Was war. Was wird. Gefroren für den Frieden geschrieben.
Es gibt seltsame Zeitgenossen, Hal Faber sieht erschreckt ihre hässlichen Fratzen in diesen Zeiten. Frost allenthalben: die Dialektik eines seltsamen Frühlings.
"Oft lese ich ganze Seiten und weiß gar nicht, was ich gelesen habe. Ich fange dann noch einmal von vorn an und entdecke, daß das schön ist, was ich gelesen habe. Es handelt von Menschen, die unglücklich sind." Thomas Bernhard könnte auch die rein instrumentelle Vernunft der Aufklärung gemeint haben, als er "Frost" schrieb und die Adorno/Horkheimer schon in der "Dialektik der Aufklärung" in einer genauen Analyse kritisierten. Oder, um bei Bernhard zu bleiben: "Wie das Gedächtnis von zügelloser Freude auf Trübsinn umschaltet, wie aus Vormittag Mittag und aus Mittag Nachmittag und aus Nachmittag Abend wird, aus Licht Finsternis, erläutert er mir. Wie Heimkehr wird, was Ausbrechen gewesen ist. Wie durch Vernachlässigung und aus Unfähigkeit Qual entsteht, Bitternis, ja Verzweiflung."
(Bild: K.-U. Haessler / Shutterstock.com)
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Nun also Frieren für den Frieden: Diese kleine Wochenschau ist heizungsfrei.
Ich bibbere für den Frieden, doch auch aus anderen Gründen. Die ständig zunehmenden Behauptungen in russischen Medien, dass die USA in der Ukraine angeblich ein Labor für Biowaffen unterhalten, die Berichte in serbischen Zeitungen, dass Fledermäuse zum Angriff mit Pathogenen nach Russland geschickt werden, zeigt die neue Eskalationsstufe. So machen die ersten Analysen die Runde, dass Putin bereits den Krieg mit der NATO in seine Strategie eingepreist hat. Da wünscht man sich sehr, dass diese Analysen nicht stimmen, doch wünschen hilft bekanntlich nichts. Also muss man den Sinn dieser Desinformationen verstehen, will man nicht wie einst Henry Kissinger zu einer Mad-Man-Theorie greifen oder in Putin einen Wiedergänger der Zaren oder Stalin sehen. Das ist gar nicht so einfach: "Nichts von dem, was der Kreml über die russischen Kriegsziele gesagt hat, macht wirklich Sinn. Es ist Unsinn. Doch der Krieg in der Ukraine ist nur allzu real. Aber der russische Krieg wird auch in der Unwirklichkeit und für die Unwirklichkeit geführt, um seinen Einfluss auf unsere Köpfe so weit wie möglich auszudehnen. Wenn sich die Unwirklichkeit ausbreitet, wird die Wirklichkeit mörderischer."
*** Doch wie kann eine angemessene Reaktion aussehen, die mehr ist als eine Debatte über Flugverbotszonen. "Wir bekommen die kolossale Trägheit des menschlichen Geistes nicht in den Griff. Allzu oft sehen wir, dass insbesondere europäische Politiker immer zu spät kommen. Die erst unter Druck erfolgten deutschen Rüstungslieferungen, die Verweigerung jeglicher Hilfe für die Ukraine über lange Zeit, auch in Frankreich. Nur in den Ländern, in denen man sehr gut weiß, wozu das alles führt, sind alle aktiv: in Litauen, Lettland, Estland und Polen." Das schreibt der Regisseur von "Donbas", der Ukrainer Sergei Loznitsa in der tageszeitung. Für seinen halbdokumentarischen Film, basierend auf Amateuraufnahmen der Donbas-Besetzung von 2014, hatte Losnitza viel Lob im Feuilleton bekommen, so wegen "einer Inszenierung eines großen Kriegstheaters".
