Was war. Was wird.
An diesem Wochenende erinnert Hal Faber an längst vergessene Computermessen im alten Europa, Gesinnungsrock und Rudyard Kipling. Aber wer bitte ist dieser Quidde aus Bremen?
Wie immer möchte die Wochenschau von Hal Faber den Blick für die Details schärfen: Die sonntägliche Wochenschau ist Kommentar, Ausblick und Analyse. Sie ist Rück- wie Vorschau zugleich.
Was war
*** Dieses WWWW ist Rachel Corrie gewidmet, dem ersten menschlichen Schutzschild, das am Sonntag zu Beginn dieser traurigen Woche getötet wurde. Auch wenn ihre Landsleute die Sache anders sehen mögen und einen Darwin Award vergeben wollen: Rachel Carrie steht für das andere Amerika, das es gibt, trotz alledem.
*** Erinnert sich jemand noch an die CeBIT, jene kleingeschrumpfte Computermesse in der norddeutschen Tiefebene, fernab aller Ölfelder, tief im alten Europa versteckt? Noch am Montag gab es nichts neben ihr, dann verschwand die Messe in einem Schwarzen Loch. Und erinnert sich noch jemand an eine kleine, avocadofarbene Schleife, die die ITler zur CeBIT tragen sollten. Im Jahr 2001 wurde sie vorgestellt und 2002 flächendeckend unters Messevolk gebracht. Gegen Rechts hätte das Bändel in diesem Jahr ein Zeichen setzen sollen, doch hat es wohl keiner getragen. Der Luxus, eine Meinung zu vertreten, ist im Zeichen sinkender Umsätze nicht gefragt. Oder lag es an der Farbe? Ist Avocadogrün vielleicht unpassend?
*** Ein Zeichen setzen, einen Baum pflanzen, ist eine sehr einfache Sache. WeiĂźe Laken, schwarze Websites signalisieren es: 2003 ist wieder einmal simples schwarzweiĂź malen modern. Schon Rudyard Kipling wusste, dass die Wahrheit das erste Opfer eines Krieges ist. Bleiben wir bei der einfachen Wahrheit: in der Aufmerksamkeitsgesellschaft profitieren alle Journalisten vom Krieg.
*** Während Bill Clinton zur Abgabezeit dieser Kolumne bei Thomas Gottschalk am Lagerfeuer der Deutschen auftauchen soll, hat sein einstiger Mitstreiter Al Gore in dieser Woche einen Auftritt anderer Art. Gore ist bei Apple in den Aufsichtsrat eingestiegen, wo er mit Drexler, Campbell, Lewinson und York Jobs zu Gefallen ist. Der Schritt des Erfinders des Internet wird von verliebten Jungs als Antikriegsstatement gewertet. Doch Steve Jobs, dem solche Statements herzlich egal sind, braucht den Vietnam-Veteranen Gore, weil Apple mainstream werden will und zwar so hauptströmerisch, dass die netteren Gurus bereits den Wechsel zum Prozessorbauer Intel vorhersagen.
*** In Zeiten, in denen Bondi-Blue endgültig aus dem Angebot verschwindet und der Panther auf sich warten lässt, darf man trefflich spekulieren. Die Falken in den Vereinigten Staaten von Amerika haben einen Abrüstungskrieg gegen den Irak begonnen. Zur gleichen Zeit soll es an der Cyber-Front weitgehend ruhig sein, auch wenn die Unix Security Guards etliche Webseiten gestört haben. Ohne vom Ernst der Lage abzulenken, schweift unser Blick nach Südafrika. Dort hat Microsoft eine Anzeigenkampagne gestartet, die den Hacker als aussterbende Spezies skizziert. Sie musste in dieser Woche nach einer Weisung des südafrikanischen Werberates wieder gestoppt werden. Allzu unwahrscheinlich erschien den Medienwächtern die kühne These, dass Microsoft-Qualität den Regeln der darwinistischen Evolutionslehre folgen könnte. Und, was das Überleben anbelangt: seit 30 Jahren lebt der Microsoft-Kritiker und Google-Hasser Daniel Brandt mit der stigmatisierenden Bezeichnung Hacker und im Gegensatz zu anderen Datenbank-Kritikern mit einer akademischen, situationsgerechten Forschung.
