Die Sch...-Bahn
In Berlin verspielt die deutsche Verkehrstechnik gerade ihren hervorragenden Ruf. Das kommt davon, wenn jahrelang nur auf Renditen und BWL-Management, aber nicht auf Ingenieure gesetzt wird.
Wenn man mich vor ein paar Jahren gefragt hätte, ob ich es mir vorstellen könnte, dass in der Hauptstadt auf den wichtigsten Strecken wochenlang die S-Bahn ausfällt, die die größten Berliner Verkehrslasten zu tragen hat, ich hätte es nicht geglaubt. Tatsächlich gab es so etwas seit dem Krieg nicht, eine Stadtbahn ohne Züge; selbst zu Mauerbau- und Mauerfallzeiten gelang es den Verkehrsbetrieben stets, diese legendäre Route, die mitten durch die wichtigsten Bezirke führt, am Leben zu erhalten.
Erst fällt dem Eisenbahnbundesamt auf, dass die Räder der Bahnen im großen Stil nicht korrekt geprüft worden waren; ein gigantischer Notfallfahrplan zur Nachkontrolle mit der ersten Stadtbahn-Sperrung war die Folge. Dann glaubte man zunächst, die Sache hätte sich so langsam wieder eingependelt. Doch nein: Seit letzter Woche ist das Chaos wieder da. Diesmal fiel der S-Bahn auf, dass es Ausfallgefahren an den Bremsen geben könnte. Daraufhin gingen mal eben drei Viertel aller Fahrzeuge aufs Abstellgleis und die Stadtbahn ist seither wieder dicht.
Ich komme mir inzwischen ein bisschen vor wie im New York der Siebzigerjahre. Damals stand die Stadt kurz vor der Pleite, konnte Züge nicht warten lassen, nur Hartgesottene trauten sich in die Subway. In Berlin gibt es einen entscheidenden Unterschied: Die S-Bahn ist seit Jahren ein hochprofitabler Betrieb und der einzige Grund, warum bei der Wartung so massiv geschlampt wurde, war der starre Blick auf die rein betriebswirtschaftliche Seite – ergo die Möglichkeit, den Gewinn der Mutter Deutsche Bahn zu erhöhen, die so gerne an die Börse wollte.
Man kann das als etwas Heuschreckenhaftes sehen, als Zeichen der Auswüchse, die wir auch an den Finanzmärkten hatten. Ich sehe es als etwas anderes: Im Management haben inzwischen auch in Deutschland viel zu oft die Erbsenzähler das Sagen, nicht die Ingenieure. Wenn Sie meine Meinung hören wollen: Wenn ein echter Verkehrsingenieur bei der Berliner S-Bahn an der Spitze gestanden hätte und kein Jurist, wäre so etwas eher nicht passiert – schon allein aus Gründen der ingenieurtechnischen Berufsehre. (Der neue Geschäftsführer ist übrigens wieder ein BWLer, allerdings immerhin mit langjähriger Bahn-Erfahrung.)
Wenn man in Deutschland Angst haben muss, in den öffentlichen Personennahverkehr einzusteigen, weil das Management aus Kostengründen mit dem Leben seiner Kundschaft spielt, ist es schlecht bestellt mit unserer Verkehrstechnik. Dabei sollte doch genau die ein Verkaufsschlager sein.
Vielleicht sollten wir unseren Kindern wieder beibringen, wie toll die Ingenieurwissenschaften doch sind, bevor sie in Richtung Jura und BWL aufbrechen. Von den Jungs und Mädels haben wir langsam genug – im doppelten Wortsinn. (wst)