*** Wie war das noch damals mit der NATO-Osterweiterung? Warum gibt es keinen Vertrag, auf den sich alle stützen können? In einem Erklärungsversuch schreibt der Journalist Andreas Zumach: [i]"Es war allerdings ein großer handwerklicher Fehler, dass sich Gorbatschow und Schewardnadse die im Februar 1990 gemachten Zusagen nicht schriftlich geben ließen. Ich kann mir das nur so erklären, dass insbesondere Gorbatschow in dieser historischen Stunde des Zusammenbruchs der 45 Jahre alten Blockkonfrontation und der damit verbundenen Erleichterung so überzeugt war von seiner positiven Alternative 'Gemeinsames Haus Europa' im Rahmen der KSZE, daß er annahm, die westlichen Akteure würden genauso denken/fühlen. Das kann man als naiv kritisieren. (Ich bekenne mich auch zu dieser Naivität. Bis zur Pariser KSZE-Konferenz im November 1990 hatte ich auch den Eindruck, dass die westlichen Regierungen tatsächlich zu dieser Option 'Gemeinsames Haus Europa' bereit waren). Und Gorbatschows Versäumnis, sich Zusagen schriftlich geben zu lassen, ist überhaupt kein Argument dagegen, daß diese Option die bessere gewesen wäre – und nach wie vor ist." Ob man in der aktuellen Situation mit einem Vertragswerk weiter kommen könnte, Putins Krieg zu beenden, ist nicht ausgemacht. Putin müsste da zur Erkenntnis gelangen, dass sein Phyrrhus-Krieg mit den Zielen eines großrussischen Reiches gescheitert ist. Und Putin müsste überhaupt Interesse haben, sich an irgendwelche Vertragswerke zu halten, die diesem neuen und doch so altem Weltbeherrschungsirrsinn entgegenstehen könnten.
*** Diese kleine heizungsfreie Wochenschau (bibber, bibber, aber in komfortabel, ohne Schnee schmelzen zu müssen) wird an einem Tag geschrieben, der zumindest ein heißes Thema hat. Der 12. März ist der "Welttag gegen die Internetzensur", der als Gedenktag vor 21 Jahren von "Reporter ohne Grenzen" ins Leben gerufen wurde. Mit einer neuen Kampagne will der Verein helfen, die Internet-Zensur in Ländern wie Russland, Türkei und Brasilien zu umgehen. Es sind kurzzeitige Umgehungen, wie bei einem Katz-und-Maus-Spiel, die ein anderes Spiel nutzen: "'The Truth Wins' verwandelt für alle zugängliche nationale Losnummern in einen Zugangscode für unabhängigen Journalismus. Die Zahlen der nationalen Lotterien ändern sich regelmäßig, sind unvorhersehbar und können nicht im Voraus zensiert werden. Noch dazu tauchen sie mit Sicherheit in den Nachrichten auf und werden genau von den Staaten betrieben, die unsere Kampagne im Visier hat. Als Kanal nutzen wir Twitter, um geblockte oder zensierte Inhalte, etwa aus Russland und der Türkei, wieder auffindbar zu machen. Wir betten die neuesten Lottozahlen aus diesen Ländern in die Twitter-Konten und Kampagneninhalte ein und aktualisieren sie regelmäßig, sodass wir der Zensur immer einen Schritt voraus sind." Da kann man nur einen langen Atem wünschen und einen zweckdienlichen Twitter-Tipp verlinken. Und darauf hinweisen, dass der Versuch einer Einschätzung von technischen Blockaden im Netz nicht gleich eine Aufforderung zu deren Einsatz ist, im Gegenteil.
*** Den Welttag gegen die Internet-Zensur hat sich die Weltfirma Google ausgesucht, um eine Beilage in den überregionalen deutschen Tageszeitungen auszuliefern, die das Thema "Privatsphäre" aus der Sicht der Googler:innen (offizielle Bezeichnung) behandelt. Unter dem Titel "Made in München" findet sich auch ein Text, aus dem sich wichtige Erkenntnisse ableiten: "Da Kinder klare und deutliche Antworten brauchen, haben wir Datenschutzinformationen in Form eines Frage&Antwort-Formats entwickelt und sie für drei verschiedene Altersklassen aufbereitet. Das Maskottchen ist ein kleiner Pandabär." Für Erwachsene hat die Google-Beilage leider keine Pandabären parat, dafür aber erstaunliche Erkenntnisse: So soll der Große Brand von London im Jahre 1666 das Entstehen der Privatsphäre ermöglicht haben, weil der Feuerschutz dazu führte, das mit Freiräumen zwischen den Gebäuden geplant wurde. So steht es in dem Artikel "Vom Kollektiv zum Individualismus". Am Anfang der Privatsphäre stand also der Firewall, nicht der Urtext von Samuel Warren und Louis Brandeis, The Right to Privacy von 1890. Dass hinter der schlichten einfältigen Begründung der Googler:innen eine ganze Philosophie steht, wissen schlaue Leser dieser Wochenschau seit Jahren: Sie nennt sich Tech-Solutionism.
