Was war. Was wird.
Wird alles gut, wenn alles besser wird? FrĂĽher jedenfalls soll schon einmal alles besser gewesen sein, lange, nachdem das Internet entstand. Zu feiern aber gibt es auch heutzutage noch manchmal etwas, was Hoffnung macht, meint Hal Faber.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Man muss es wohl mit dem plattdeutschen Wort des Jahres beginnen, gefunden unweit der Nitrofen-Zentraldeponie Malchin: Es ist ein Skandal, wie bei uns in Deutschland Laptop-Besitzer begriesmult werden, wenn sie Bahn fahren. "Wer die Bahnfahrt für Arbeit am Laptop nutzen möchte, wird sich an den Geruch von Erbsensuppe und Sandwichkrümel auf der eigenen Hose gewöhnen müssen." Ein starckdeutscher Satz fürwahr, ausgesprochen vom Vorsitzenden der Pro-Bahn zu den Plänen der Bahn, die Speisewagen abzuschaffen. Ein interessanter Zusammenhang: Schwinden die Speisewagen, kommt die Erbsenpampe im Henkelmann, am Ende kleckert es gar gefährlich auf den Laptop. Ja, so macht man die sattelharte Neue Ökonomie mit dünner Suppe kaputt. Wobei man auch in der Krise noch das Positive sehen muss: 1,8 Prozent Wachstum ist zwar mieser als 4,2 Prozent, dafür aber bahntauglicher. Dafür fordert der Bitkom die Abschaffung der Höchstarbeitszeit mit dem Argument, dass Knowledge Worker am PC nunmal keine Fabrikarbeiter sind und viel, viel länger ihr Können können. Merken wir uns: Jede Suppe hat den Löffel, den sie verdient.
*** Der Geruch von Erbsensuppe steigt auch Besitzern der Volksaktie in die Nase, die den Rausch der Tiefe auskostet. Wie war das noch einmal mit der Aktienkultur als neue Utopie einer Lerngesellschaft, in der sich der Aktien kaufende Bürger an der Globalisierung der Welt beteiligt und damit zu fortschreitender Bildung gezwungen ist? Wo der Aktienbesitz frei nach Markt zur Bildung (von Kaufurteilen) führt und damit zwangsläufig zum vernünftigen Menschen? Alles Philosophenkacke heute, wa?
*** Jeder hat nun aber so seine eigene Suppe auszulöffeln. Im Vergleich zur Deutschen Telekom haben die Österreicher mit ihrer Telekom Austria doch ganz eigene Probleme. Die dynamische junge Firma hat sich ein neues Logo verpassen lassen, ausgerechnet von einer Berliner Firma. Und siehe da, es ist furchtbar geworden, ein an Paraguay erinnernder Waschmittelkarton mit der sinnigen Beschriftung Tele Kom Aus Tria. Aus Tria, so sieht die gestreifte Rache der Piefkes aus. Und wenn auf der anderen Seite des Tunnels die Firma Consignia sich mal eben zur Royal Mail umtauft, wird hoffentlich das nächste Logo fällig werden. Her mit den kleinen Pesthörnchen!
*** Wenn wir schon bei den nostalgischen Logos sind, dann aber richtig. Ja, das Fidonet feiert heute seinen 18. Geburtstag, wenn man den Chronisten Glauben schenkt. Natürlich ist es heute schick, das Fidonet zu belächeln und das Internet zu loben, das sooo viel älter ist. Aber bitte, wenn bei den Bobos die zweibeinigen Hohlformen der Dot.com-Ökonomie bereits als Internet-Urgestein gelten, die Mitte der 90er das Web begafften, dann sind die Hundefreunde garantiert ursteiniger. Nun ist 18 natürlich kein rundes Datum, ist krumm und schief wie die 98 Jährchen des heutigen Bloomsday, doch wenn die Szene die nächsten 18 Jahre proklamiert, dann ist das gewissermaßen Halbzeit, die gefeiert werden kann. Schließlich sollte nicht vergessen werden, dass die Idee (nicht die Technik) hinter Fido weiter lebt, etwa in Ratingen, wo dieser Tage das DIRC-Testnetz der Stadt Ratingen in Betrieb genommen wurde.
*** Apropos Irland: Die Iren werden natürlich Fußball-Weltmeister, weil sie mit einer Software und einer Schwimmhilfe den Weg zum Tor finden. Die vom Computer favorisierten Argentinier fanden nichts und sind draußen. Was natürlich eine Bestätigung der Fußballerweisheit ist, nach der Computer nicht aus der Tiefe des Raumes kommen. Außerdem haben die Iren spätestens seit Molly Bloom einen guten Draht zu Gott. Die Deutschen haben dagegen nur ihre berüchtigte Tugend ... Und eine eigene WM im Jahre 2006, zu der es neue Überwachungstechnik braucht, die in dieser Woche wieder einmal entscheidungsfaul verschoben wurde.
