Die fĂĽnfte Jahreszeit im Internet

Im Netz veröffentlichen die Zünfte ihre Termine, die einschlägigen Foren sind gut besucht, und eingefleischte Fastnachts-Fans chatten live miteinander. Auch die nötige Ausstattung ist hier zu haben.

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Von
  • Jeannette Villachica
  • dpa

Ob Hexe oder Jeck -- bis Aschermittwoch (dieses Jahr am 5. März) wird Fastnacht gefeiert, in welcher regionalen Ausprägung auch immer. Das macht sich auch im Internet bemerkbar: Im Netz veröffentlichen die Zünfte ihre Termine, die einschlägigen Foren sind gut besucht, und eingefleischte Fastnachts-Fans chatten live miteinander. Auch die nötige Ausstattung ist hier zu haben: Kostüme, Maske und Deko-Artikel lassen sich online bestellen. Außerdem gibt es Informationen zu den Bräuchen, Rezepte für Fastnachtsküchle, Party-Termine und eine Live-Übertragung des Rosenmontagszugs in Köln.

Jürgen Schlien aus Villingen-Schwenningen (Baden-Württemberg) begeistert sich schon lange für die schwäbisch-alemannische Fasnet. Unwissende, die diese als Karneval bezeichnen, weist er zurecht: "Mit Herumhüpfen haben wir nichts am Hut." Die Fasnet ist eine ernste Angelegenheit, das zeigen auch die traditionellen, teils Furcht einflößenden Masken und Kostüme der Region, "Häser" genannt. Einige sind auf Schliens Webauftritt zu sehen. Dort wird auch erklärt, wie so eine Maske entsteht.

Wer oder was ist das "Überlinger Hänsele"? Welche Bedeutung haben einzelne Narrenattribute? Und wie entstand die Fasnet? Der Beantwortung solcher Fragen haben sich die Macher von narren-spiegel.de verschrieben. Während heute im rheinischen Karneval ausgelassene Fröhlichkeit herrscht, sei in der Fasnet noch der ernste Ursprung der Fastnacht zu spüren, heißt es dort.

"Die Fastnacht bezeichnet die Nacht vor Aschermittwoch und damit den Beginn der Fastenzeit", sagt Franz Wolf, Präsident des Bundes Deutscher Karneval (BDK) mit Sitz in Köln. "Sie wurde von der katholischen Kirche etabliert, Luther verbot sie dagegen." Daher werde die Fastnacht vorwiegend in katholischen Gegenden gefeiert.

Dem Präsidenten zufolge verschwimmen die Grenzen jedoch zunehmend -- auch was die Bezeichnungen betreffe. "Im Prinzip spricht man im Schwarzwald und Bodenseeraum von Fasnet", erklärt Wolf. "Nördlich der Main-Linie von Karneval, in Rheinland-Pfalz und Franken von Fasnacht oder Fastnacht und vor allem in Ost- und Oberbayern von Fasching."

Im Bund Deutscher Karneval sind laut Wolf rund 2,7 Millionen Mitglieder in 4600 Vereinen organisiert, mit steigender Tendenz. "Für die Verbände und Vereine ist es vor allem wichtig, ihre Adressen und Termine schnell und einfach veröffentlichen zu können", sagt Volker Wagner, Internetbeauftragter beim BDK. Das sei auch die Hauptfunktion des Internet-Auftritts.

Lies Schumandl lebt seit 25 Jahren in Köln. Ursprünglich kommt sie aus Heidenheim auf der Schwäbischen Alb, wo Fasching vor allem in Clubs oder Sportvereinen gefeiert werde, erzählt sie. "Am Rosenmontag gab es die obligatorischen Luftschlangen auf den Tisch, das war's." In Köln sei sie anfangs vor dem Karneval geflohen, der Trubel sei ihr "aufgesetzt" vorgekommen. Seit zehn Jahren feiert sie aber mit.

Den Kölner Rosenmontagsumzug sieht Schumandl sich höchstens im Fernsehen an. "Zu viel Gedrängel", findet sie. Wer auch so denkt, kann den Umzug live beim WDR verfolgen. Der Westdeutsche Rundfunk überträgt rund 20 Fernseh- und Radiosendungen zum Karneval im Netz. "Vergangenes Jahr herrschte großer Andrang. Auch unsere Flirtbörse für die tollen Tage war sehr beliebt", sagt WDR-Sprecherin Veronika Nowak. "Dort können sich Menschen wiederfinden, die sich während des Karnevals getroffen und dann aus den Augen verloren haben."

Unter karneval.de lassen sich Karnevals-Grußkarten verschicken, zudem werden die Geschichte des Kölner Karnevals und regionale Karnevalsbegriffe wie "Bütt" oder "Kölle Alaaf" erklärt. Bei einem Karnevalsspiel geht es darum, Kölschgläsern auszuweichen und Krawatten abzuschneiden. Auf den offiziellen Seiten des Kölner Karnevals gibt es auch eine Kartentauschbörse für Sitzungen und Bälle in und um Köln.

Wer Veranstaltungen zur Fastnacht in seiner Umgebung sucht, sollte sich am besten auf den Seiten der örtlichen Zünfte, Gesellschaften, Gilden, Vereine und sonstigen Organisationen umsehen. Die Münchner Gesellschaft Narrhalla zum Beispiel weist auf ihre Bälle und Galas hin. Zudem kann der Aufnahmeantrag heruntergeladen werden, und das Präsidium sowie das aktuelle Prinzenpaar werden vorstellt.

Seine Tollität Prinz Stephan I. aus Oberschleißheim heißt im richtigen Leben Stephan Hartmann und sieht sich gerne auf Webseiten befreundeter Vereine um. Er liebt vor allem die Vereinsarbeit und feiert nicht nur Fasching. Der Beginn der Fastenzeit wird in München, wie in vielen anderen Gegenden Deutschlands, am Aschermittwoch mit einem Heringsessen begangen. Für die Zeit vor und während des Fastens gibt es im Internet auch alte schwäbische Rezepte, zum Beispiel Fastnachtsküchle.

Unter Pierros.de, dem nach eigenen Angaben größten Online-Shop für Fastnachtsartikel in Europa, kosten die meisten Kostüme zwischen 20 und 40 Euro. "Kein Vergleich zu einem Häs", sagt Jürgen Schlien. "Dafür kann man zwischen 800 und 4000 Euro hinlegen." Als aktiver Fasnet-Fan bietet Schlien auf seiner Website bis einschließlich 26. Februar jeden Mittwoch ab 20 Uhr einen Live-Chat an. "Häufige Themen sind die Missachtung des Brauchtums", sagt Schlien, "und die Frage, ob die Fasnet trotz drohenden Irak-Kriegs stattfinden soll." (Jeannette Villachica, dpa) / (anw)