Neuer Verband will Modernisierung des TV-Kabels vorantreiben

Die groĂźen Kabelnetzbetreiber wettern gemeinsam gegen DVB-T und veraltete Regulierungsauflagen, doch der Streit mit lokalen Anbietern und der Wohnungswirtschaft scheint vorprogrammiert.

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"Die Zeit ist reif für mehr Vielfalt und weniger Vorschriften", erklärte Ernst Uhlig, Geschäftsführer des nordrhein-westfälischen Kabelnetzbetreibers ish am heutigen Dienstag anlässlich der Vorstellung des Deutschen Kabelverbands in Berlin. Zu dem Verein haben sich die großen Betreiber des TV-Kabelnetzes zusammengeschlossen. Die Herren über die Netzebene 3 (NE3), deren Machtbereich aufgrund gewachsener Strukturen hierzulande in der Regel noch vor der "letzten Meile" und damit vor dem Zuschauer endet, wollen mit ihrer neuen Interessensvertretung nach dem Verkauf der wichtigsten Kabelinfrastrukturen durch die Deutsche Telekom die Modernisierung der lange brach liegenden Netze "aktiv" vorantreiben. Schwierig entwickeln dürfte sich dabei aber das Verhältnis zu den Betreibern der Netzebene 4 (NE4), den privaten Kabelanbietern und der Wohnungswirtschaft und ihrem angestammten Dachverband, dem ANGA, der 1974 als Arbeitsgemeinschaft zur Errichtung und Nutzung von Gemeinschafts-Antennenanlagen gegründet wurde.

Die großen NE3-Betreiber sehen sich momentan zwischen allen Stühlen. Einerseits müssten sie in einem schwierigen Marktumfeld mit Programmanbietern verhandeln, um ein eigenes flächendeckendes und attraktives Angebot auf die Beine zu stellen, so Uhlig, der als Präsident des neuen Lobbyvereins fungiert. Dafür würden Inhalte gebraucht; gemeinsame Probleme, etwa beim Erwerb von Urheberrechten an Sendungen oder bei der technischen Standardisierung, seien zu bewältigen. Andererseits lieferten die großen Betreiber Signale größtenteils nur an der Haustür der Endverbraucher ab und hätten so etwa die Wohnungswirtschaft als vorgeschalteten Kunden.

Mit vereinter Marktkraft -- die Mitgliederfirmen haben laut Uhlig im vergangenen Jahr mit ihren rund 5000 Mitarbeitern rund 1,65 Milliarden Euro Umsatz erzielt und etwa 500 Millionen Euro investiert -- will der Deutsche Kabelverband seinen Gründern nun mehr Spielraum verschaffen. "Das Kabel soll als das am weitesten verbreitete Medium fair behandelt werden", forderte Uhlig. 27 Millionen Haushalte seien in Deutschland über die Strippen erreichbar, das entspräche etwa 69 Prozent der Bevölkerung. Mit dem Ruf nach "Gleichbehandlung" wendet sich der Verband vor allem gegen die "Subventionierung" anderer Verbreitungswege wie des digitalen Antennenfunks DVB-T. Die als "Überall-Fernsehen" vermarktete Wiederbelebung des terrestrischen Rundfunks mit digitalen Mitteln wird momentan vor allem in Berlin erprobt, wo Elektronik-Großhändler die benötigten Set-Top-Boxen inklusive Antenne für etwa 200 Euro anbieten. Die Furcht der Netzbetreiber ist nun, dass angesichts dem entgegenstehender monatlicher Gebühren in Höhe von rund 15 Euro fürs Kabel-TV in der Hauptstadt sich einige Kunden auf die Terrestrik rückbesinnen könnten. Auf dem Wunschzettel der Großbetreiber steht ferner die politische Deregulierung des Kabelmarktes.

Die auf die Kosten schauenden NE3-Größen wollen den Ausbau der Netze "intelligent" vorantreiben. "Wir brauchen keinen kompletten Neubau", verabschiedete sich Uhlig von alten Träumen zur Aufrüstung der gesamten Infrastrukturen auf 862 MHz. Schon mit geringen Zusatzfunktionen sei im Vergleich zu heute leicht das Zehnfache an Programmen zu transportieren. Schon heute böten die Verbandsmitglieder neben 35 analogen TV-Programmen 27 frei empfangbare und 33 verschlüsselte digitale Programme. Darunter sei auch ein umfangreiches Fremdsprachenpaket, da dies von der Wohnungswirtschaft gefordert worden sei. Die macht sich Sorgen um ihre von Satellitenschüsseln verunzierten Häuseranlagen.

Mit dem "intelligenten" Netzausbau verabschiedet sich der Verband von früheren Plänen, den Kunden möglichst bald schnelles Internet und Netztelefonie übers TV-Kabel anzubieten. Bei interaktiven Diensten müsse der Markt erst aufgebaut werden, sagte Rüttger Keienburg, Vizepräsident des Deutschen Kabelverbands und (noch) Geschäftsführer der Kabel Berlin-Brandenburg GmbH. In einem Pilotprojekt in Berlin habe sich herausgestellt, dass "niemand am Fernseher E-Mail schreiben wolle". Links auf Web-Angebote, die direkt mit Sendungen verknüpft seien, würden dagegen gleich genutzt. Doch bislang stehe das Geschäft mit der Interaktion, das bei vielen Kunden noch mit "Pay-TV" gleichgesetzt werde, nicht auf eigenen Beinen. (Stefan Krempl)/ (tol)