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Was war. Was wird. Von einem bisschen Frieden.

Derzeit paart sich in erschreckendem Ausmaß Naivität mit Ignoranz. Keine guten Zeiten, auch nicht für Demokratie-Verteidiger, befürchtet Hal Faber.

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Nein, die weißen Tauben sind nicht müde, wie ein längst vergessener Schlagersänger mal trällerte. Aber sie sind zu Recht erschreckt. Und ziehen sich zurück, bis wieder friedlichere Zeiten einkehren, in denen Staaten und Völker nicht das Recht auf Selbstverteidigung gegen allzu selbstgefällige pazifistische Ignoranz verteidigen müssen.

(Bild: Drakuliren / Shutterstock.com)

Lesezeit: 7 Min.
Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

*** Een beetje vrede, een beetje liefde
Voor onze wereld waarop wij wonen
Een beetje vrede, een beetje vreugde
Erover dromen dat doe ik al

Ein bisschen Frieden, ein bisschen Träumen
Und dass die Menschen nicht so oft weinen
Ein bisschen Frieden, ein bisschen Liebe
Dass ich die Hoffnung nie mehr verlier

Heute vor 40 Jahren gewann die Saarländerin Nicole den europäischen Gesangswettbewerb ESC mit einem europäischen Lied in fünf Sprachen, unterstützt von einer weißen Gitarre und dem Falklandkrieg. Die stets alles wissende Wikipedia charakterisiert das Lied als "Mischung aus romantischer Emotionalität und hysterischer Weltuntergangsstimmung". Das ist eine hübsche Formulierung in einer kriegerischen Zeit 40 Jahre später, in der deutsche Kolumnisten Mahatma Gandhi kurzerhand als "sagenhafte Knalltüte" abstrafen. Ja, damals war Deutschland noch das Volk der Dichter und Denker, wie es Germaine de Staël kurz vor dem Krieg von 1870/71 in einer Alliteration bewunderte. Vor 40 Jahren druckte der "Stern" neben den ersten "Fotos von der Schlacht um Falkland" sogar einen Steckbrief als "Gedicht der Woche" ab.

Steckbrief

Gesucht wird
Mensch alias homo sapiens
wegen UnterdrĂĽckung
Gewaltanwendung
KriegfĂĽhrung sowie
Zerstören des
Planeten Erde.

Besondere Kennzeichen:
Egoismus
Aggressivität
Grausamkeit.

Vorsicht!
Macht bei geringstem AnlaĂź
von der Waffe Gebrauch.
(Ralf BĂĽlow)

*** Heute ist der Wunsch nach einem bisschen Frieden ein bisschen komplizierter, sofern man nicht das schlichte Gemüt einer Linken hat, die vergisst, dass Nazideutschland auch durch die Waffenlieferungen der USA an die Sowjetunion besiegt wurde. Denn bekanntlich hat der russische Generalmajor Rustam Minnekajew am Freitag offen über die Ziele der nächsten Phase dieser putinesken Spezialoperation gesprochen, über eine Landverbindung zur Krim und über die Kontrolle der Südukraine bis hin zur Befreiung der unterdrückten Russen in Transnistrien. Auf dem Weg dorthin liegt Odessa, die drittgrößte Stadt der Ukraine. Angesichts dieser Ankündigung kann man zwar einen Stopp der Waffenlieferungen fordern, aber die Regierung in Kiew auffordern, "den militärischen Widerstand – gegen die Zusicherung von Verhandlungen über einen Waffenstillstand und eine politische Lösung – zu beenden", das kündet von atemberaubender Ignoranz. Wer glaubt, dass eine "Zusicherung von Verhandlungen" möglich ist, versteht nicht, dass Putin bis zur traditionellen Siegesparade am 9. Mai einen "Sieg" präsentieren muss, wie immer der auch aussehen mag. Natürlich geht es noch kurioser, mit einem ehemaligen Brigadegeneral, der Hitlers Kronjuristen Carl Schmitt in Blättern des Antoios-Verlages verteidigte und nun zum Kronzeugen einer Sahra Wagenknecht wird, die ebenfalls gegen Waffenlieferungen ist.

*** Was aber ist, wenn Putin ganz, ganz andere Kriegsziele hat, nämlich die Darstellung von Putin als Über-Mann im Krieg gegen eine diverse Gesellschaft? Einer, der wie Tucker Carlson Angst davor hat, dass die reine Männlichkeit bedroht ist, wenn das Anthropozän durch das Gynopozän abgelöst wird. So wird aus der schier endlosen Debatte um die Lehre vom bellum iustum unversehens die Frage nach dem bellum masculinum. Andere Deutungsweisen gehen tief in die russische Geschichte zurück und sehen eine Kontinuität der tatarisch mongolisch byzantinischen Gewaltherrschaft.

