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Was war. Was wird.

Auch die EDV-Welt hat ĂĽberraschende Einsichten zu bieten, wenn sonst in der Welt nur rumgedruckst wird -- mit einer Ausnahme, die immer fĂĽr laute Laute gut ist, meint Hal Faber.

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Von
  • Hal Faber
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

WELTUNTERGANG!! NICHT MIT UNS!

*** Manchmal ist so eine Fußball-WM ganz praktisch. Ein Fußballfeld groß soll der Asteroid 2002MN gewesen sein, der am Montag entdeckt wurde, drei Tage, nachdem er uns auf die Pelle gerückt war. Hätte dieses Fußballfeld der Erde getroffen, so hätte es gerumst wie bei der Explosion einer mittleren Atombombe. Die Menschheit hätte jedoch überlebt, anders als die Dinos vor 65 Millionen Jahren. Für die Freunde der Weltverschwörung hatte der spät entdeckte Asteroid übrigens 4 Tage Verspätung: Er sollte zum Geburtstag des großen Immanuel Velikovsky kommen, der weitere Einschläge in der kollektiven Amnesie der Menschheit analysiert hatte.

DER BLAUE SCHIRM DES TODES: FURCHTBAR!

*** Wenn auch nicht mit einem von den in Südkorea und Japan tätigen deutschen Kickern, so endete diese Woche doch mit einer Reihe von Abschieden, von großen und kleinen Toden. Vielen amerikanischen Websites schlägt die letzte Stunde, weil für Musikstücke von Internet-Radios, obzwar von 0,14 auf 0,07 Cents verbilligt, Geld gezahlt werden muss. Den blauen Schirm des Todes präsentiert, stellvertretend für Viele, Stephen Loomis von Tag's Trance, mit dem "besten Dank an die RIAA". Den weißen Schirm des Todes zog man bei den German Hot 100, dort ganz ohne Unterstützung durch die Musikindustrie allein auf Grund "fehlender Marktperspektive". Wie man überlebt, zeigt übrigens die Community von Kuro5hin, wo man am Montag noch die Pleite ankündigte, am Freitag aber wieder saniert war und über die Bombardierung Deutschlands lästern konnte. Ein weißrotblauer Schirm eines angekündigten Todes sei noch erwähnt, nämlich den der Privatsphäre der eBay-Nutzer: "Ich willige ein, dass eBay meine personenbezogenen Daten für eBay-Marketing-Maßnahmen verwendet, wie z.B. Versendung von E-Mails mit allgemeinen Informationen oder werbenden Charakter". Auf dass die Viagra-, Nigeria- und Claudia-Spams reichlich fließen.

DARF DIESER VOGEL FLIEGEN?

*** 1:1, Unentschieden, steht es im Match zwischen der geschlossenen und offenen Softwareszene, wenn man den Vortrag von Ross Anderson, Spezialist fĂĽr strahlende Bildschirme, folgt. Dieser stellte in der vergangenen Woche in Toulouse einen Vergleich zur Sicherheit beider Varianten der Softwareproduktion vor -- mit einem bemerkenswerten Teiltreffer: Anderson brandmarkte die Trusted Computer Alliance und ihr Projekt der ID-Nummern fĂĽr jeden Computer als ersten Schritt in den totalen Ăśberwachungsstaat. DafĂĽr erntete er herben Protest, wie ihn auch der Berliner Volker Grassmuck kassieren musste, der dieser Tage in Karlsruhe die offene Softwareproduktion mit dem Wissenskommunismus verglich. Grassmuck orientierte sich dabei am Soziologen Robert Merton, der mit seinem Buch "Auf den Schultern von Riesen" einmal treffend zusammengefasst hatte, woraus Wissenschaft besteht. Jawohl, auch Tux steht auf diesen Schultern und kackt seinen Krill auf dieselben. Wer bremst da noch mit einem Herz fĂĽr Tiere?

ABSCHALTEN! DAS IST NICHT ZUM AUSHALTEN!

*** Wenn all dies umständliche Rumgewürge, Rumgeschiebe und Verschwörungstheorien befördernde Getue auf asiatischen Fußballplätzen nicht reicht, das Nervenkostüm endgültig zu ruinieren, dann darf man getrost in die IT-Welt zurückkehren. Dort erlebt man dann sein blaues Wunder und die quälende Geschichte vom Untoten, der nicht sterben will. Großes Trara: Das Internet bricht zusammen, heulen die Konkursverwalter, die Weiterleitung von Daten über einen Backbone wird zur altruistischen Tätigkeit -- nun, man kann ja verstehen, dass jedes Argument recht ist, den eigenen Arbeitsplatz zu retten. Aber überraschende Einsichten sind aus der Geschichte doch zu gewinnen: Carrier gehen Pleite, weil sie ganz vertrauensvoll darauf hofften, Netzwerkkapazität in einem überfüllten Markt verkaufen zu können. Na, da schau her ... Die Entschuldigung von Jack McMasters für die KPNQwest-Pleite ist jedes Bobos würdig. Fast meint man, das erleichterte Seufzen von Usern, Kunden und Technikern zu hören: Endlich abgeschaltet, endlich mag die Schmierenkomödie ein Ende finden, in der die Banken noch einen gehörigen Reibach und die Carrier-Konkurrenz ein gutes Schnäppchen machen will.

