Nach Sommers Abgang geht die politische Spiegelfechterei weiter

Gut zwei Monate vor der Bundestagswahl setzte heute die politische Abrechnung über das wochenlange Geschiebe um die Ablösung des Telekom-Chefs ein.

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Von
  • Wolfgang Bunse
  • dpa

"Nachzuarbeiten bleibt die Heuchelei", erklärte SPD-Generalsekretär Franz Müntefering einen Tag nach dem turbulenten Führungswechsel bei der Telekom und dem spektakulären Rücktritt des umstrittenen Firmenchefs Ron Sommer. Während Müntefering diesen Vorwurf allerdings an die Adresse von CDU und CSU richtete, sehen Unions-Kanzlerkandidat Edmund Stoiber und andere Oppositionelle die Schuld eher bei Bundeskanzler Gerhard Schröder und Co.

Gut zwei Monate vor dem immer ungewisser werdenden Ausgang der Bundestagswahl setzte heute prompt die politische Abrechnung über das wochenlange Geschiebe um die hinter den Kulissen betriebene Ablösung Sommers ein. Für ein Patt sorgte dabei Industrie-Präsident Michael Rogowski, indem er zugleich Schröder und Stoiber an den Pranger stellte. "Es war ein schlimmes Verfahren", bilanzierte er. Er fürchte allerdings, es werde "keine Ruhe einkehren, bis eine endgültige Lösung gefunden ist", sagte er mit Blick auf Übergangschef Helmut Sihler, den er sehr schätze. Dessen halbjährige Amtszeit soll aber gerade über den Wahltermin hinweghelfen, wie Arbeitgeber-Präsident und Aufsichtsratsmitglied Dieter Hundt erläuterte.

Doch weder Schröder noch Stoiber wollen sich kurz vor der Wahl vor den 2,8 Millionen durch die Tiefstkurse der T-Aktie gebeutelten und erzürnten Aktionären nicht auch noch die Schuld aufladen lassen. Der Kanzler sei an der -- von Experten als wenig professionell und glücklos eingestuften -- Suche nach einem charismatischen Sommer-Nachfolger nicht beteiligt gewesen, sagte Regierungssprecher Uwe Karsten Heye. Ähnlich wie er gab auch Eichels Sprecher Jörg Müller die offizielle Verlautbarung wieder, wonach sich die Regierung korrekt verhalten und sich außerhalb des Aufsichtsrates nicht in die Personalfindung eingemischt habe. Eichel selbst hatte sich nach seiner Rückkehr aus dem Frankreich-Urlaub entsprechenden Fragen für eine bloße TV-wirksame Erklärung am späten Dienstagabend nicht stellen wollen.

Offenbar setzen die Wahlkampfmanager in der anhaltenden Auseinandersetzung auf ein kurzes Gedächtnis der Beobachter. Die fragen unverdrossen: Hatte Stoiber nicht die bereits schwelende öffentliche Debatte um Sommer angeheizt? Und hatte sich die Bundesregierung tatsächlich aus allem herausgehalten? Mitte Mai erklärte der Kanzler im Magazin Stern, man müsse den Mut haben, "den Ärger der Kleinaktionäre auszuhalten und ihnen sagen: Liebe Leute, es besteht kein Anlass, den Mann auszuwechseln, er hat gut gearbeitet". Noch am 18. Juni ließ sich auch Eichel nach einem Treffen mit den Vorständen von Bundesunternehmen zu der Erklärung hinreißen: "Die Position von Herrn Sommer steht in keiner Weise zur Disposition."

Nun aber wird der Wechsel von der Regierung als Aufbruch zu neuen Ufern für die Telekom gefeiert, die mit harten Schnitten den Schuldenabbau von 65 Milliarden auf etwa 50 Milliarden anpacken will. Immerhin räumt Telekom-Aufsichtsrat Hans-Dietrich Winkhaus einen "gewissen Vertrauensverlust" zu Sommer ein. Hatte der sich etwa den harten Sparmaßnahmen in den Weg gestellt? Beobachter verweisen zudem darauf, Stoiber habe Öl ins Feuer gegossen, da er im direkten Duell im Springer-Haus Schröder zum Handeln aufgefordert habe.

"Diesen Schuh ziehe ich mir nicht an", sagte Stoiber jetzt am Rande der CSU-Klausur im oberfränkischen Kloster Banz. Er habe Schröder nur auf die soziale Schieflage zwischen der Erhöhung der Vorstandsgehälter und dem Wegbrechen des Aktienkurses aufmerksam gemacht. Schröder habe darauf "dilettantisch" reagiert. Doch Müntefering sieht das völlig anders: "Ohne Rücksicht auf das Unternehmen und die Sache haben führende Repräsentanten von CDU/CSU wie taktische Winkeladvokaten diese Sache als Wahlkampf-Munition zu nutzen versucht." Wie schrieb die Magdeburger Volksstimme jetzt: "Der Wahlkampf in Deutschland hat den ersten Scherbenhaufen hinterlassen." (Wolfgang Bunse, dpa) / (anw)