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Was war. Was wird.

Oha, es weihnachtet, muss Hal Faber fĂĽr seine Wochenschau ĂĽberrascht feststellen. Anlass fĂĽr eine Ansprache an die IT-User? Ach nein, keine Angst: Alles wird gut.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Warnung: Dieser Text enthält Links. Nach neuesten psychologischen Erkenntnissen fügen sie dem Vorwissen der potenziellen Nutzer schwere Schäden beim Erreichen von Rezeptionszielen zu und können so zur kognitiven Desorientierung führen. Diese Retirade ist vom Autor nicht intendiert.

*** Lieber Leser! Liebe Leserin! Weihnachten ist ein Fest des Friedens. Die Überwachten feiern mit den Überwachern, die feinste Geschenke für ihren Freiraum eingekauft haben. Ochs und Esel feiern und feiern und feiern. Selbst Nestle gibt sich friedlich im Streit um deutschen Besitz. Bäume werden gefällt und geschmückt, der Weihnachtsmann macht sich fertig, das 140. Jubiläum zu begehen. Es duftet festlich nach Bratäpfeln und Maronen.

*** In dieser besinnlichen Zeit möchte ich Sie, liebe Userin, lieber User, daran erinnern, dass nicht überall in der Welt der Frieden eingekehrt ist. Es gibt Regionen und Länder, die Probleme mit dem Frieden haben, Länder, in denen die Menschenrechte bedroht sind. Schlimmer noch, sind es doch Länder, in denen Aktienbesitzer vom Hungertod bedroht sind und ganze Industriezweige vor dem Aussterben gerettet werden müssen. In einem solchen Land ist das Leben nicht einfach., Es braucht Frühwarnsysteme, weil ganze Einrichtungen unversehens verschwinden können. Und besonders zu Weihnachten müssen die Kinder gute Vorbilder haben, die den richtigen Weg weisen können, wenn überall Gefahren lauern. Denn schließlich kann man sein Land nicht wie ein Betriebssystem wechseln.

*** Zugleich ist diese Zeit, liebe Luser, aber auch eine besonders besinnungslose Zeit. Schreckliche Nachrichten vom Internet der Menschenfresser machen die Runde. Nachrichten, die so atemlos vernascht werden, dass ausgerechnet ein BKA-Beamter beim Baptisten der Nation darauf hinweisen muss, dass das Netz keine Ursache sein kann, genau wie das Auto, das einem modernen Einbrecher zur Verfügung steht. Vor 80 Jahren beschäftigte sich Ernst Barlach in seinem Roman "Der Findling" mit dem Kannibalismus, der heute nur "monströs" daherkommt. So jagen die Nachrichten einander wie die Journalisten den UN-Konvoi im Irak. Mittendrin: Unser 50 Jahre altes Fernsehen, das gestern angeblich Geburtstag feierte, in bester deutsch-deutscher Tradition entweder als Fortschritt oder als Start staatlicher Hirnwäsche bewertet. Passend dazu gibt es die NWDR-Rolle, die der Sender im besten Denglisch als genüsslichen Zapping-Mix preist. Doch damit nicht genug: Mit einer "Bildbox für Millionen" gibt es auch noch eine CD-ROM zum Jubiläum. Wie es sich für einen zünftigen Feiertag gehört, wird das erste regelmäßig gesendete Fernsehen ausgeblendet, das von 1935 bis 1945 im Raum Berlin empfangen werden konnte: Heute vor 72 Jahren führte der Techniker Manfred von Ardenne erstmals das Zeilensprungverfahren des Fernsehens vor.

*** Doch ist diese stille Zeit, liebe Linux-, liebe Windows-Gemeinde, ist dieser 22. Dezember ist kein Tag für strahlende Jubiläen. Heute vor 60 Jahren wurden in Berlin-Plötzensee Libertas Schulze-Boysen, ihr Ehemann Harro Schulze-Boysen, Hans Coppi und Arvid Harnack hingerichtet. Sie gehörten zu einer linksorientierten Widerstandsgruppe, der die Nazis in den Hochverratsprozessen Prozessen den Namen "Rote Kapelle" gaben. Insgesamt starben 60 Mitglieder dieser Gruppe, die noch in den 80er Jahren Landesverräter genannt werden durften, als das westdeutsche Fernsehen einen Mehrteiler über sie drehte. Eine weitere Hinrichtung ging glücklicher aus: Vor 153 Jahren wurde Fjodor Michailowitsch Dostojewski zum Schein zum Tode verurteilt.