KLIMAKATASTROPHE: DEUTSCHLAND SCHWITZT!

*** Und so sitzt der Kolumnist einsam in der mediterranen norddeutschen Tiefebene und freut sich der Dinge. Mag auch mancher uneingeschränkte Solidarität während der Weltmeisterschaft vermisst haben, so kann auch der hierzulande ansässige Fußballmuffel trotz WM die gute Laune angesichts steigender Temperaturen und unbegrenzten Lichteinfalls kaum bremsen. Doch halt: Sind Leser etwa Pawlowsche Hunde? Reagieren sie auf Sonne und Hitze mit übermäßigem Speichelfluss? Pawlow hat nun so gar nichts mit IT zu tun, wie die oft gehörte Frage zu beantworten wäre. Steigen aber die Temperaturen über 20 Grad, ist eines gewiss: die ganz andere Frage nämlich, ob mit dieser oder jener Meldung das Sommerloch gefüllt werden solle. Nähern wir uns gar gefährlich den 30 Grad, wird der entsprechende Kommentar zur Epidemie. Also doch Schmoren im eigenen Saft statt Braten in der Sonne? Aber genug der Publikumsbeschimpfung: Wir freuen wir uns weiter der Dinge, schwitzen leicht vor uns hin und genießen den Sommer. Auf dass noch viele Fettnäpfchen, äh Sommerlöcher zum Hineinfallen kommen. Der Kolumnist genießt ebenfalls und schweigt für heute -- gleich zumindest, denn zuerst folgt für die immer noch geneigten Leser natürlich ein ...

Was wird.

STOPPT DEN TERROR DER JUNGROTEN JETZT!

Wobei wir natürlich jetzt kein Geheimnis mehr enthüllen, denn das geneigte Publikum hat es erraten: Morgen hat die BILDzeitung Geburtstag. Vor 50 Jahren erschien das Blatt zum ersten Mal. Heute wird das einstige Hetzblatt gegen den Fortschritt im Feuilleton von den ehemaligen Jungroten gefeiert, denen das Blatt den Tod wünschte. Nun ja. "Klau, lies und Kotz", sang einst die Gebrüder Engel Band, "den meinungsbildenden Rotz, die Gazette von Format stärkt dem Volk das labile Rückraht." Und Lok Kreuzberg (später als Nina Hagen Band und Spliff bekannt) reimte los vom Redakteur Quittegelb mit seinen quittegelben Kindern, der in Axel Cäsars Meinungsmacherei schleimt. Mit "Ami go home!" (Untertitel: Nur dieses eine Mal, bitte!) hat selbige am Freitag übrigens den Schlachtruf der antiimperialistischen Kampffront übernommen. Wenn das kein Sieg im Volkskrieg ist....

SANDAL-VANDALEN ABSCHALTEN

In Kanada findet in der nächsten Woche der G8-Kongress der Industriestaaten statt. Eigentlich kein Thema für diese Site, wäre da nicht der Beschluss der Kanadier, Mobiltelefone im Umkreis der Konferenz einfach abzuwürgen. Die Maßnahme ist natürlich unvollständig, wenn das Internet ringsum nicht ebenfalls abgeschaltet oder gestört werden kann. Willkommen in der schönen neuen Welt, in der Bürger flugs zu Kombattanten deklariert werden.

SKANDAL!! MENSCH IST MASCHINE

Auf ein leises, feines und etwas trauriges Jubiläum gilt es in der Vorschau hinzuweisen. Am Freitag, den 28. Juni wäre Alan M. Turing 90 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass gibt es den Turingday; er wird in Lausanne gefeiert. Was hätte Alan Turing nach 1954 getan, wird sein Biograf Hodges fragen, während andere fragen, warum es bis 2029 dauern muss, bis die Computer gewinnen. Bleibt nur die Frage übrig, was Turing 2054 getan hätte.

TOOOOOR! TOOOOR!

Natürlich ist auch diese Wochenschau der Faszination Fußball erlegen. Am Dienstag geht es um die Wurst, im Robocup natürlich. Die besseren Menschen fechtens spannend aus, während die Menschen in völlerster Manier langweiligen Roboterfußball zeigen. So kommt, was kommen muss, der Bild-gerechte Kolumnen-Schluss: ERSTER! ERSTER! ERSTER! (Hal Faber) / (jk)