Hickhack um die TV-Kabelnetze
Für die bisher verkauften Telekom-Kabelnetze sei viel zu viel bezahlt worden; Zweifel am Verkauf und am Ausbau der verbliebenen Netze für den Internet-Zugang wurden auf den Medientagen ebenfalls laut.
Man müsse sich langsam fragen, wer überhaupt noch investieren soll in diesem Land, sagte der bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber zum Auftakt der Münchner Medientage mit Blick auf den Verkauf des deutschen TV-Kabelnetzes. "Die Landesmedienanstalten äußern Bedenken gegen Finanzinvestoren als Käufer des Kabelnetzes. Das Bundeskartellamt lehnt ein operatives Unternehmen wie Liberty ab." Stoiber forderte auch die Telekom dringend zu einem raschen Abschluss der laufenden Verkaufsverhandlungen auf.
Gerd Tenzer, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Deutschen Telekom AG, antwortete prompt mit dem Hinweis, dass man sehr wohl Käufer habe allen Unkenrufen zum Trotz über das Verrotten des Kabels, dieses vielmehr "entwicklungsfähig" sei. Hans-Ullrich Wenge, Vorsitzender der Telekom-Tochter Kabel Deutschland AG, sagte auf einem Kabelpodium, ein Verkaufsabschluss noch in diesem Jahr sei nicht ausgeschlossen. Nicht alle konnte Wenge restlos überzeugen. "Ich glaube nicht, dass das Kabel verkauft wird," sagte im Anschluss an die Veranstaltung Heinz-Peter Labonte, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Fachverbands Rundfunksempfang- und Kabelanlagen. Die Bieterangebote würden möglicherweise weiter sinken, so Labonte, und damit den Verkauf verzögern.
Mehr als 7 bis 8 Millionen Mark hätte sein Unternehmen für das DTAG-Kabel ohnehin nicht hingelegt, sagte Heinz-Josef Chlosta, Konzernstratege beim Kabelnetzbetreiber Primacom. Der Einkaufspreis der ersten beiden Käufer hätte aber den zehnfachen Wert des Unternehmensumsatzes ausgemacht. "Wenn man berücksichtigt, welcher Unsinn da in den letzten fünf Jahren getrieben wurde, muss man sich über die aktuelle Situation nicht wundern", sagte Chlosta.
Auch die Medienanstalten fürchten, der Verkauf durch die DTAG werde dem Markt noch mehr dringend benötigtes Geld entziehen. Dem von den Landesmedienanstalten vorgeschlagenen Moratorium widersprach allerdings Stoiber. Inwieweit die Telekom mit den zum ersten November von der Kabel Deutschland angehobenen Kabelpreisen und Entlassungen bei der Kabeltochter "die Braut schöner" machen kann, müssen die neuen Bieterangebote zeigen. Thomas Braun, Präsident des Kabelbetreiberverbandes ANGA warnte in München davor, dass mehr und mehr Kunden zum Satelliten abwandern könnten. Da die Telekom in den vergangenen Jahren keinerlei Investitionen in den Kabelausbau getätigt habe, seien die Erhöhungen um sechs Prozent völlig unberechtigt.
"Es stimmt nicht, dass wir zu viel für das Kabel bezahlt haben, wir haben viel zu viel bezahlt," sagte Dieter Hähle, Chef des gebeutelten Kabelanbieters ish. Nach der Aufrüstung der Kabelanschlüsse von rund 1,1 Millionen Haushalten auf 862 MHz trat das Unternehmen, hinter dem ein vom US-Anbieter Callahan geleitetes Finanzkonsortium steht, auf die Notbremse. In Nordrhein-Westfalen wie auch in Mannheim wurden weitere Ausbauarbeiten unterbrochen, rund 700 Leute mussten gehen. Mit einer Insolvenz sei aber jetzt nicht mehr zu rechnen, sagte Hähle. Man habe den Geschäftsplan jetzt komplett umgestellt und neue Kreditlinien mit 14 Banken ausgehandelt. Mit weiteren Entlassungen sei aber auf jeden Fall zu rechnen, die Gespräche mit dem Betriebsrat liefen.
Obwohl die Kunden, die ish für den schnellen Internet-Zugang per TV-Kabel gewinnen konnte, davon begeistert seien, will man sich zunächst verstärkt mit dem Kern-Geschäft, dem Fernsehen, als stabiler Einnahmequelle beschäftigen. Durch technische Pannen beim schnellen Ausbau hat ish auch in dieser angestammten Domäne verloren. Für 2004 kündigte Hähle zusätzliche digitale Programme und Near-Video-on-Demand-Angebote an, demnächst startet man eine "ätsch"-Kampagne für schnelles Internet in den Ausbaugebieten. (Monika Ermert) / (jk)