*** Eine andere Anzeige zierte einige Ausgaben der Zeitschrift c't, die mithin auch diese Zeilen möglich macht: "Wer gesagt hat 'Die Feder ist mächtiger als das Schwert' kannte diesen Gegner nicht". Die Generals von Command & Conquer sind als Computerspiel präziser als die unscharfen Aufnahmen, die eingebettete Journalisten von den Auswirkungen der angeblichen Präzisionsbomben schicken. Schön, die Warnungen der abgehärteten Fans, Spiel und TV nicht zu verwechseln. Natürlich sind die Bilder geschminkt, nicht nur die vom großen Befehlshabenden. Aber wie sollen das Deutsche beurteilen können, denen zur Strafe der Stoff entzogen wurde? Überhaupt lohnt es sich, in diesen Zeiten die Handelsströme zu betrachten, auch die, die in das alte Europa zurück fließen -- wobei das Verb fließen möglicherweise fehl am Platze ist
*** Ohne Whiskey und Cola gilt es, nüchtern den Krieg zu betrachten als das, was er ist: als Ausfluss altrömischen Cäsarenwahns. Heute vor 145 Jahren wurde der deutsche Pazifist und Nobelpreisträger Ludwig Quidde geboren, der den Wahnsinn bei Kaiser Wilhelm II diagnostizierte. Erste Anzeichen des amerikanischen Wahns verhöhnen Quiddes Satz "Pazifismus ist die Übertragung des demokratischen Prinzips auf die Außenpolitik" Aber wer ist schon dieser Quidde aus Bremen? Ein anderes Jubiläum sollte nach dem Ende des Kalten Krieges belächelt werden, doch die vor 20 Jahren gestartete und niemals richtig funktionierende Strategic Defense Initiative ist eine Betrachtung wert. Die Achse des Bösen, gegen die SDI in der Tradition des Geburtstagskindes von Braun als HighTech-Schild aus Raketen und Computern "Star Wars" spielen sollte, bestand aus Libyen, Nordkorea, Iran, und dem Irak. Der Abrüstungskrieg gegen den Irak tobt, das Grounding von SDI hat weitere Ziele. Und alles ist okay, seit mindestens 164 Jahren.
Was wird
Heute Abend werden Oscars verliehen -- oder auch nicht. Es wird protestiert und zensiert -- oder auch nicht. Sicher ist nur, dass Michael Moore, der große Gewinner der Alties, keine Rolle spielen wird. Daran ist nicht sein Dokumentarwerk Bowling for Columbine Schuld, sondern sein geharnischter Brief an Präsident Bush. Dann wäre da noch die Musike von System of a Down, für die Moore ein politisches Video gedreht hat. Natürlich darf es nicht fehlen, das abwertende Geschmacksurteil Gesinnungsrock. Fehlen nur noch die Lästereien über Rock für den Frieden, als ob es auf der anderen Seite nicht Nicole und das bisschen Frieden gegeben hat, ganz ohne Streit um Winnetou.
Da sind wir wieder, bei der Musik und dem immer noch eifrig Listen schickenden treuen Rezipienten meiner sonntäglichen Anmerkungen, denen ich den wunderbaren Hinweis auf die Cleaners from Venus verdanke, zusammen mit dem Anti Hornby. Ja, Pop-Musik gehört zur Bildung.
Auch in der nächsten Woche wird der Krieg nicht gestoppt. Sollte darum die Aufmerksamkeit immer nur auf den Irak gerichtet sein? In Erfurt treffen sich 200 Spezialisten für Sysstemsicherheit und Verschlüsselung aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, um eine große Bestandsaufnahme der IT-Sicherheit einzuleiten. Unter dem Stichwort "Sicherheit als globale Herausforderung" ist Microsoft mit einem Referat über das Trustworthy Computing und Palladium vertreten. Nachdem man sich in den USA über die Provinzstadt Schwäbisch Hall wundert, sind Reisen in die Provinz en vogue geworden.(Hal Faber) / (em)