-Nationalmannschaft mit weißen Hemden. Und einer der einer der erfolgreichsten deutschen Kinofilme der dreißiger Jahre (über 30 Millionen Zuschauer) wurde einstmals nur WWW genannt. Abendfüllend und ausgeschrieben war dies der spannende Film "Wäsche Waschen Wohlergehen". So ist das mit den Ws. (Hal Faber) / (jk)