Ermittlungen zu Mannesmann/Vodafone in der heißen Phase
Das juristische Nachspiel der spektakulärsten Übernahme der europäischen Wirtschaftsgeschichte geht in die heiße Phase.
Das juristische Nachspiel der spektakulärsten Übernahme der europäischen Wirtschaftsgeschichte geht in die heiße Phase. Zweieinhalb Jahre nach dem 188-Milliarden-Euro-Deal, mit dem die britische Vodafone den Mannesmann-Konzern übernahm, droht einer Reihe prominenter Wirtschaftsführer eine Anklage. Es geht um den Verdacht der Untreue oder der Beihilfe dazu. Rund 210 Millionen Mark (107 Millionen Euro) sollen in den letzten Tagen des Konzerns auf verschwiegenem Wege an die alte Führungsgarde geflossen sein. Nach der Mega-Fusion droht nun einer der größten Wirtschaftsskandale der Bundesrepublik.
Düsseldorfer Staatsanwälte und acht Spezialisten des nordrhein-westfälischen Landeskriminalamts haben seit Mai vergangenen Jahres Details über die letzten Tage in den Führungsetagen bei Mannesmann zusammengetragen. Nachdem bekannt wurde, dass mindestens sieben von elf Beschuldigten eine Anklage droht, sind die Betroffenen in die Offensive gegangen. Der mitbeschuldigte IG-Metall-Chef Klaus Zwickel fordert -- bislang vergeblich -- die Ablösung der ermittelnden Staatsanwälte, nun legt Ex-Mannesmann-Chef Klaus Esser mit seiner Klage gegen das Land Nordrhein-Westfalen nach. Er verlangt 100.000 Euro Schadenersatz für Anwaltskosten, die ihm entstanden seien und mindestens 100.000 Euro Schmerzensgeld für die "massive Rufschädigung". Nach Ansicht Essers entbehren die Ermittlungen gegen ihn jeder Grundlage und hätten längst eingestellt werden müssen. Ein Vorwurf, der vom NRW-Justizministerium schon vor einigen Monaten geprüft und als haltlos eingestuft wurde.
Die Ermittler gehen davon aus, dass die Unternehmensspitze allzu großzügig Gelder verteilte, als sich die Niederlage im Abwehrkampf um die feindliche Übernahme abzeichnete. Entscheidend ist dabei die Frage, ob die Gremien dazu berechtigt waren, oder ob bereits die neuen Herren bei Mannesmann das Sagen gehabt hätten. Schon die Wirtschaftsprüfer der Gesellschaft KPMG sollen Zweifel an der Rechtmäßigkeit geäußert -- und danach ihr lukratives Mandat verloren haben.
Die Summen, um die es geht, scheinen auf den ersten Blick ungewöhnlich hoch. Während 130.000 Beschäftigte um ihre Arbeitsplätze zitterten, wurden nach Angaben der Staatsanwaltschaft rund 100 Millionen Mark "Verbleibeprämien" für 140 Führungskräfte durch den Aufsichtsrat abgesegnet. Hinzu kamen etwa 60 Millionen Mark Anerkennungsprämien und rund 60 Millionen Mark "Pensionsabfindungen". Allein Ex-Chef Esser soll 60 Millionen Mark erhalten haben, davon die Hälfte als Abfindung seines Vorstands-Vertrages.
Den schwersten Vorwurf, wonach die Übernahme und die Aufgabe des Widerstands des Mannesmann-Managements durch Bestechung erkauft wurde, haben die Ermittler allerdings inzwischen verworfen. Es sei dennoch eine "grobe Amtspflichtverletzung", dass die Ermittler den Vorwurf der Bestechung über 18 Monate in der Welt gehalten hätten, schimpft Esser.
Die Brisanz der Ermittlungen und der sich zuspitzende erbittert ausgetragene öffentliche Streit ergibt sich aus der Prominenz der Beschuldigten: Unter ihnen sind nicht nur Esser und Zwickel. Auch der heutige Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Josef Ackermann, der damalige Mannesmann-Aufsichtsratschef Joachim Funk und Vodafone-Chef Christopher Gent zählen zu den Betroffenen. Sie sollen an der Bewilligung der Zahlungen mitgewirkt haben. Wobei Chef-Aufseher Funk selbst sechs Millionen Mark erhalten haben soll. Der Aufsichtsrat der größten europäischen Bank wertet die Vorwürfe der Ermittler gegen Ackermann allerdings als "willkürlich und nicht nachvollziehbar". Nach einer Sitzung des Kontrollgremiums der Deutschen Bank am Mittwoch in Frankfurt wurde Ackermann volle Rückendeckung zugesichert.
Dabei verblassen die Summen, um die es bei den Ermittlungen der Düsseldorfer Staatsanwälte geht, gegenüber dem Gewinn, den die Aktionäre bei dem Poker um die Vorherrschaft auf dem europäischen Mobilfunkmarkt erzielen konnten. Wer 1990 für 10.000 Mark Mannesmann-Aktien besaß, konnte am Ende des Übernahme-Kampfes von dem Wert ein kleines Einfamilienhaus erwerben. Allein der chinesische Großaktionär Hutchinson Whampoa, der als unsichtbarer Dritter bei dem Machtkampf galt, soll einen zweistelligen Milliardenbetrag eingefahren haben, als er seine Aktienpakete versilberte. (Frank Christiansen, dpa) / (jk)