heise meets… Wie Konkurrenz und Kooperation zu Wirtschaftswachstum führen
Deutschland Digital ist biederes Mittelfeld, das Buch "Digitaler Doppelpass – Wie Konkurrenz und Kooperation zu Wirtschaftswachstum führen", sagt wo und warum.
Frank Riemensperger, Geschäftsführer 440.Digital und Mitglied des Präsidiums der acatec, und Svenja Falk, Managing Direktor Accenture Research, widmen ihr drittes Buch dem Ansinnen, die Digitalisierung ernster zu nehmen und Chancen durch Kooperationen, Zusammenarbeit mit Konkurrenten und mehr Mut für Entscheidungen voranzutreiben. In traditionellen Unternehmen sind die Akteure klar vorgegeben, in der digitalen Schnittstelle durch die Kombination aus Produkt und Daten entstehen neue Fähigkeiten. Diese sind so breit gestreut, dass es ökonomisch wenig Sinn bringt, alles allein zu machen.
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"Kultur des Bewahrens"
Die Welt verändert sich, bereits jetzt sind langfristige Trends wie etwa Nachhaltigkeit, Fachkräfte- und Mitarbeitermangel, Lieferkettenprobleme, Kriege, Inflation und Rezession aktuelle Herausforderungen. Auf Unternehmen kommt alles gleichzeitig zu, hier muss die Digitalisierung elementarer Baustein für die Wettbewerbsfähigkeit sein. Bereits jetzt hat eine Studie des VDMA (Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau) gezeigt, dass China von 28 Subindustrien bei 18 die Nase vorn hat. Deutschland bleibt nur die Rolle des biederen Mittelfelds. Zudem nimmt das Wirtschaftswachstum in Deutschland in den vergangenen 13 Jahren kontinuierlich ab.
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"Im Vergleich zu den USA und China leben wir in einer Kultur des Bewahrens. Wir schöpfen unsere Chancen und Werte in Unternehmen und der Gesellschaft nicht vollständig aus", bedauert Frank Riemensperger. Auch unsere Rahmenbedingungen in Deutschland sind auf die Bewahrung des Bestands ausgerichtet. Schaut man beispielsweise nach Dänemark, sieht es hier ganz anders aus. Dänemark ist ein Land des Vertrauens.
Erfolgsmodell "Made in Germany"
Unser Erfolgsmodell "Made in Germany" wird angegriffen, wir müssen einen neuen Platz finden. Dabei sollten wir auf unserem guten Ingenieurswissen aufbauen und dieses Wissen in den digitalen Betrieb bringen. Warum nicht komplett digital denken und neue Geschäftsmodelle entwickeln? "Ein gutes Beispiel dafür ist Tesla. Tesla hat bald so viel Wert wie alle seine Mitspieler. Wir müssen unsere Stärken stärken. Die Ingenieurskunst wird uns niemand absprechen", ist sich Frank Riemensperger sicher. Dabei müssen wir aber lieb gewonnene Prozesse hinterfragen.
"Kill your Darlings" – raus aus den Silos, die gegebenenfalls auch gegeneinander arbeiten, dadurch sind oftmals Synergien verhindert worden. Interne Kommunikationswege und Führungskultur müssen hinterfragt werden. Die Frage müsse sein, wo die Potenziale im Unternehmen sind, erläutert Svenja Falk.
Kooperationen und Konkurrenz
"Teilen schafft neue Werte", erklärt Frank Riemensperger. Ein anschauliches Beispiel für ein digitales Ökosystem ist der Landmaschinen-Hersteller Claas. Mit seinem Produkt "365 FarmNet" löst Claas Kundenprobleme, in dem Wettbewerber mit ins Ökosystem aufgenommen werden. Bei allen Entscheidungen steht der Bauer im Mittelpunkt. Dieser Pragmatismus fehle uns oftmals, so Riemensperger. Im Zuge der Buchrecherche wurden unzählige Interviews geführt. "Alle Unternehmen beschäftigen sich mit einer datenbasierten Unternehmensüberprüfung. Die Frage ist, wie bereit bin ich als Unternehmen, mich zu öffnen und den Wettbewerb in die "Herzkammer" meines Unternehmens reinschauen zu lassen? Viele Unternehmen experimentieren heute bereits", erklärt Svenja Falk.
Bei einigen Unternehmen bilden sich vertikale Ökosysteme ab. Es stellt sich so dar, dass ein großer Integrator die Plattform für andere öffnet. Beispielunternehmen sind etwa SAP, Zalando, HEAR oder Auto 1 – leider gehen in Deutschland immer noch viel zu wenige Unternehmen diesen Weg. Ein anderer Weg sind horizontale Ökosysteme. Hier gibt es keinen Orchestrator, ein Beispiel für diese Form der Zusammenarbeit ist "Catena-X" aus der Autoindustrie. Wie sich diese Form der Zusammenarbeit entwickelt, muss weiter beobachtet werden.
Veränderte Rolle von Führung
Das Leben und Arbeiten in komplexen Zeiten ist die Sternstunde der Führung. Führungskräfte müssen Entscheidungen treffen, ohne alle Folgen absehen zu können. Dabei müssen sie den Mut haben, ohne die bekannten Sicherheiten, zu entscheiden. "Neue Geschäftsmodelle entstehen nie in kritischen Zeiten. Hier müssen wir in der Lage sein, bestehende Geschäftsmodelle schnell auf die aktuelle Situation zuzuschneiden und mit neuen Leistungspartnern anzureichern. Für neue Geschäftsmodelle sind Dekaden erforderlich", sagt Frank Riemensperger.
Führungskulturen fangen beim Menschen an, dabei müssen zum Beispiel interne Silos adressiert werden. Zudem kommt auf Unternehmen die stärkste Rolle bei der Ausbildung von Mitarbeitenden zu. Die Veränderung der Arbeitswelt wird so Speed aufnehmen, da Institutionen das nicht allein leisten können.
Web 3.0, das Metaversum und die Rolle des Staates
"Das Internet ist 30 Jahre alt und eine riesige zentrale Plattform, die in den Händen einiger großer Konzerne liegt. Wenn diese entscheiden, dass mein Profil gelöscht wird, habe ich keine digitale Identität mehr. Mit Web 3.0 haben wir die Chance, das Internet wieder dezentraler zu denken und jeder bekommt seine eigene persönliche Identität, die nicht zentral gehostet wird", erläutert Frank Riemensperger. Im industriellen Metaversum ist es vergleichbar: Ich kann von jeder Produktionsstätte und jeder Maschine einen digitalen Zwilling erstellen, damit simulieren und bessere Wertschöpfungsketten konstruieren.
"Der Staat ist ein wichtiger Orchestrator, der aber auch selbst umsetzen muss, was er der Industrie predigt. Der Staat muss endlich, in die "Pötte" kommen und die eigene Digitalisierung mit mehr Leidenschaft vorantreiben", so Svenja Falk. "Der Staat muss zum Leitanwender werden. Zudem kann er seine eigenen Ausfälle beim demografischen Wandel nur durch eine schnelle Digitalisierung ausgleichen", so Frank Riemensperger.
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(bme)