*** Kurios muss man auch das Digitale Dienste Gesetz nennen, das die EU nach einem Marathon von 16 Stunden (Diskussion, nicht Laufen) verabschiedet hat. In schönster sinnfreier Alliteration ist von einem Gesetz gegen Hass und Hetze die Rede, von Vorschriften, an die sich Facebook, Instagram, Twitter oder eBay künftig halten müssen. Was EU-Kommissarin Margarethe Vestager als "digitales Grundgesetz" bezeichnet, ist für den letzten Mohikaner Patrick Breyer ein unguter Kompromiss, weil das Recht auf anonyme Nutzung des Internets und das Recht auf Verschlüsselung der Kommunikation fehlen. Was Offline das Briefgeheimnis ist, ist online weiterhin nicht festgelegt. Schön, dass es Regeln geben soll, wie und warum Inhalte oder Accounts gesperrt werden, aber auch an Beschwerdemöglichkeiten gegen diese Sperren gedacht wurde. Was sich daraus im Online-Alltag entwickelt, ob es wirklich gegen Hass hilft, wird sich zeigen müssen. Bis dahin darf sich Präsidentin von der Leyen darüber freuen, dass "Unternehmen neue Möglichkeiten eröffnet" werden. Die Möglichkeit, aus dem Digital Service Act ein echtes Plattformgrundgesetz zu machen, wurde jedenfalls verpasst.

*** Der Satz "Was Offline verboten ist, muss auch Online verboten sein" ist eine Binse. Man kann ihn versuchsweise umdrehen und auf den Fall anwenden, der in dieser Woche bekannt wurde. Danach hat ein studentischer Mitarbeiter der SPD-Politikerin Sarah Philipp versucht, über mehrere Kontaktanfragen Zugang zu dem geschlossenen Instagram-Account der 16-jährigen Tochter der CDU-Politikerin Ursula Heinen-Esser zu erlangen. Das Anbaggern der Jugendlichen erfolgte, weil der Mann ihre Fotos vom Mallorca-Urlaub mit der Mama ansehen wollte. Bekanntlich führte dieser Urlaub der Umweltministerin während der Hochwasser-Katastrophe zu ihrem Rücktritt. Wenn das familiäre Treiben von Politiker-Kindern Offline geschützt wird, müsste es auch Online geschützt werden. Immerhin war die Tochter so klug, ihren Account zu schützen. Ob das Digitale Dienste Gesetz hier für Verbesserung sorgt, bleibt abzuwarten.

Die Spannung steigt. Noch heute werden wir wissen, ob Emmanuel Macron weiterhin Präsident von Frankreich bleibt, wie das sogar die Libération empfiehlt. Doch erst zum Ausklang der Woche werden die Sieger der Big Brother Awards bekannt gegeben. Für einige Beobachter hat sich die Vergabe der Negativpreise in verschiedenen Kategorien etwas abgenutzt, andere halten sie nach wie vor für sinnvoll, um den Datenschutz-Gedanken zu stärken. Nach Auskunft der Veranstalter von Digitalcourage fehlen derzeit 30.000 Euro, um die Veranstaltung auf die Bühne der Bielefelder Hechelei zu bringen. Sie bitten daher um Spenden, was ich hiermit gerne weitergebe.

Mit Nicole und einem über 40 Jahre alten Lied hat die kleine Wochenschau angefangen, mit Boris und zeitgemäßer Musike soll sie enden. DJ Boris Brejcha ist einer der wegweisendsten DJs der Welt und legt für die Deutsche Telekom als Avatar im Metaverse 'Beatland' auf. Dort kann man als Avatar verschiedene Nightlife-Jobs haben und wunderbar aufregende Sachen im Metaverse erleben. "Die passenden Outfits für die Avatare und zahlreiche Digitalitems ('Verch') können im Plattenladen und im Telekom Shop mit den erspielten Beat Coins, eine virtuelle Währung, die man für das Abschließen verschiedener Aufgaben in 'Beatland' bekommt, erstanden werden."

So wie die Nerds auf ihren Chaos-Kongressen ihre Merch-Sachen kaufen, wird Online bei der Telekom Verch verkauft. Wer weiĂź, vielleicht schafft es sogar der vor dem Berghain abgewimmelte "Tech-Mogul Elon Musk" virtuell in dieses aufregende Metaverse voller Hi-Tech Minimal Music. Was ist schon ein bisschen Frieden gegen diese Super-Sache. Und warum erinnert mich das einen gewissen Chad Kroski, den die Telekom einstmals propagierte? Da hilft nur noch etwas Wut. (Und man sieht sich am 3. September auf der Expo-Plaza, oder?) (jk)