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Was war. Was wird.

Revolutionen hin, Freiheitsstatuen her: Wo Würmer toben, schüttet wohl der Internet-Spießer sein Wunderhorn aus. Hal Faber erfreut sich derweil an Orchestern, die Befreiungsmusik spielen.

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Von
  • Hal Faber

Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.

Was war.

*** Es hilft nichts. Dieser Wochenrückblick beginnt mit einer kleinen Enttäuschung: Kevin Mitnick kam auf seinem ersten, vom Fernsehen übertragenen Cyber-Ausflug nicht bei Heise vorbei. Wie sein Log enthüllt, besuchte er die Freundin, dann die Triggerstreet, wo er als beratender Cheftechniker arbeitet. Selbst für Segway interessierte sich die Hackerlegende, doch sonst hielt er sich artig an die Vorgaben seines Verteidigungsministers. Wir sind halt das alte Europa. Ancien Europe, und der Osten gewinnt an Gewicht. Tja, Christus kam auch nur bis Potsdam, vom Osten her gesehen, da können Deutsche und Franzosen noch so viel gemeinsam feiern und eine gemeinsame Kultur verkünden.

*** Vielleicht ist alles nur eine Frage der Werbung. Mit dem richtigen Slogan wird Heise sicherlich in der Welt bekannt werden. Andere haben es da schwieriger. Nehmen wir einmal die Geld scheffelnde Firma Hewlett-Packard. In Davos verteilte sie beim World Economic Forum den Davos Companion, einen mit allen Adressen und Terminen gefütterten Organizer für E-Mail und den digitalen Chat. Im ersten Webcast von Davos rätselten die Podiumsteilnehmer, immerhin Top-Analysten großer Bank- und Beratungshäuser, wie sie die Dinger in Betrieb nehmen und konfigurieren können. Der Clou: Nach der Konferenz will Hewlett-Packard den Delegierten die Rechner wegnehmen und sie "an viel versprechende Unternehmer in Ländern der Dritten Welt stiften." Wie man das halt mit getragenen Klamotten macht. Ist das schon Biopiraterie, wie sie Oskar Lafontaine in der parallel stattfindenden Gegenkonferenz The Public Eye on Davos definierte, oder ist es nur der alltägliche Computer-Fetischismus?

*** Neulich, als das Jahr anfing, warteten wir auf Godot. Gekommen ist dafür Godo, wie die Virenjäger von Sophos einen Zeitgenossen nennen, der für die Verbreitung von drei Würmern 2 Jahre Haft kassierte. Über Godot ohne t heißt es in der Pressemeldung von Sophos: "Viren-Autoren sind nicht wie weithin angenommen Spießer und Streber, sondern echte Kriminelle." Ein Urteil, das zu denken gibt: Wenn Virenautoren Spießer und Streber sind, sind Virenjäger libertäre Geister und diejenigen, die an vorderster Front gegen unsichere Computer antreten, ob Windows, ob Linux, sie sind am Ende gar Revolutionäre. Obwohl: Bei all dem Unsinn, der sich so anfindet, ist es fast schon eine Freude, wenn ob all der Spießer und Streber ab und zu mal das Internet lahmt.

*** Revolutionen aber beginnen meistens unten oder mindestens in einer Ecke, die nicht im Visier der Herrschenden liegen. Zumindest in dieser Hinsicht ist Houston als Location schon einmal gar nicht so schlecht gewählt. Bei den randständigen Ereignissen bleibt freilich die Frage offen, ob mit Simdesk nicht die beliebte Variante gewählt wurde, bei der Revolutionen in einer veritablen Vetternwirtschaft vorgeblicher Revolutionäre enden. In jedem Falle bleibt die erstaunliche Geschichte übrig, wie schlecht Microsoft bei der Zählung der eigenen Lizenzen wirklich ist. Wird hier am Ende ein ganz anderes Motiv für die Programmierung von Palladium sichtbar? Gott der Herr hat sie gezählet -- wobei Gott selbst nicht die Geduld hat, ein Microsoft-Produkt zu debuggen.