*** In Frankfurt wurde in dieser Woche eine sehenswerte Ausstellung zu Computerviren verlängert. Später soll sie auf der Transmediale noch einmal gezeigt werden. Das gesamte Projekt Digitalcraft ist aber in akuter Gefahr, von streichwütigen Kulturpolitikern nach /dev/null geschickt zu werden. Das wäre schade, wie die neuesten Nachrichten zu viralen Infekten zeigen, die oftmals in großer Unkenntnis der Technik verbreitet werden. Es gibt Besucher, die den schrägen Ansatz, Obfuscated Code als Kunst zu interpretieren, belächeln. Welche Rolle dabei der Obfuscated Code in der aktuellen Politik von Microsoft spielt, ist noch gar nicht auszumachen. Am Ende sieht schön aus, was schlimm wirkt, ohne ein Virus zu sein. Tricky.
*** In Amerika sind Bestrebungen der Musikbranche bekannt geworden, Abgaben für gebrauchte CDs eintreiben zu wollen. Besser kann man nicht illustrieren, wohin der Verzicht auf die Privatkopie führen kann. Was für den Kunden der schnelle Weg in die digitale Sklaverei ist, kann umgekehrt als neuer Feudalismus interpretiert werden. Ob dagegen allein ein fröhlich Liedlein hilft, muss leider bezweifelt werden. Nun geben die amerikanischen Künstler nach dem Schock des 11. September wieder kritische Lebenszeichen von sich, jedenfalls dann, wenn sie nicht den großen Verschwörungen nachhängen. So bleibt Hoffnung. Doch sicher ist es ein schlechtes Zeichen, wenn so historische Daten wie das vom 16. Juni 1967 unbeachtet bleiben. Heute vor 35 Jahren startete das dreitägige OpenAir-Festival in Monterey, die Urform aller Rockfestivals, bei dem sich Jimi Hendrix in die Herzen aller Musiker brannte. Mit Monterey begann die lange und ehrwürdige Tradition des Bootlegging unter freiem Himmel, aus der die damals auftretenden Grateful Dead sogar einen Kult fabrizierten. Gleichzeitig wurden alle Künstler des OpenAir von großen Plattenlabels unter Vertrag genommen: Die Medaille hat immer zwei Seiten.
Was wird.
"Wie wärs mit einem Spiel?" Am Dienstag läuft im Fernsehen der Film War Games, in dem ein kleines Spielchen namens "weltweiter thermonuklearer Krieg" ausgetragen wird, als "packender Thriller vom Kampf gegen Hacker und Computerviren" beschrieben. Heimlicher Star des Filmes ist jedoch die "obsolete Technik", der IMSAI-Computer, der nunmehr in einer Neuauflage wieder verkauft werden soll.
Wenn im Juli der erste israelische Astronaut Ilan Ramon ins All startet, wird er die Zeichnung einer Mondlandschaft mit sich nehmen, die von Peter Ginz im Jahre 1942 geschaffen wurde. Im KZ Theresienstadt hat der damals 14-jährige Jude einen Zyklus gefertigt, wie der Mensch das All erobern wird. Ermordet wurde Peter Ginz zwei Jahre später, in Auschwitz. Herrscht eigentlich Friedmölle auf Erden? Rein gar nichts mehr über den Tod des Kritikers namens Ehrl-König? Nein. Die Zwirbeleien zwischen Talkmastern und Politikern gehen in die Strafecke. Vielleicht sind sie bald vergessen. Sie haben es verdient. Peter Ginz nicht.
Erinnert sich noch jemand an den 17. Juni 1972? Das Arrangement nimmt eine kleine sommerliche Auszeit, bis es richtig los geht. Zum Beispiel so: Am 8. September gibt es ein Kandidatenduell zwischen Oj und Ö im Fernsehen, bei dem Sabine Christiansen moderiert. Danach gibt es natürlich "Sabine Christiansen", eine Talk-Show, zu der Sabine Christiansen als Gast eingeladen ist, ihre Nöte als Moderatorin zwischen Oj und Ö zu erzählen. Das sollte eigentlich von Sabine Christiansen moderiert werden. Wird es aber nicht. Was das mit Computern zu tun hat? Ein gewisser Robert könnte skriptgesteuert moderieren. Oder wie wäre es, wenn Thomas Roth durch Peter Thomas Roth ersetzt wird?
Was wird noch? Alles wird besser, aber nichts wird gut? Nein, alles wird gut, denn hier kommt das Positive: Vielleicht berechtigt eine Preisverleihung zu Hoffnung. Ein GlĂĽckwunsch geht an die Kollegen von Telepolis -- sowohl die etwas gestutzte Redaktion als auch die gebeutelten freien Autoren--, die gestern den Grimme Online Award entgegen nehmen durften. (Hal Faber) / (jk)