Was war. Was wird.
Können 500.000, 1 Million, 1,5 Millionen nicht irren? Vielleicht. Dann müssen wir aber auch mit quäkenden Huschen leben, meint Hal Faber.
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war.
*** Schmerzlos zog der Valentinstag an uns vorüber. Anstelle der gefürchteten Viren kroch ein Kettenbrief durch die Netze, in dem um einen Abstimmungseuro gebettelt wurde. Die Aktion "Deutschland sagt ja zu Craig Shergold" beweist einmal mehr, dass die Guten nicht immer zu guten Mitteln greifen, das Böse zu verhindern. Aber wo ist das Böse, bei dem die TAZ zu großen roten Lettern und Verbrecherfotos greift: Haltet sie auf! Sammelt sie alle! Ist das Böse etwa Kim Jong-Il von der Achse des Bösen, der heute seinen Geburtstag feiert? Jedenfalls den offiziellen Geburtstag, den der Wahrheit der Partei entsprechenden. Glaubt man den richtigen Korea-Fans, so strahlt das Gute wie der Regenbogen, der zur Geburt vom großen Kim den Himmel erleuchtete.
*** Nein, das Böse sitzt im Irak und dort ist es nach den Worten vom stellvertetenden US-Verteidigungsminister Paul Wolfowitz so tückisch auf fahrbaren Labors platziert, so hundsgemein auf Traktoranhängern unterwegs oder in zahlreichen Garagen geparkt, dass es von den Waffeninspektoren nicht gefunden werden kann. Die Lösung muss also flächendeckend ausfallen: Da müssen die Schwerter zu den Pflugscharen eilen und die tückische Landtechnik demolieren. Missiles auf Trecker und Garagen sind nur logisch, denn ist nicht Irak schon immer eine Wüste voller Öl gewesen? Agrartechnisch gesprochen ist die Sache also einfach. Wer die Nadel im Heuhaufen nicht findet, muss ihn halt anzünden.
*** Aus gegebenem Anlass liegt daher das Jubiläum dieser Sonntagsschau genau 105 Jahre und ein Tag zurück und wurde gestern von zahlreichen Demonstrationen in aller Welt verurteilt. Am 15. Februar 1898 flog im Hafen von Havanna die U.S.S. Maine in die Luft. Aus dieser Explosion entwickelte sich der spanisch-amerikanische Krieg, ein Buschkrieg der besonderen Art, mit dem die Vereinigten Staaten ihre Phase des Kolonialismus nachholten. Historisch ist dieser Krieg bedeutsam, weil erstmals Filmkameras mit dabei waren, einen "sauberen, schnellen Schnitt" abzulichten. Auch mag es stimmen, dass dieser Krieg vom Zaun gebrochen wurde, damit William Randolph Hearst die Auflagen seiner Blätter steigern konnte, wie etwa Orson Welles in Citizen Kane behauptet. Die Formel, nach der Bush und Blair losschlagen wollen, ist ganz im Sinne eines Hearst, der die Ermordung von feindlich gesinnten Staatsoberhäuptern empfahl.
*** Nun, dieser Empfehlung wollen manche Leute nicht so recht folgen. 500.000 in Berlin, 1 Million in London, 1,5 Millionen in Rom -- die Zahlen schwanken noch, aber viele waren's schon. Das und die dicke Lippe, die manche Mitglieder der gegenwärtigen US-Regierung riskieren, mögen Anlass zu einer notwendigen Anmerkung sein. Ich kann den Ärger nicht ganz verhehlen, dass bei vielen Parolen, die so manches Mal die Grenze zum Anti-Amerikanismus allzu leichten Fußes überschreiten, eine gewisse Vergesslichkeit zum Ausdruck kommt. Man sollte dagegen doch immer wieder festhalten, dass der Anlass des Ganzen ein tyrannischer Despot ist, der die Kurden seines Landes unter Giftgas setzte, im wörtlichen Sinne verbrannte Erde bei der Räumung eines besetzten Landes hinterließ und Atomwaffen entwickelte. Darüber sollte auch nicht hinwegtäuschen, dass Saddam Hussein eine sehr vordergründige Begründung für die Fraktion der amerikanischen Konservativen liefert, die eine Neudefinition der außenpolitischen Agenda der USA anstrebt und für die Rumsfeld und Powell bei allen taktischen Unterschieden als Aushängeschilder fungieren.