*** Manchmal sind Revolution und Niederlage, Ursache und Wirkung schwer zu trennen. Nehmen wir nur das aktuelle Beispiel von Paybox. Da stellt eine Firma ihr eigentliches Geschäft ein, obwohl sie doch von einem knallharten ehemaligen Rugby-Kapitän geführt wurde, der bisher eigentlich nur gegen den deutschen Katholiken-Tag eine kleine, eine halbe Niederlage einstecken musste. Angeblich fiel man über eine Bank. Das eigentliche Aus für Paybox kam zwei Tage früher, als Paycircle seine Referenz-Implementation für das mobile Zahlen vorstellte. Es soll Ende Februar in Cannes auf dem Kongress der Mobilfunker von allen Betreibern abgesegnet werden, damit in der schönen neuen UMTS-Welt der Rubel rollen kann. Ruft jemand Fetisch?

*** Revolutionen aber haben so ihre eigene Geschichte, und das alte Europa -- damals sich ganz jugendlich und radikal gebärend -- war eng verbunden mit der neuen Welt gegen die britischen Kolonialherrscher. So eng verbunden, dass später sogar noch eine Freiheitsstatue für New York abfiel. Dass das alte Europa nun ein Problem darstelle, mag mancher kalte Krieger -- ahistorisch und ohne rechten Gegner, wie kalte Krieger heute nunmal sind -- so sehen. Die wohlfeile Aufregung all der aufrechten Europäer dient dagegen lediglich dem Prototypenbau: Schließlich taugt ein Donald Rumsfeld gut zum Urbild des hässlichen Amerikaners, der so ein schönes Feindbild für den alltäglichen Anti-Amerikanismus abgibt. Ein anderer Amerikaner mag nicht nur mit seinem Liberation Music Orchestra den Sound liefern, zu dem auch die Freiheitsstatue lieber das Tanzen lernt als zu all dem schrillen Gekeife und all dem Marschlärm.

*** Unter den vielen Jubiläen, die am 26. Januar gefeiert werden könnten, ist der Nationalfeiertag von Australien sicherlich der vornehmste. Die Australier sind ein lockeres Völkchen, das sich zum Feiertag das Schmankerl gönnt, einen ursprünglich auf sechs Monate angelegten Feldversuch zu einem biometrischen Passsystem drastisch abzukürzen und durch einen "live trial" für alle zu ersetzen. Damit distanzieren sie sich wieder einmal vom ungeliebten Mutterland, in dem Biometrie allein dem Schutz der Armen dient. Weil der 26. Januar ein Sonntag ist, machen die Australier den 27. blau, wie es sich für einen Montag gehört. Darin unterscheiden sich die Australier von den Deutschen: Bei uns ist der 27. Januar seit 1996 ein nationaler Gedenktag von hohem Rang, an dem wir arbeitend die Befreiung der Insassen des Lagers Auschwitz durch die Rote Armee begehen. Noch immer ist übrigens unklar, welches IBM-Material dabei ebenfalls befreit wurde.

*** Ein anderer Geburtstag erfährt eine ungeahnte Aktualität: Heute wird Robert Cailliau 55 Jahre alt. Auch wenn der Forscher niemals als WWW-Vater gefeiert wird, so ist seine Unterstützung von Tim Berners-Lee als CERN-Manager für die Entwicklung des World Wide Web alles andere als unwesentlich zu nennen. Nach 25 Jahren beim CERN ist Caillou häufig mit der Presse und dem Web beschäftigt, dabei immer freundlich gestimmt. So werden wir nie erfahren, was ein Enthusiast der ersten Stunde denkt, wenn er liest, zu welchem Unsinn die Musikbranche fähig ist. "Machen wir uns nichts vor: Die Kommunen wissen, dass ein Großteil der Nachfrage nach Straßen nur auf Grund der Verfügbarkeit von Automobilen entsteht. Es wird an der Zeit, eine gewisse Verantwortung zu übernehmen." Zweifelsfrei muss diese Gesellschaft mehdornisiert werden.

