Interaktives TV: MHP vor dem Zieleinlauf?
Mit ersten Diensten und verfĂĽgbaren Receiver-Boxen soll das interaktive Fernsehen nun auch in Deutschland FuĂź fassen.
Schon seit Jahren wird der Start des interaktiven Digital-Fernsehens in Deutschland angekündigt. Doch die neuen digitalen Kanäle kamen und kaum jemand wollte sie sehen; die versprochene Interaktivität lässt bis heute auf sich warten. Durch die endlosen Verzögerungen haftet dem digitalen Fernsehen inzwischen der Makel der Erfolglosigkeit an. Doch jetzt zeichnet sich ab, dass der Spätzünder Digital-TV langsam abheben wird.
Mitte der neunziger Jahre entzündeten sich die Streitereien um die technischen Standards der digitalen Fernseh-Zukunft am Alleingang der KirchGruppe, die für ihren Bezahlsender Premiere auf das damals nicht offene D-Box-System setzte. Ende 1999 einigte sich der "Lenkungsausschuss für die Technik des digitalen Fernsehens" auf einen offenen Standard, die Multimedia Home Platform (MHP). Im September 2001 entschieden sich dann mit ARD, ZDF, KirchGruppe und RTL auch die maßgeblichen TV-Sender in Deutschland in der "Mainzer Erklärung" für MHP. Der Standard wird inzwischen in 37 Ländern unterstützt.
Mit MHP sollen die Fernsehzuschauer in die Lage versetzt werden, Inhalte aus der Online- und TV-Welt kombiniert und interaktiv zu nutzen. Das neue System ermöglicht den Sendern, ihre Dokumentationssendungen mit zusätzlichen Hintergrundinformationen zu versehen, die vom Zuschauer mit der Fernbedienung abgerufen werden können. Bei den Rate-Shows nach dem Vorbild von "Wer wird Millionär" könnten alle vor dem Bildschirm aktiv mitraten oder den Kandidaten im Studio Tipps geben. Bei Werbesendungen könnten klassische Produktempfehlungen mit aktiven Shopping-Optionen verknüpft werden. Und später soll MHP auch den Weg zur Videothek ersparen, wenn Videofilme "on demand" über Kabel oder Satellit abgerufen werden können -- über den Erfolg interaktiver Fernsehangebote entscheidet indes einzig und allein der Zuschauer.
Eigentlich sollte MHP laut der "Mainzer Erklärung" im Juli 2002 mit dem Verkauf der MHP-Decoder im Handel und dem Beginn der MHP-Dienste der Sender starten. Doch aus Juli wurde inzwischen Oktober. "Der Hauptgrund für die verzögerte Markteinführung von Produkten und Diensten auf der Basis von MHP ist das umfangreiche Testprogramm, das von den Geräten absolviert worden ist", erläutert Roland Stehle von der MHP MarCom Group, die die Öffentlichkeitsarbeit für die neue Technologie-Plattform betreibt. "Mit der Verbindung von Fernsehen, Computer und Internet betreten Diensteanbieter, Rundfunkanstalten und Gerätehersteller absolutes Neuland".
In diesen Wochen tauchen erste MHP-Geräte in den Läden auf: Panasonic bietet für rund 460 Euro eine MHP-taugliche Set-Top-Box an, Philips will mit einem ähnlichen Preis im Oktober einen auf MHP aufsetzenden Decoder einführen. Andere Hersteller werden folgen. Sony setzt dagegen anfangs auf einen neuen, teuren "High-End"-Fernseher, der auch einen MHP-Decoder für den Satelliten-Empfang eingebaut hat. Und auch die KirchGruppe spielt bei der MHP-Einführung in Deutschland noch eine Rolle, da sich zumindest die zweite Generation der D-Boxen für Premiere mit Hilfe einer Software-Aktualisierung auf MHP umrüsten lässt. Premiere selbst will im Frühjahr 2003 mit MHP-Diensten starten, wenn die D-Box auf MHP umgestellt ist. ARD, ZDF und RTL senden bereits erste MHP-Anwendungen.
In die Röhre gucken werden beim MHP-Start zunächst die Fernsehzuschauer mit Kabel-Anschluss. Durch die Verzögerungen beim geplanten Verkauf der Kabelnetze der Deutschen Telekom AG wurde noch keine Grundsatzentscheidung zu MHP getroffen. Das US-Unternehmen Liberty Media, das beim ersten -- später vom Bundeskartellamt untersagten -- Kabel-Verkauf zum Zuge kam, wollte kostenlos einfache Digitaldecoder verteilen, die nicht MHP-tauglich sind. Doch Medienexperten sind sich einig, dass MHP derzeit die einzige "offene und diskriminierungsfreie Technologie" sei -- diese ist seit dem 1. November 2000 in der Satzung der Landesmedienanstalten Deutschlands für alle digitalen Decoder vorgeschrieben. (Christoph Dernbach, dpa) (vza)