Absterbende Kulturtechniken
Wir leben in Zeiten des Umbruchs. Analoge Dinge, die einst jeder von uns tat, werden zur Ausnahme und durch digitale Äquivalente ersetzt. Das ist manchmal schon ein bisschen schade.
Kürzlich habe ich mir einen sehr schönen neuen Stift gekauft. Irre, was es da in den letzten Jahren für wenige Euro alles gibt - Gel-Kugelschreiber beispielsweise, gerne auch aus Japan, die ein Schreibgefühl vermitteln, wie ich es in meiner Jugend einfach nicht kannte. Damals mussten wir noch mit ständig austrocknenden Füllern hantieren, von denen in meinen letzten Schuljahren gar heute schrecklich unhippe mit Holzfurnier vielfache Verwendung fanden.
Ich muss zugeben, dass ich allerdings inzwischen ein absoluter Wenigschreiber geworden bin. Die analoge Kulturtechnik wird bei mir mehr und mehr durch das digitale Äquivalent der Nur-Text-Datei ersetzt. (Word? Nein Danke.) Selbst in meinem journalistischen Alltag unterwegs habe ich ständig einen Laptop, mein iPhone (ja, da tippe ich inzwischen doch recht flott) oder ein digitales Aufnahmegerät parat, um berichtenswerte Momente festzuhalten.
Wenn man dies weiterdenkt, stellt sich schon die Frage, wie lange wir Menschen wirklich noch mit der Hand schreiben werden. Selbst wenn Apple nun endlich sein Tablet veröffentlicht und einige Firmen versuchen, Schriftliches mit Digitalem tatsächlich vernünftig (im Gegensatz zu früher) zu verbinden, sind Tippen und Spracheingabe doch unaufhaltsam auf dem Vormarsch.
Was ist die Antwort? Moleskines mit eingebautem Digitalisierblock? Digitale beschreibbare Tinte? Oder verschwindet die Kulturtechnik einfach so, wie Pferdewagen das Zeitliche segneten? Immerhin, im Unterricht wird immer noch von Hand geschrieben, obwohl auch dort kaum jemand mehr ohne Laptop (samt RechtschreibprĂĽfung) auskommt.
Ich selbst ertappte mich beim Spielen mit meinem neuen Stift dabei, dass ich mich nicht mehr recht an meine kindliche Schreibschrift erinnern konnte, die ich zugunsten einer im journalistischen Alltag wesentlich besser lesbaren Blockschrift einst aufgegeben hatte. Inzwischen erwäge ich, einfach aus Trotz und zum Zwecke der Erhaltung des Schriftlich-Analogen einen Kurs in Steno zu belegen - das wollte ich schon immer einmal tun. (Aber auch die ist ja längst digitalisiert.)
Ganz verschwinden werden Schreibblock und Stift aber trotzdem nicht. Andere alte Kulturtechniken haben sich ebenfalls erhalten. Wie ich neulich erstaunt feststellte, werden auch heute noch erfolgreich Schreibmaschinen verkauft und die zugehörigen Farbbänder ebenso. Und auch die Computertechnik verändert sich ja ständig. Floppys gibt's trotzdem noch. (wst)