*** Trotz alledem und alledem, wir glauben an Amerika, da beißen auch die üblichen Verdächtigen von Reinhard Mey über Konstantin Wecker bis Hannes Wader keinen Faden dran ab. Das herrliche Land und seine Technik faszinieren uns immer wieder. So stark und schön, dass die aktuelle Nummer der Computer Easy als Wege zum perfekten Windows die "Raketen-Methode" empfiehlt, mit einem startenden Space-Shuttle illustriert. Man mag mit der Methode vielleicht Windows blitzschnell absturzsicher machen, doch bleibt die Frage, ob die Raketen-Methode die richtige ist. Beim Shuttle haben die Amerikaner jedenfalls der Kuba-Methode den Vorzug vor der Mac-Methode gegeben. Wobei die Mac-Methoden manchmal besonders tricky sind. Man denke nur an Steve Jobs, der für einen Dollar bei Apple arbeitet, aber gut an der Vermietung des geschenkten Fluggerätes verdient.
*** Ein Ja zu Amerika ist auch ein Ja zu Microsoft. Bill Gates ist in allen Gegenden der Welt ein leuchtendes Vorbild für aufgeweckte Kinder. Die Entscheidung seiner Firma, die Schnittstellen von .NET zu patentieren, zeugt davon, dass Kritiker richtig liegen, die sich mehr Offenheit von Microsoft erhofften. Mit den entsprechenden Lizenzen ist eine Kontrolle möglich, die man den Waffeninspektoren aufs Brot schmieren sollte. Mit welcher EULA werden überhaupt Waffen verkauft?
*** Im Dezember lästerte ich an dieser Stelle über den Dude, der Microsoft um einige Millionen Dollar erleichterte. Nun ist Daniel Feussner tot. Unter noch ungeklärten Umständen streikten offensichtlich mehrere Organe. Der junge Bayer, in die Ferne gezogen, um als Leiter der Suchmaschinen-Technologie bei Microsoft gewissermaßen die Karriere eines anderen bayerischen Superstars nachzubilden, wurde offensichtlich Opfer der miserabelsten aller Dot.com-Lügen, dass alles schnurzpiepegal, dot con ist. Auf Veranstaltungen der Rotarier ließ er sich als Erfinder von AltaVista feiern. Die Eintragungen, die einzig ausgerechnet Google im Archiv speichert, sollen ihn zutiefst verstört haben. Bobo klingt lustig, doch die Symptome können tödlich sein.
*** "Im Kino gewesen. Geweint." Tout Berlin und das gesamte Feuilleton scheint sich angesichts der diesjährigen Berlinale auf Kafka zu besinnen. Dabei gibt es nichts zu weinen: Voller Vorfreude vertreiben wir uns mit "Goodbye Lenin" die Zeit, bis "Gangs of New York" endlich anläuft. Womit wir wieder bei Amerika wären: Einer Stadt, die weder die Bandenkriege im Hexenkessel Five Points noch Flugzeuge, die in Hochhäuser rasen, ans Ende bringen, verzeiht man auch seltsame Gesetze und komische Politiker.
*** Ins TV gesehen. Geweint. Das aber dann schon eher mit Grund: All diese Retorten-Jünglinge und -Mädchen, die die Plattenbranche bei der Verleihung des Musikpreises Echo auffuhr, lassen kaum eine andere Reaktion zu. Die große Langeweile treibt die RTL-Superstars, die sich Backstage schon einmal ihre Zukunft ansehen, auf die Spitze. Dass die nervende Husche Küblböck noch diesen seltsamen Wettbewerb gewinnen könnte, weil das Publikum intelligenter ist als Kandidaten, Jury und Veranstalter, zeigt die Absurdität einer Branche, die die Sonderkonjunktur nach Einführung der CD fett und träge gemacht hat: Wenn es schon nix zu hören gibt, weil der Einheitsbrei der Majors nur noch als Hintergrundrauschen dienlich ist, will man wenigstens was zu lachen haben -- oder sich so richtig ärgern können, je nach Gusto. "Ich danke all den lieben Leuten, die meine Platten kaufen", meinte Nena, die wohl deswegen, weil sich die Branche nichts Neues mehr traute, im vergangenen Jahr für die meisten verkauften Platten einer deutschen Musikerin ausgezeichnet wurde. Die Musikbranche also als mitleidheischende Almosenveranstaltung? Da ist es fast schon ein Lichtblick, wenn die Quäke Grönemeyer einen Preis bekommt.
