Mahnwesen als Killer-Applikation für E-Signaturen
Auf den Signaturtagen beweinte die Branche den Ausfall der digitalen Ausweisdienste der Deutschen Post und zählte an einer Hand funktionierende Anwendungen ab.
Den Optimismus, den Regierungsvertreter zum Beginn der Signaturtage in Berlin vorlegten, konnten viele Pioniere im Markt rund um digitale Zertifizierungsdienste, der nicht so richtig in die Gänge kommen will, nicht teilen. Vor allem Anbieter, die auf dem Trustcenter des von der Deutschen Post nicht mehr betriebenen Geschäftssektors SignTrust aufbauten, kritisierten scharf den Marktabgang des Gelben Riesen. "Ein Teil unserer Zertifizierungsinfrastruktur fällt weg", klagte Olaf Franke, leidgeprüfter Vorstand der Medizon AG, die bei der Digitalisierung des Gesundheitswesen eine führende Rolle einzunehmen sucht. Er bedauerte, dass die Aktienkultur es nur noch erlaube, kurzfristige Blicke auf den Markt zu werfen. Morgen werde die Post wohl auch den Briefversand nicht mehr als rentables Geschäft betrachten.
Wie ein Hamster im Laufrad fühlt sich Alexander Benesch, Signaturexperte der Bundesnotarkammer. Seine Einrichtung, die als führend im Bereich zertifizierter Anwendungen rund um die elektronische Unterschrift gilt, muss sich ebenfalls nach einem neuen Lieferanten umsehen. Sein Frust bezieht sich auch aus der staatlichen Weigerung, die von der Kammer ausgegeben Signaturkarten als Berufsausweis im Cyberspace zu berücksichtigen: Die Notare würden daher mit dem Gedanken spielen, sich ganz zurückziehen. Die Werbetrommel bei den Mitgliedern gilt es andernfalls noch zu rühren: Bisher nutzen weniger als ein Prozent der angeschlossenen Notare die elektronische Schlüsseltechnik. Nur 100 Karten sind an den Mann beziehungsweise die Frau gebracht worden. Schlecht sieht es auch bei der Steuerberaterkammer Nürnberg aus, die bei über 3000 Mitgliedern erst 28 Karten im Einsatz hat.
Eine echte Killer-Applikation konnte dagegen Busso Grabow, wissenschaftlicher Begleiter des Wettbewerbs Media@Komm aus dem Hut zaubern: Während in den Preisträgerstädten Esslingen und Nürnberg momentan so gut wie keine Anwendungen online sind, hat sich in Bremen das Mahnen übers Netz mit Hilfe der Signaturkarte als Renner erwiesen. Allein in den ersten vier Monaten nach Start des Angebots sind rund 6000 Mahnanträge ausgefüllt und an die zuständigen Gerichtsorte versendet worden. Paul Mertes, Vorstand der Firma Phinware, die die entsprechende Anwendung Opti-Mahn zusammen mit Bremen Online entwickelt hat, spricht von einem Potenzial von 2,3 Millionen Anträgen, die in Deutschland noch per Hand ausgefüllt würden.
Der Club der akkreditierten Trustcenter-Betreiber skandierte Durchhalte-Parolen. Mit einem "klaren Nein" distanzierte sich Bernd Kowalski, Chef des Telekom-Ablegers Telesec, von allen Gerüchten, dass auch seine Firma sich verabschieden würde. "Wir meinen, dass sich der Markt bewegt", befand auch Andreas Ziska, Beratungschef von D-Trust. Die Ansichten über Geschäftsmodelle laufen allerdings auseinander: Während Ziska ankündigte, dass sich sein Haus von der teuren Kooperation mit dem US-Anbieter VeriSign und damit vom Vertrieb softwarebasierter, nicht qualifizierter Signaturen löse, setzt das Hamburger TC Trustcenter der deutschen Großbanken gerade auf diese so genannten "fortgeschrittene" Zertifikate. "Unsere Kunden brauchen im Moment keine qualifizierten Signaturen", erklärte Geschäftsführerin Sabine Kockskämper. Die seien frühestens in zwei Jahren gefragt, wenn sich Einsatzszenarien für die "breite Masse" durchsetzen würden.
Vater Staat musste sich Vorwürfe von Marcus Belke, Noch-Chef von SignTrust, gefallen lassen, der seinen Vortrag auf schwarzem Hintergrund präsentierte. Die Regierung müsse sich auf eine Signatur-Technologie festlegen, und nicht mit Hochsicherheitslösungen auf der einen und Infrastrukturen auf Basis von Verschlüsselungsprogrammen wie PGP auf der anderen Seite experimentieren. Es könne nicht angehen, dass an einem Tag eine Vorlage für die elektronische Auftragsvergabe mit Ziel des Einsatzes der akkreditierten Signatur verabschiedet werde und am nächsten das Finanzministerium billigere Lösungen zu diesem Zweck in Betracht zöge. (Stefan Krempl) / (jk)