*** Wir stehen kurz vor dem sportlichen Höhepunkt des jungen Jahres. Unsportlich wie ich bin, fällt es mir schwer, mich zwischen Tennis in Australien, Wüstenlauf im Irak oder dem Superbowl in den USA zu entscheiden, ein entfernter Verwandter des paygeboxten Rugby. Gut möglich, dass die Kombination den Sieg davon trägt. Das ist sicher nicht der Stil des alten Europa, aber dafür schwer amerikanisch, beseitigt es doch alle Zeitprobleme. Wir Europäer sollten das akzeptieren und nicht kleinlich auf Kultur beharren. "Wenn ich das Wort Kultur höre, greife ich zu meinem Scheckheft", heißt es schon bei Godard in Le Mépris, freilich in Anlehnung an den Schlageter von Hans Johst. Der hier gleich nach Steve Jobs kommt. Amerika wird gehasst, selbst von Puppen. Dabei ist nur ein kleines Dankeschön alles, was es will.

Was wird.

Meine Inbox rappelt, als würde landauf, landab zu Demonstrationen gegen die Operation Sturmwüste aufgerufen. Dabei ist es nur die CeBIT, die die PR-Maschinen zu Hochtouren antreibt. Eine Woche voller Pressekonferenzen zur Messe will gemeistert werden und alle, alle sind sie originell. Bei Microsoft "steht der Kunde im Mittelpunkt", bei Fujitsu-Siemens lautet das Motto "Reduce Complexity -- Create Value" und Cisco will "Netzwerktechnik hautnah erlebbar" machen. Wer hätte das gedacht? Wo so laut getrommelt wird, ist es nachgerade erholsam, wenn virtuelle Menschen vorgestellt werden. Am Mittwoch startet in Darmstadt das Projekt Virtual Human, bei dem das BMBF 7 Millionen Euro auf den Tisch blättert, damit anthropomorphe Interaktionsagenten endlich mal etwas flotter einherkommen. Früher, in der New Economy, da hießen diese Agenten einfach nur im besten indisch Avatare. Früher schrieb man dann solche herrlich abgedrehten Sachen:

"Der Anzug, den ICH online kaufe, passt perfekt. Auf die neuen Exponate des Guggenheim Museum fällt MEIN Schatten, ICH bin im Guggenheim, ICH sehe durch meine Augen. Vorhin habe ICH ein neues Auto bestellt. Aber erst nachdem ICH darin Platz genommen hatte und die notwendigen Anpassungen vornehmen ließ, damit es jetzt wie für mich gemacht ist."

Heute ist man natürlich pleite, genau wie das Guggenheim in New York, und lässt sein virtuelles Ich lieber an der Universität alimentieren, die mit dem Projekt "neue Erlebniswelten virtueller Kaufhäuser" eröffnen will. Wer die Einladung zum festlichen Auftakt des BMBF-Forschungsprojektes studiert, kommt nicht umhin, nach der Realität zu schielen. Wahrscheinlich hilft nur ein wirklich blutiger Krimi mit dem nötigen Lokalkolorit. Vielleicht sollte ich selbst unter die Literaten gehen: Aber überall lägen dann gemeuchelte Startups und röchelnde Bobos herum. Das mag eine aparte Vorstellung sein, auch wenn es nur Kunst ist. Die Realität jedoch ist ohnehin härter.

Spielen Krimis nicht nur in Münster oder München, sondern auch in Bochum? Dort wird, natürlich beiben wir an der Universität, zum Ende der Woche hin ein neues Institut eingeweiht. Im tiefsten Ruhrpott, wo sonst nur Eier fliegen, startet am Donnerstag mit Vorträgen von Phil Zimmermann und David Chaum das Horst Görtz Institut für Sicherheit in der Informationstechnik zu einem Höhenflug, der Deutschland sicher machen soll. Angesichts des Schneckentempos, in dem sich diese Wochenschau dank eines Würmchens schreiben ließ, sollte die Sicherheit in der Informationstechnik langsam wirklich etwas besser werden, nicht nur in Deutschland. (Hal Faber) / (jk)