*** Die Nachrichten gelesen. Erschrocken. Ja, das geht noch. Im Ärmelkanal beginnt das Öl aus einem Schiff zu gluckern. Die Ölpest, die von der "Prestige" kommt, nimmt immer größere Ausmaße an. Heute vor 25 Jahren strandete die Amoco Cadiz vor der französischen Küste und sorgte mit 223.000 Tonnen für die bis dato größte Ölpest, die -- so der Schwur im jahre 1978 -- sich nie wieder wiederholen sollte. Geht es nach den USA, kämpft der freie Westen bald im Irak um sein Recht auf Ölverschmutzung im großen Stil. Im Berg der Geschehnisse, die an einem 16. Februar passiert sind, ist der 16.2.600 vielleicht etwas abartig. An diesem Tag verordnete Papst Gregor der Große, dass auf ein Niesen Gottes Segen erteilt werden sollte. Die Welt niest heuer gottlos, Risiken und Nebenwirkungen inbegriffen.
*** TschĂĽss, Dolly, altes Haus.
Was wird.
Mehr als eine Woche lang beschäftigt sich in Genf eine Konferenz mit der Vorbereitung einer Konferenz, die "das Internet in das Bewusstsein der Menschheit einschreiben" möchte. Sind wir auf der Zielgeraden zur Weltgemeinschaft? Bei solch aufwendiger Vorbereitung in sechs Sprachen ist das Internet ein Panier der Freiheit. Anderswo ist es der Tatort Internet.
Sicher, sie ist noch ein bisschen hin, die Leitmesse der Industrie im idyllischen Hannover. Dennoch sorgt die CeBIT schon für Schlagzeilen wie der vom messeeigenen WLAN, das bis in die Stratosphäre reicht, preislich gesehen. Wo bleibt da das Positive und wie heißt es? Einfach nur "Update", wie das originelle Messemotto? Die Messeleitung weiß es und schwärmt: "Helen heißt die junge Dame, die im sympathischen Business-Look vor einem virtuellen CeBIT-Studio-Hintergrund agiert, und die auch von Ausstellern für Werbespots gebucht werden kann. Der Charakter wurde gemeinsam mit der TEVOX GmbH, Köln, entwickelt, die vor allem durch ihre Inszenierung des Satiremagazins 'Hurra Deutschland' bekannt geworden ist. Die Bewegungen von Helen werden über eine spezielle Software aus dem Screen-Dimensions-Regieraum gesteuert. Eine Sprecherin wird Helen eine reale Stimme verleihen. Eine spezielle Spracherkennung koordiniert die Lippenbewegungen. So wird sekundenschnell und sympathisch eine direkte und emotionale Kommunikation mit dem CeBIT-Besucher aufgebaut." Hurra Hannover, Hurra Helen! Wozu braucht Deutschland seine Superstars, wenn es immer noch Dummies hat, die die ollen Dot.com-Träume aufschäumen?
Ist die CeBIT fern, so sind die goldenen 40er noch ferner. Nein, gemeint sind nicht die 40er, in denen Deutschland schon einmal seinen singenden Superstar suchte und im Herzen eines Boxers fand. Welchselbiger ĂĽbrigens heute noch lebt, im Gegensatz zur Mutter aller RTL-Interpreten. Gemeint sind die goldenen 40er, die kommen werden, wenn 2046 Blanket Jackson singt oder 2043, wenn Ichi und Bichi die Fans zum Rasen bringen. Eben dann, wenn die direkte und emotionale Kommunikation nanosekundenschnell funktioniert, weil das Internet in der Fontanelle steckt. (Hal Faber) / (jk)