*** Auch das Geburtstagskind des Tages kann nicht mit einem strahlenden Leben den hyperboräischen Nebel lichten: Vor 115 Jahren wurde Srinivasa Aiyangar Ramanujan geboren, einer der großen Mathematiker der Menschheit. Noch heute plündern die Kollegen die Notizbücher des früh Verstorbenen, der sich im kalten Britannien den Tod holte. Er fuhr über das Meer, was seine Religion verbat, ging dann aber barfuß, wie seine Religion befahl. Seine Mathematik hat die Entwicklung der Synthesizer getragen und so gehört es zu den kleinen Witzen der Geschichte, dass die deutsche GEMA die Oper finanzierte, die über sein Leben komponiert wurde. Mit Internet und Greencard zeigt sich der massive Fortschritt unserer Zeit. In diesem Sinne wünsche ich ein Frohes Fest mit dem passend unfeierlichen Rock in Moll. Für die verletzten Seelen dieser Woche natürlich mit passend tröstender Musik.

Was wird.

Nun ja. Wie unschwer festzustellen ist, wird Weihnachten. Und doch reißt sich der Kolumnist, aller Forderungen nach Qualität zum Trotz, von der Kubrick-Nacht los, auf dass die rein verschwörungstheoretisch anzunehmende dunkle Limousine rechtzeitig bei dem Verlag vorfahre, der diese Zeilen online stellt, und die Wochenschau rechtzeitig das Licht der virtuellen Welt erblicke. Ob die ARD mit Stanley Kubrick wirklich das 50-Jährige des Deutschen Fernsehens feiern will, das zumindest offiziell und staatstragend (auf welcher Seite auch immer) in Deutschland und andere Geschichte wie üblich vergessend pünktlich zum Geburtstag eines gewissen Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili startete? Nein, nicht als ARD begann es, schon gar nicht als ZDF, das dereinst einmal Adenauers Staatsfernsehen werden sollte, sondern als Deutscher Fernsehfunk, später als Fernsehen der DDR bekannt geworden, und noch später dann, wieder als DFF, abgewickelt. So ist auch das Fernsehen Illustration dessen, was Honeckers Satz "Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf" wohl wirklich hieß. Dass aber die ARD dieses mit Stanley Kubrick feiert, dies wiederum halte ich für ein Versehen der Programmverantwortlichen. Zu so viel immanenter Medienkritik ist keiner der TV-Sender fähig, seien sie nun öffentlich-rechtlich, privat oder ehemals realsozialistisch. Aber alles wird gut.

Genau: Denn wenn die letzte Gans gebraten, wenn der letzte Wein geöffnet ist, so werden wir alle wissen, dass es keine einfachen Wahrheiten gibt. Nur für die Computerfetischisten einer Gruppe, die sich Chaos Computer Club nennt, gilt das nicht. Sie ziehen sich nach Berlin zu einer Veranstaltung zurück, die als "Congress" mit dem Titel Out of Order firmiert, diesmal mit Pentagon-Logo. Im Vorfeld dieser Tagung hat der hauptberufliche Sprecher der Gruppe computerisierte Kontrolltechniken als Reichstagsbrand-ähnliche[n] Verordnungen bezeichnet. Der schicke Verweis mag als Provokation gedacht sein, doch in den damals erlassenen Verordnungen steckt mehr, als alle industriellen Absprachen zu TCPA enthalten können. Über das Trusted Computing lässt sich in aller Öffentlichkeit diskutieren, über den Reichtagsbrand ist man noch heute befangen. Anders beschrieben: Nach dem Reichstagsbrand musste Hans Coppi in den Untergrund, nach seinem Ausflug in die deutsche Geschichte wird Andy Müller-Maguhn weiter Regierung und Opposition beraten können. Und natürlich vom CCC bis zur ICANN den digitale Gutmenschen ausstellen. Alles wird gut?

Die Frage stellte im Jahre 1995 der amerikanische Journalist Otto Friedrich kurz vor seinem Tode etwas anders; er wollte wissen, was in der Erinnerung an die Vergangenheit bleiben wird und wichtiger sein wird, Einstein oder Goebbels. Friedrich hoffte auf Einstein und schrieb in seinem Buch "Morgen ist Weltuntergang" dennoch über Goebbels. Am nächsten Freitag wird man sich kaum an den kauzigen Journalisten Friedrich erinnern, dessen diktierte Geschichte am 27. 12. 1982 im Time Magazine den Computer als Man of the Year feierte. Erinnern wir uns: 1982 war das Jahr, in dem Israel unter Menachem Begim den Libanon verwüstete, in dem Großbritannien unter Margaret Thatcher die Falkland-Inseln eroberte. Im Jahr mit der damals höchsten Arbeitslosenrate in allen Industrienationen gewann der Computer. Friedrichs Lob auf den Computer endete mit einem Zitat von Adam Osborne, dem größten indischen Computerpionier: "Die Zukunft liegt darin, Computer zu konstruieren und zu verkaufen, bei denen die Leute nicht merken, dass es Computer sind." Es wird wohl noch etwas dauern, bis alles gut wird.

Aber, wie gesagt. Frohes Fest! Das wünscht möglicherweise nicht nur ... (Hal Faber) / (jk)