Verbände beklagen "Ingenieurslücke"
Während der Fachkräftemangel in der Informatik kein Spitzenthema mehr ist, klagen VDI und VDE unisono über zu wenig Nachwuchs in Elektrotechnik und Maschinenbau.
In den kommenden fünf Jahren werden in Deutschland voraussichtlich 20.000 Ingenieure pro Jahr fehlen. Der Deutschen Volkswirtschaft würden so etwa 1,2 Milliarden Euro oder rund ein Prozent Wachstum entgehen, erklärte der Direktor des Verbandes Deutscher Ingenieure (VDI), Willi Fuchs, zum Auftakt der Hannover Messe. Zuvor hatte bereits der Verband der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik (VDE) beklagt, dass speziell in der Elektrotechnik in diesem Jahr 6000 Absolventen ein Bedarf von 13.000 Abgängern gegenüberstünde. Was den sich bereits seit zwei Jahren abzeichnenden Fachkräftemangel besonders dramatisch mache, sei die Tatsache, dass sich das Problem gerade auch in den Wachstumssektoren wie etwa Mikro- und Nanotechnologie verschärfe.
Wenn es nicht möglich sei, den Fachkräftebedarf über die eigenen Hochschulen zu decken, müsse sich die Politik rasch auf eine Zuwanderungsregelung einigen, forderte Fuchs. Aus dem Fundus der zur Zeit rund 64.000 arbeitslosen Ingenieure ließe sich der Bedarf nur zu einem kleinen Teil decken, denn über 60 Prozent dieser Arbeitslosen sei bereits über 50 und hätte "in der Vergangenheit keine Gelegenheit gehabt, sich ausreichend weiterzubilden", erklärte Fuchs weiter. "Wer sich vor der Arbeitslosigkeit schützen will, der muss sich unbedingt laufend weiterbilden." Da sich die tariflich vereinbarte Arbeitszeit in den vergangenen 40 Jahren um rund 22 Prozent verringert habe, sei dies auch gut möglich, meinte Fuchs. Die Beschäftigten müssten die Bereitschaft aufbringen, sich in ihrer Freizeit weiterzubilden -- Arbeitgeber müssten diese Weiterbildung finanzieren.
Als zentral erweise sich neben der Bereitschaft zur Weiterbildung auch die wachsende Interdisziplinarität, erklärte Fuchs. Früher sei ein Ingenieur Experte auf einem Gebiet gewesen, heute müsse er sich "in vielen Disziplinen auskennen". Die jetzt neu geschaffenen international kompatiblen Studiengänge böten eine große Chance, diese Interdisziplinarität in der Ausbildung zu installieren.
Professor Rolf Isermann -- Mechatronik-Professor aus Darmstadt und von der Zeitschrift Technology Review zu einer der Persönlichkeiten gewählt, die die technologische Entwicklung in den nächsten zehn Jahren entscheidend mit beeinflussen werden -- hält dagegen nichts von Bachelor- und Master-Studiengängen. Kollegen aus Berkeley und vom MIT hätten ihm erzählt, sie würden den Bachelor am liebsten wieder abschaffen, erklärte Isermann während der VDE-Pressekonferenz. "Das haben sich ein paar Politiker so ausgedacht, um die Studiengänge in Europa zu harmonisieren, dabei gibt es dieses System im wesentlichen in Großbritannien. Es ist einfach nicht möglich, in drei bis vier Jahren einen Ingenieur so auszubilden, dass er wirklich in der Praxis eingesetzt werden kann." Gerade im Fach Mechatronik würden die Studierenden im Grunde genommen ja zwei Studiengänge absolvieren. "Da brauchen wir vielleicht sogar mehr Zeit. Wir dürfen unser hervorragendes Ausbildungssystem nicht vernachlässigen, das wäre ein Fehler."
VDE-Präsident Klaus Wucherer sieht neben "fehlender Technik-Begeisterung in der Bevölkerung" auch die Informatik als Ursache für den Mangel an Ingenieurstudenten. Viele junge Menschen würden glauben, es reiche, "mit einem Rechner umzugehen". Im Informatik-Studium würden ihnen aber nicht genügend naturwissenschaftliche Grundlagen beigebracht, "um die technische Welt wirklich zu verstehen". Abgesehen von den schlechteren Berufsaussichten in der Informatik würden viele dieser Studenten ihr Studium auch frustriert abbrechen. (wst)/ (anm)