*** Einen kleinen angedachten Pandabären hätte ich noch. Er geht an Exa Dark Sideræl, genannt "Y" von Grimes und Elon Musk, die sich nicht mehr als Ehepaar, sondern als beste Freunde bezeichnen. Ob sie nach "X" und "Y" das nächste Leihmutter-Kind "Z" nennen werden, ist nicht ausgemacht. Dieser Buchstabe ist durch die Ereignisse in der Ukraine etwas in Verruf gekommen, kann aber durchaus ein Symbol werden, etwa als Stundenglas. In anderen Nachrichten wird übrigens behauptet, dass Grimes inzwischen mit der aufrechten Whistleblowerin Chelsea Manning gesichtet wurde. Diese armen Promis haben halt keine Privatsphäre.
*** Ist mir gerade kalt geworden beim Schreiben? Nö. Schließlich gibt es heiße Texte, an denen man sich erwärmen kann. Vor 100 Jahren wurde Jack Kerouac geboren, der solche Texte schrieb: "They danced down the streets like dingledodies, and I shambled after as I've been doing all my life after people who interest me, because the only people for me are the mad ones, the ones who are mad to live, mad to talk, mad to be saved, desirous of everything at the same time, the ones who never yawn or say a commonplace thing, but burn, burn, burn like fabulous yellow roman candles exploding like spiders across the stars and in the middle you see the blue centerlight pop and everybody goes 'Awww!' Das Zitat entstammt seinem Roman "On the Road". Die "Berechtigte Übertragung aus dem Amerikanischen" ist so schlecht, dass nicht einmal der Name des Übersetzers oder der Übersetzerin genannt wird. Aber die betuliche Einführung zum Text des desillusionierten Kriegs-Heimkehrers Kerouac passt ins Hier und Heute, in dem ein ehemaliger Geistlicher, fürstlich bezahlt mit seiner Präsidentenrente, das "Frieren für den Frieden" propagiert: "Mit diesem Buch stellt sich der Romancier einer Generation vor, die inmitten der 'schlechtesten aller Welten' ein dröhnendes Bekenntnis zum 'glücklichen Leben' (beat-itude) ablegt, dass den ehrbaren Bürger erschrecken lässt."
Was wird.
Die Corona-Pandemie ist nicht vorbei, die Zahlen bei den Ansteckungen und den Toten sind immer noch viel zu hoch. 200 bis 300 Menschen sterben in Deutschland am Tag, doch hört man nicht damit auf, die Omikron-Variante als harmlos zu bezeichnen. So wird in den nächsten Tagen die Pandemie durch die Corona-Schizophrenie abgelöst, wenn die Maskenpflicht überall fällt, nur nicht im Bundestag und im großen Drogeriemarkt umme Ecke. Dort läuft seit zwei Tagen eine Art Marktschreier mit Megafon herum und weist darauf hin, dass in diesem Geschäft die Maskenpflicht auch nach dem 20. März eingehalten werden muss. Während Gesundheitsminister Karl Lauterbach vor der Überlastung des Gesundheitssystems warnt, freuen sich manche Bundesländer, wieder "frei" zu sein mit ihren Maßnahmen und Schulprogrammen. Unterdessen suchen sich die Querdenker neue Gründe, ihre ganz besondere "Freiheit" einzufordern. Der autoritäre Charakter braucht etwas, gegen das er "rebellieren" kann. Da hilft auch keine Aufklärung, Kritik an instrumenteller Vernunft hin oder her.
(jk)